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Landkreis Neu-Ulm

21.05.2020

Gastro und Friseure dürfen öffnen - Sportstudios fühlen sich übergangen

Unter dem Motto „Nimm deine Gesundheit in die eigene Hand“ fand am Mittwoch eine Demonstration in Weißenhorn statt. Die Veranstalter wollten zeigen, dass auch Fitnessstudios systemrelevant sind.
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Unter dem Motto „Nimm deine Gesundheit in die eigene Hand“ fand am Mittwoch eine Demonstration in Weißenhorn statt. Die Veranstalter wollten zeigen, dass auch Fitnessstudios systemrelevant sind.
Bild: F. Wolfinger

Plus Weißenhorner Fitnessstudios demonstrieren, der Betreiber von „Mein Fitnessclub“ in Illertissen und Vöhringen klagt beim Verwaltungsgericht: Sie alle wollen ihren Kunden wieder Training anbieten

Sadik Selcuk, Betreiber zweier Fitnessstudios in Illertissen und Vöhringen, ist frustriert. Frustriert davon, dass allein im Studio in Illertissen rund 100 teure Fitnessgeräte unbenutzt herumstehen. Frustriert davon, dass die Politik keine vernünftigen Antworten auf seine Fragen findet. Frustriert genug, um zu klagen.

Als Erste geschlossen, als Letzte wieder offen

Während inzwischen sogar Gastronomen, wenn auch unter strengen Auflagen, wieder Gäste bewirten dürfen, warten die Sportstudios noch immer auf ein Signal aus der Politik. „Ich freue mich für alle Wirte, die jetzt wieder arbeiten dürfen“, sagt Selcuk. Doch er will auch an die vielen Fitnessstudios in der Region erinnern: „Wir waren die Ersten, die zumachen mussten, und sind jetzt die Letzten, die immer noch geschlossen sind.“ Zumindest so gut wie geschlossen. In seinen beiden Studios bietet er auch sogenanntes EMS-Training (Elektromuskelstimulation) an. Das ist nach einer Entscheidung des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs in München wieder erlaubt.

Im Studio „Mein Fitnessclub“ in Illertissen steht Sadik Selcuk inmitten unbenutzter Geräte. In dem weitläufigen Raum könnten ohne Probleme Sicherheitsabstände gewahrt werden, sagt er.
Bild: F. Wolfinger

Warum EMS hier eine Sonderrolle einnimmt? Selcuk erklärt: EMS werde in den meisten Fällen von spezialisierten Microstudios angeboten. Die Sportler werden dabei von einem Trainer persönlich betreut. Das habe die Richter wohl davon überzeugt, dass EMS-Studios anders zu behandeln seien als reguläre Fitnessstudios. Dass diese, wie er in den beiden Filialen von „Mein Fitnessclub“, EMS mit im Angebot haben, sei eher die Ausnahme. So wird nun in dem kleinen Raum mit den beiden EMS-Geräten fleißig trainiert, während im Rest des Studios nach wie vor gähnende Leere herrscht.

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Abstandsregeln seien für Fitnessstudios kein Problem

Dafür hat Selcuk grundsätzlich sogar Verständnis, dienen die Maßnahmen ja zur Eindämmung der Epidemie. Es sei aber die Unverhältnismäßigkeit im Vergleich zu anderen Branchen, die ihm sauer aufstößt, erklärt er. Er ist überzeugt davon, dass ein Training mit den entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen möglich wäre. Auf den knapp 1000 Quadratmetern, die sein Studio in Illertissen hat, könnten ohne große Probleme Abstandsregeln eingehalten werden. Vielleicht sogar besser als in manchen beengteren Läden oder Restaurants.

Selcuk hat sich daher entschieden, beim Verwaltungsgericht Augsburg eine Klage einzureichen. Er fordert, zumindest Einzeltrainings anbieten zu dürfen, die unter denselben Voraussetzungen stattfinden könnten wie die bereits erlaubten EMS-Trainings: also eben mit entsprechendem Abstand, nur eine Person pro Trainer oder zwei, wenn sie demselben Haushalt angehören. Auch auf Sporthilfsmittel wie Hanteln oder Gewichte könnte verzichtet werden.

Alle Kunden checken sich ohnehin ein

Weil sich die Kunden bei ihm ohnehin am Eingang mit einer Karte einchecken, könne auch problemlos nachvollzogen werden, wer sich wann mit wem in dem Studio aufgehalten hat. Im Gegensatz zum Restaurant, wo man extra ein Formular ausfüllen muss, funktioniert das in den meisten Fitnessstudios viel einfacher und darüber hinaus komplett kontaktfrei.

Selcuk rechnet täglich mit der Antwort des Verwaltungsgerichts, doch bisher lässt diese auf sich warten. Der Ulmer Rechtsanwalt Thomas Kienle vertritt den Fitnessstudiobetreiber. Er sagt, er habe das Gefühl, das Augsburger Verwaltungsgericht sitze die Sache aus. Die Corona-Verordnung gilt aktuell noch bis zum 29. Mai. Ab dann muss es neue Anweisungen des Innenministeriums geben.

Kienle sieht rechtlich unter anderem den Gleichheitsgrundsatz verletzt. Er zieht einen Vergleich zu Friseuren, die ebenfalls eins zu eins mit ihren Kunden arbeiten. Ein Personal-Training erfordert nicht mehr Kontakt zwischen den Beteiligten. Dem Anwalt fehlt außerdem eine Erklärung dafür, warum ausgerechnet EMS-Trainings erlaubt sein sollen und andere nicht.

Muskeltraining stärkt das Immunsystem

Stephanie Raschke vom Studio H9 Gesund Fit in Weißenhorn rückt beim Thema „geschlossene Sportstudios“ einen weiteren Aspekt in den Vordergrund: Entgegen des gängigen Klischees geht es in der Fitnessbranche nicht nur um Training zu optischen Zwecken. „Die Mitglieder kommen nicht zu uns, weil ihnen zu Hause langweilig ist“, sagt Raschke. Viele derer, die bei H9 trainieren, tun dies aus gesundheitlichen Gründen, etwa um mit der Bewegung Schmerzen entgegenzuwirken oder vorzubeugen. Dazu kommt, so erklärt Raschke, dass es einen nachgewiesenen Zusammenhang zwischen Muskeltraining und einem gestärkten Immunsystem gebe.

Auch bei Raschke ist das Unverständnis darüber groß, dass Sportstudios nicht öffnen dürfen, während es in anderen Branchen, die die Hygienevorschriften nicht besser umsetzen können, erlaubt ist. Im Gegenteil: Im Studio treffe sich nur ein ausgewählter Mitgliederkreis, wer ein und aus geht werde digital erfasst, man könne gut desinfizieren und Mindestabstände könnten ebenfalls problemlos eingehalten werden.

Raschke und ihre Kollegen vom Studio H9 sowie das Bananas und das Fit86 haben deshalb eine Demonstration auf dem Weißenhorner Schlossplatz organisiert. Das Motto: „Nimm die Gesundheit in deine eigene Hand.“ Sie wollen darauf aufmerksam machen, dass auch die Studios wichtig sind. Mit 50 angemeldeten Teilnehmern gab es ein kleines Training. Außerdem gab es Reden zu den Themen „Zusammenhang zwischen Muskeltraining und Immunsystem“ und „Systemrelevanz von Gesundheitsstudios“.

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