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Illertissen

14.06.2018

Glyphosat: Illertissen setzt auf freiwilligen Verzicht

Der Unkrautvernichter Glyphosat wird von Landwirten vor oder nach dem Anbau von Feldfrüchten ausgebracht. Die Pflanzen nehmen das Mittel über Blätter oder Stängel auf.
Bild: Symbolfoto: Steven Lüdtke, dpa

Zuschüsse sollen Landwirte in Illertissen dazu anregen, vom umstrittenen Unkrautvernichter abzusehen. Was Bauern aus der Region zu dessen Einsatz auf den Feldern sagen.

Franz Sedelmaier ist Landwirt. Einer mit Herzblut, wie er sagt. Und ja, gelegentlich, da bringe er auch Glyphosat auf seine Felder aus. Jenen Unkrautvernichter, über den seit einigen Jahren intensiv gestritten wird.

Seitdem die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat in einem Bericht als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft hat, steht das Mittel in der Kritik. Seit den 70er-Jahren wird kein Herbizid auf der Welt häufiger gespritzt. Naturschützer gehen davon aus, dass es maßgeblich zum Artensterben in der Agrarlandschaft beiträgt. Inwieweit es für den Menschen gesundheitsgefährdend ist, darüber sind sich Experten uneins. Fakt ist, dass es nach einem Beschluss der EU-Staaten auf europäischen Feldern vorerst weiter eingesetzt werden darf.

Bei Bauern wie Sedelmaier wird Glyphosat dazu genutzt, Unkraut vor oder nach dem Anbau von Feldfrüchten zu bekämpfen. Die Pflanze nimmt das Mittel über die Blätter auf – erst dann breitet es sich bis zu den Wurzeln aus. Die Folge: Nach zehn bis 14 Tagen werde das Unkraut welk und sterbe ab, sagt Sedelmaier. „Die Felder werden dann braun.“ Da der Wirkstoff nicht selektiv ist, wirkt er nicht nur im Unkraut, sondern in jeder Kulturpflanze, die getroffen wird. Bei den Landwirten in Illertissen werde das Mittel auch deshalb sehr verantwortungsbewusst und eher selten eingesetzt. „Wir sind uns den Problemen bewusst.“

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In der Sitzung des Bau- und Umweltausschusses stand der Illertisser Ortsobmann des Bayerischen Bauernverbands am Dienstag Rede und Antwort. Wie berichtet, hatte die SPD-Stadtratsfraktion unter anderem den Antrag gestellt, dass die Stadt den Einsatz glyphosathaltiger Herbizide auf ihren Flächen verbieten sollte – so, wie es derzeit in immer mehr Kommunen und Landkreisen in ganz Deutschland der Fall ist. Auch in der Region wurden ähnliche Anträge bereits in Neu-Ulm oder Ulm vorgebracht. Der Landkreis Unterallgäu hat sich im Frühjahr sogar dazu verpflichtet, auf kreiseigenen Flächen keine glyphosathaltigen Pflanzenschutzmittel und sogenannte Neonicotinoide (Insektenvernichter) mehr einzusetzen. Weitere Beispiele könnten folgen.

In Illertissen wären von einem Glyphosat-Verbot grundsätzlich nur die Flächen betroffen, die die Stadt verpachtet hat. Denn zur Unkrautvernichtung zum Beispiel auf Grünstreifen wird das Mittel bereits seit 2014 nicht mehr verwendet. Das betonte Bauhofleiter Michael Kienast im Ausschuss noch einmal. Sind etwa Einlaufschächte in der Nähe, sei der Einsatz von Pestiziden ohnehin verboten. Denn dann bestehe Gefahr, dass die Mittel in den Wasserkreislauf gelangen.

Von den insgesamt 111 Hektar Fläche, die die Stadt also verpachtet hat, werden laut Bürgermeister Jürgen Eisen 75 Hektar als Ackerland genutzt, die restlichen 36 Hektar sind Grünland. Eisen unterstrich im Ausschuss die gute Zusammenarbeit, die die Stadt mit den Landwirten pflege. Bevor über mögliche Verbote entschieden werde, müsse man mit den Bauern reden.

Deren Obmann im Landkreis Neu-Ulm, Andreas Wöhrle, zeigte sich gestern auf Nachfrage wenig begeistert von einem Glyphosat-Verbot durch Kommunen. Es sei ein Schritt, den er für „übertrieben“ halte. Denn anders als Betriebe in Amerika oder Kanada würden die Landwirte in der Region das Mittel ohnehin nur dann verwenden, wenn sie es für unbedingt notwendig erachten. Als Bauer lerne man, mit dem Einsatz von Pestiziden verantwortungsbewusst umzugehen, so Wöhrle.

Wenn Landwirte den Unkrautvernichter aber ohnehin nur selten spritzen, warum dann nicht ganz darauf verzichten?

Laut Wöhrle ist ein Verzicht auf Glyphosat generell möglich. Auch er selbst verwende das Mittel bereits seit rund zehn Jahren nicht mehr. Der Bauer müsse das Unkraut auf den Feldern dann eben auf eine andere Art entfernen. Und das könne er entweder durch den Einsatz anderer chemischer Mittel – oder, indem er den Boden mechanisch bearbeitet. Das wiederum ist aufwendiger und kostet Zeit, wie der Illertisser Landwirt Franz Sedelmaier sagt. Er rechnet mit zwei bis drei Arbeitsschritten mehr, würden Bauern grundsätzlich auf Glyphosat verzichten. Hinzu kommen Kosten für Sprit und mögliche Ertragsrückgänge. Ein Umstand, der auch für Verbraucher Konsequenzen hätte, die dann mit höheren Preisen rechnen müssten.

Auf Dauer, da ist sich Sedelmaier sicher, wird es aber ohnehin ohne Glyphosat gehen müssen. „Der öffentliche Druck wird immer größer. Es dauert vielleicht noch zwei bis drei Jahre, dann ist es verboten.“ Auch damit würden Bauern dann zurechtkommen. „Wir haben schon so vieles geschafft.“

In Illertissen zumindest müssen Landwirte vorerst nicht mit neuen Verboten rechnen. Der Antrag der SPD fand in seiner vorgelegten Form keine Mehrheit. „Wir können den Landwirten nicht vorschreiben, was sie zu tun haben“, sagte etwa Ansgar Bauer von den Freien Wählern. Nach Vorschlag von Ansgar Batzner (FW) sollten Bauern vielmehr zum Umdenken angeregt werden – etwa mithilfe von Zuschüssen, die die Stadt dann gewähre, wenn freiwillig auf den Einsatz von Glyphosat verzichtet wird. Wie hoch ein solcher Zuschuss ausfallen könnte, soll in Absprache mit den Landwirten berechnet werden. Ein Vorteil des Vorschlags: Die Stadt könne laut Bürgermeister Eisen schneller glyphosatfrei werden, da nicht erst auf auslaufende Pachtverträge gewartet werden müsste. Erst in neuen Verträgen könnte ein Verbot verankert werden.

Voraussetzung einer früheren Glyphosatfreiheit ist natürlich, dass Bauern zu einem freiwilligen Verzicht überhaupt bereit sind. Zusätzlich zu möglichen Zuschüssen soll deshalb ein Glyphosat-Ausstiegsszenario ausgearbeitet werden. Ein Vorschlag, den die SPD in ihrem Antrag aufgeführt hatte.

Kontrollieren, ob Landwirte auf gepachteten Flächen das umstrittene Herbizid ausbringen oder nicht, könne die Stadt laut Eisen letztendlich nicht. Nach Angaben des Bürgermeisters ist das Mittel nur 14 Tage im Boden nachweisbar.

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