Ulm

15.06.2018

Gala der Gefühle

Zart, aber kraftvoll agierten die Tänzer von Ricardo Fernandos Augsburger Ballett-Compagnie im Zelt.
Bild: Horst Hörger

Von wild bis still: Der neue Augsburger Ballettdirektor Ricardo Fernando zeigt im Ulmer Zelt eine Auswahl seiner Choreografien.

 An vier Veranstaltungsorten findet das dritte zehntägige Tanzfestival „Ulm moves!“ statt. Das Ulmer Zelt war an seinem Abend sogar ausverkauft: Dort zeigte Ricardo Fernando, seit einem Jahr Direktor des Balletts am Theater Augsburg, „Shortcuts“, Ausschnitte aus seinen Choreografien in Form einer Gala-Show. Der gebürtige Brasilianer Fernando ist ein Meister der Dramaturgie – das zeigte der Ablauf der „Shortcuts“ im Zelt. Nach Mauro Bigonzettis abschließender temperament- und fantasievoller Tarantella-Choreografie „Cantata“ huldigten die Zuschauer – darunter Ulms Kulturbürgermeisterin Iris Mann und mehrere Stadträte – der Augsburger Ballett-Compagnie mit Standing Ovations und „Bravo!“-Rufen.

Der Römer Bigonzetti versetzt die Zuschauer auf einen süditalienischen Dorfplatz. Hier wird Tarantella getanzt – und angesichts dessen, was die zehn Compagnie-Mitglieder an Feuer abliefern, wird der Ausdruck „wie von der Tarantel gestochen“ verstehbar: Der wilde Tanz sollte in vergangenen Jahrhunderten eine Therapie sein gegen den Biss einer Giftspinne, der Europäischen Schwarzen Witwe. Der Gebissene sollte bis zur kompletten Erschöpfung tanzen, um das Gift aus dem Körper zu treiben, wofür eigens Musiker vor sein Haus kamen. Bis zur Erschöpfung tanzen auch Fernandos Tänzerinnen und Tänzer – die Tarantella-Interpretation Bigonzettis imitiert aber einen Ausdauer-Wettbewerb werbender junger Männer um die Dorfschönheiten, wozu der Tanz, pure Lebensleidenschaft sprühend, später mutierte.

Ein weiteres Highlight: das Solo des brasilianischen Tänzers Douglas de Almeida zur legendären Arie „Lascia ch’io pianga“ aus der Händel-Oper „Rinaldo“. Freilich ist die faszinierende, nahezu magische Stimme, zu der de Almeida tanzt, nicht die des berühmtesten aller Kastraten des 18. Jahrhunderts, Carlo Broschi, genannt Farinelli, von der natürlich keine Aufnahme existiert. Die wunderbar emotionale Stimme zum Tanz-Solo entstammt dem vor 24 Jahren gedrehten Film „Farinelli, der Kastrat“ und wurde aus den Stimmen eines Countertenors und einer Koloratur-Sopranistin eigens synthetisch erzeugt, um einen Eindruck von der Faszination und dem Stimmumfang der Legende zu vermitteln. Dennoch: Gefühl pur entsteht beim Solo, während dessen es Douglas de Almeida gelingt, das Klagelied um die verlorene Freiheit in anrührende Bewegung umzusetzen.

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„Shortcuts“ zeigte große Vielfalt: Mit „Club 27“ geht Ricardo Fernando zu Musik von Janis Joplin, Jimi Hendrix, Kurt Cobain, Amy Winehouse und Jim Morrison in die Hall of Fame 27-jährig verstorbener Rock- und Soul-Musiker. Die Szenen rocken zu starken Bildern, erzählen aber keine Geschichten wie beispielsweise „Six Breaths“ es tut. Die stille und sphärisch-fließende Choreografie bringt in Pas de deux eine homosexuelle und eine heterosexuelle Liebesbeziehung auf die Bühne.

Ulm moves!“ geht am Wochenende mit einem „Grand Finale“ der Londoner Hofesh Shechter Company im Theater Ulm (19 Uhr) am Samstag und der Madrider Sharon Fridman Company am Sonntag im Roxy (20 Uhr) zu Ende.

Vorverkauf Karten für die beiden Abende gibt es unter ulmmoves.de.

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