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Kreis Neu-Ulm

19.08.2012

Germaniten bilden Staat im Staat mit eigenen Ausweisen

Wer den „Staat“ Germanitien vertritt, tut das sozusagen mit breiter Brust: Das selbst ernannte diplomatische Corps tritt mit großem Aufdruck auf dem T-Shirt auf. Er zeigt das „Staatswappen“ mit Adler vor weißem und blauem Hintergrund.
Bild: Ronald Hinzpeter

Die Germaniten treten für einen eigenständigen Staat innerhalb Deutschlands ein und sehen sich als Opfer der BRD. Die Skepsis bei den Behörden wächst.

Diplomaten tragen gemeinhin feinen Zwirn. Die Mitglieder des „diplomatischen Corps“ von Germanitien hingegen bevorzugen ein T-Shirt, auf dem ein rundes Logo mit einem Seeadler davon kündet, dass der Träger einen Staat vertritt. Allerdings ist dieser von niemandem anerkannt – schon gar nicht von der Bundesrepublik Deutschland, denn das, was die T-Shirt-Diplomaten vertreten, liegt auf ihrem eigenen Territorium. Dennoch sind die „Germaniten“ felsenfest davon überzeugt, dass ihr Volk existiert und auch ein Recht hat, auf dem Territorium der BRD einen eigenen Staat auszurufen.

Immer mehr Menschen bekennen sich zu Germanitien

Angeblich bekennen sich hierzulande bereits 8000 bis 10000 Menschen zu Germanitien, sagt Claudia Obermeier. Sie lebt in Senden im Landkreis Neu-Ulm und ist „Einsatzleiterin Spezialmission“, wie sie sagt. Das entspreche dem Rang einer Ministerin. Sie trägt auch kein Diplomaten-Shirt. In der Region gebe es immer mehr Menschen, die sich zu Germanitien bekennen. Nach Schätzung von Claudia Obermeier sind es im Raum Ulm/Neu-Ulm „mehr als 100“, im Landkreis Neu-Ulm seien es 60 bis 70 – „mit steigender Tendenz“.

Ihr Treffpunkt ist die Vöhringer Gaststätte „Zom verkaufda Großvadder“. Bei den „Informationsabenden“ seien es regelmäßig zehn bis 40 Leute, entweder „Interessenten“ oder bereits „Staatsangehörige“. Solche Treffen gibt es unter anderem in Augsburg, in Neresheim und in Westerheim im Alb-Donau-Kreis. Dort unterhält der „Staat“ seine „Hauptbotschaft“.

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Am Anfang stand eine Gruppe von „Justizopfern“

Gegründet wurde das fiktive Gebilde von einer Frau namens Ulrike Kuklinski im Dezember 2010, die sich als Opfer der deutschen Justiz sieht. Zusammen mit Gleichgesinnten, die sich durch Behörden oder Justiz in ihren Menschenrechten verletzt sehen, gründete sie die „Deutsche Ringvorsorge“, die Keimzelle des Staates Germanitien.

Auch Claudia Obermeier kam durch einen juristischen Vorgang zu den Germaniten, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Sie habe bei einer Zwangsversteigerung, von der eine Freundin betroffen war, dem Rechtspfleger lediglich eine Frage gestellt. Doch der empfand das als Beleidigung. Sie wiederum fühlte sich ungerecht behandelt und schloss sich den Germaniten an, weil diese ihr „Rechtssicherheit“ böten. Ohnehin empfindet sie einiges an ihrem früheren Leben als Bundesbürgerin als merkwürdig. So stört sie sich daran, dass im Personalausweis als Staatsangehörigkeit „deutsch“ steht: „Wir sind doch keine Sprache! Wir sind Menschen!“ Schon das Wort „Personalausweis“ ist geeignet, sie auf die Palme zu bringen: „Ich bin kein Personal, ich bin kein Sklave. Personal und Persönlichkeit sind zwei Paar Stiefel“, betont sie. Mittlerweile sieht sie sich auf dem Gebiet der Bundesrepublik als „Binnenflüchtling“ – zusammen mit „anderen Opfern der BRD“.

Für Germamiten gelten die deutschen Grenzen von 1937

Germanitien hingegen halte sich an die Menschenrechte und habe auch ein gerechtes Steuersystem – im Gegensatz zu dem der Bundesrepublik, das „übermäßig“ die Bürger abschröpfe. Dabei ist sie und ihre Gleichgesinnten davon überzeugt, dass Deutschland kein vollwertiger Staat sei. Es habe keine gültige Verfassung, da es darüber keine Volksabstimmung gegeben habe. Vielmehr besteht für Germaniten Deutschland in den Grenzen von 1937 fort.

Zum Volk von Germanitien gehören auch Türken und Italiener

Das jedoch lässt immer wieder den Verdacht aufkommen, dass die Germaniten aus der ganz rechten Ecke kommen. Claudia Obermeier und Sascha Mario Kassner, der ein Diplomaten-Shirt trägt und zur „Spezialmission technischer Dienst“ gehört, beteuern, dem sei nicht so: „Wir sind keine Sekte, wir sind keine Nazis.“ Zum Volk von Germanitien gehören auch Türken, Italiener, Iren. „Das sind für uns einfach Menschen“, sagt Claudia Obermeier. Überhaupt wolle man mit allen in Frieden leben, vor allem mit der BRD.

BRD erkennt Germaniten nicht an

Die erkennt allerdings Germanitien nicht an und hält die Unabhängigkeitserklärung für rechtlich wirkungslos. Grundsätzlich jedoch ist eine Anerkennung nicht nötig, wie Prof. Martin Nettesheim erklärt, der Lehrstuhlinhaber für Staats- und Verwaltungsrecht, Europarecht und Völkerrecht an der Eberhard Karls Universität Tübingen. In einem Interview über die Germaniten sagte er: „Die Frage der Anerkennung durch andere Staaten oder die Vereinten Nationen ist nicht entscheidend.“ Für eine Staatsgründung sei vielmehr anderes relevant: „Eine Abspaltung setzt nicht nur voraus, dass es ein Staatsgebiet und ein Volk gibt, sondern auch, dass innerhalb dieses Staates faktisch die Hoheitsgewalt ausgeübt würde.“ Dafür müsste die Bundesrepublik ihre Hoheitsgewalt zurücknehmen. „Das wird sie nicht freiwillig tun.“

Polizisten beanstanden germanitischen Führerschein

Nichtsdestotrotz beharren die Germaniten darauf, ein Staat zu sein und geben eigene Papiere heraus. Damit sind sie bei der Polizei im Landkreis bereits aufgefallen. So wurde ein „Dienstfahrzeug“ der Germaniten mit eigenem „Kennzeichen“ gestoppt, bei einem Bewerbungsgespräch zeigte jemand ein Personaldokument des „Staates Germanitien“ vor und bei einer Verkehrskontrolle wurde ein germanitischer Führerschein beanstandet.

Kritik ficht die Germaniten nicht an

Aufgefallen sind die Germaniten auch dadurch, dass sie Behörden mit handgeschriebenen Faxen bombardieren. Das Amtsgericht Reutlingen hat dazu in einem Urteil in einem Beleidigungsprozess (10 Cs 26 Js 23507/11) folgendes festgestellt: „Die Schreiben zeichnen sich in erster Linie durch eine chaotische handschriftliche Gestaltung, Unübersichtlichkeit sowie durch die fehlende Beherrschung der deutschen Grammatik und Sprache aus.” In einer pseudorechtlichen Fantasiesprache würden wahllos rechtliche Begriffe aneinandergereiht.

Kritik ficht die Germaniten nicht an. Claudia Obermeier ist überzeugt, ihr Staat wird irgendwann die Oberhand gewinnen: „Ich glaube nicht, dass jemand das Wachstum von Germanitien aufhalten kann.“

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