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15.06.2009

Gängele rauf, Gängele runter

Babenhausen Schon das erste Gängele bei der Gässelestour ist etwas Besonderes. Nicht, weil es steil ist. Nicht, weil es hochführt zum Paradies. Das Einzigartige liegt am Namen: Berggasse. Klingt unspektakulär, ist aber außergewöhnlich.

Denn normalerweise, weiß Heimatforscher Dieter Spindler, sind die kleinen Gassen und Wege abseits der großen geteerten Straßen namenlos. Das sind einfach nur "Gängele". 32 hat er gezählt für ganz Babenhausen, ein paar von ihnen will er den Babenhausern auf seiner Tour zeigen. Sie laufen irgendwo zwischen zwei Häusern durch, entlang einer hohen Mauer, neben Zäunen und Büschen. Irgendwann, vor vielen Jahrzehnten, hat jemand mal nach einer Abkürzung gesucht - das war der Ursprung der Gängele.

Eine große Gruppe Babenhauser ist unterwegs mit Dieter Spindler auf Wegen, die nicht im Ortsplan eingezeichnet sind. Die Liste engagierter Bürger (LeB) will zeigen, dass sich einige dieser "Lebensadern" (Barbara Kreuzpointner) in einem schlechten Zustand befinden.

Vom Clemens-Hofbauer-Haus geht's die Berggasse hoch, das Geröll knirscht unter den Schuhen. Zum Paradies, das sich gleich anschließt oben am Neuberg, will Dieter Spindler nicht weiter. Ihn zieht's Richtung Ruchtiberg. Dort bleibt er stehen, vor dem "Bergbäck". Und dann erzählt er von einem Bäcker, der eines Nachts sehr spät heimgekommen ist und nur nicht an den nächsten Morgen denken wollte. Zu seiner wütenden Frau soll er gesagt haben: "Erwach' ich, dann back' ich, erwach' ich nicht, dann back' ich nicht." Dann ging er ins Bett.

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Runter geht es dann den Berg - und das ist fast das Ende der Tour für Fiona. Friedlich schlummert die jüngste Teilnehmerin mit ihren grade mal sechs Monaten. Doch das Gängele mit seinen Treppen ist nichts für einen Kinderwagen. Papa muss einen Umweg fahren, zum Glück ist nebendran gleich noch mal eine Gasse. Bei Emilie Denk wecken die Treppen Erinnerungen. "Das war mein Schulweg", sagt sie. Nach dem Krieg, als kleines Kind, kam sie als Vertriebene nach Babenhausen. Viele der Gängele kennt sie, nicht alle. An der Schlossmauer entlang, links am Rathaus vorbei, da war sie viel unterwegs.

Weiter hinten kam nämlich die Molkerei, da ist sie als Mädchen oft angestanden für Eiweißpaste. Und außerdem, weiß Spindler, war die Molkerei früher "das schwarze Brett" eines Ortes. "Hoscht scho ghert?" Mindestens so wichtig wie eine volle Kanne Milch war der neueste Klatsch und Tratsch.

Als Spindler am Fuße der Schlossmauer steht, zwischen den hohen Mauern, erzählt er von der Babenhauser Reeperbahn. Direkt drüber liegt sie. Sie war nicht der Arbeitsplatz leichter Mädchen, sondern der schwer arbeitenden Seiler. Einer von ihnen soll mal erzählt haben, dass er dort oben 15 Kilometer rückwärts gelaufen ist an einem Tag - für ein langes Glockenseil. Die Gruppe zieht weiter, manchmal auch über breite Straßen. Die Autos müssen dann warten, wenn der Gängelezug passiert.

Weiter unten, am Magnusweg, macht die Gruppe Halt vor einem Wegkreuz. 1877 steht drauf. Spindler kennt die Geschichte. In diesem Jahr ist eine Mutter zur Wallfahrt aufgebrochen, ihr Kind konnte nicht laufen, wahrscheinlich Kinderlähmung. Als sie zurückkam, lief ihr das Kind entgegen. Aus Dank stellten die Eltern das Kreuz auf. Viele "Ahas" sind zu hören, Spindler deckt an vielen Ecken unbekannte Geschichten auf. Kurz vor dem Ende der eineinhalbstündigen Tour zwängt sich die Gruppe in die Wintergasse. Wieder eines der wenigen Gässele mit Namen. Und den hat es auch erst seit zwei Jahren.

Bei uns im Internet

Mehr Bilder von der Gässelestour

www.illertisser-zeitung.de/bilder

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