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Kettershausen

18.10.2017

Grünlandprojekt: Weil Wiese nicht gleich Wiese ist

Der Landwirt, dem diese Fläche gehört, hat einen sechs Meter breiten Grünstreifen zwischen seinem Feld und einem Graben angelegt. Zuvor war der Streifen nur halb so groß, wie Ökologe Sebastian Hopfenmüller erzählt.
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Der Landwirt, dem diese Fläche gehört, hat einen sechs Meter breiten Grünstreifen zwischen seinem Feld und einem Graben angelegt. Zuvor war der Streifen nur halb so groß, wie Ökologe Sebastian Hopfenmüller erzählt.
Bild: Sabrina Schatz

Die Kommune Kettershausen beteiligt sich auf ihrem Weg zur „Naturgemeinde“ an einem Grünlandprojekt. Was sich seit dem Auftakt im Frühjahr alles getan hat. Der Projektmanager zieht eine Zwischenbilanz.

Der Sommer ist vorbei – und damit auch die erste Etappe des Grünlandprojekts, an welchem Kettershausen auf seinem Weg hin zur Naturgemeinde teilnimmt. Ökologe und Projektmanager Sebastian Hopfenmüller von der Stiftung Kultur-Landschaft Günztal zieht eine Zwischenbilanz: Was hat sich seit dem Start im März auf den Feldern getan? Welche Ziele wurden bereits erreicht?

Zwölf Kettershauser Landwirte beteiligen sich bislang an dem Projekt. „Damit bin ich zufrieden“, sagt Hopfenmüller, zumal einige anfangs Skepsis, teils auch Frust gegenüber dem Naturschutz geäußert hätten. „Manche haben befürchtet, sich einschränken zu müssen.“ Grund für die Vorbehalte waren offenbar Erfahrungen mit staatlichen Naturschutzprogrammen: Fördergelder seien häufig an starre Regeln gebunden und nicht auf das Unterallgäu zugeschnitten, hieß es. Das Gründlandprojekt sei daher regionalisiert worden. „Ich glaube, dass nicht unsere Prämien ausschlaggebend waren, sondern die Flexibilität und der Kontext Naturgemeinde. Dass im Ort etwas passiert, finden viele gut“, sagt Hopfenmüller.

Vier Ziele sind im März definiert worden: Die Landschaft soll vielfältiger und das Grünland artenreicher werden. Mehr Wiesen sollen wachsen und Original Braunvieh auf denn Weiden grasen. An allen Bereichen wird bereits gearbeitet.

Der Hintergrund: Das Unterallgäu ist ein Agrargebiet, das Landwirte intensiv nutzen können – es ist flach, Böden und Niederschläge sind günstig. „Sechs Grasschnitte im Jahr sind drin“, sagt der Ökologe. „Für die Biodiversität ist das eine Katastrophe.“ Denn: Je mehr Schnitte, desto weniger Zeit haben Gräser, sich zu entfalten. Samenmaterial geht verloren, meist wird Einheitssaatgut nachgesäht. Hinzu kommt, dass vermehrt Grünland in Maisäcker umgewandelt wird.

Um einen Ausgleich zu schaffen, haben die Projektteilnehmer zum Beispiel rund zwölf Hektar Heuwiesen wachsen lassen, vier Hektar davon auf Ackerland. Die Stiftung hat das Saatgut gestellt, das 40 bis 50 heimische Pflanzenarten umfasst, die sich aber nur zum Teil durchsetzen. Die Bauern dürfen die Heuwiesen nur zu zwei Zeitpunkten – im Mai und Juni – mähen, müssen die Gräser zum Trocknen liegen lassen und kreiseln, um die Samen zu verteilen. „Die Wiese kann sich so selbst regenerieren und Gräserarten bleiben erhalten“, sagt der Experte. Freilich hätten die Landwirte nicht ihre produktivsten Flächen „geopfert“ – das sei aber auch nicht das Ziel, wie Hopfenmüller sagt: „Wir wollen die Landschaft ja nicht komplett verändern, sondern haben sensible Bereiche im Blick.“ Hervorheben will er das Engagement eines Landwirts: Dieser wandelt drei Hektar Maisacker in Grünland um. Wo sich vor zwei Wochen noch Maisstauden reihten, bilden nun Furchen im braunen Boden ein Saatbeet für Gräser und Kräuter. „Mit einer so großen Fläche haben wir gar nicht gerechnet.“

Zudem haben die Teilnehmer 2,8 Kilometer Grünstreifen an Feldrändern angelegt, die nicht gedüngt und zu anderen Zeiten gemäht werden. „Sie bringen Struktur in die Landschaft und sind ein Erosionsschutz in den Auen, also Flächen, die überschwemmt werden könnten“, erklärt Hopfenmüller.

Ein Landwirt hat sich dazu entschieden, Braunvieh weiden zu lassen – und erfüllt damit das vierte Ziel. Die Tiere fressen die Gräser langsam und nur zum Teil ab, sodass immer etwas sprießt und blüht. Dies sei wichtig für die Kulturlandschaft Unterallgäu, so Hopfenmüller, denn obwohl der Landkreis die rinderreichste Gegend Bayerns ist, sehe man nur wenig Vieh auf Feldern.

Die Bauern bekommen für die Maßnahmen Prämien. Für den gesamten Projektzeitraum von drei Jahren, also bis 2019, sind 35000 Euro dafür angesetzt. Für 2017 hatten Stiftung und Gemeinde jeweils 5000 Euro eingeplant. Der Etat sei bereits ausgeschöpft. „Wir sind sogar ein bisschen über das Budget hinausgegangen“, sagt Hopfenmüller. Sollten sich im kommenden Jahr mehr Landwirte zur Teilnahme entscheiden, werden die Gemeinde und Stiftung nach weiteren Möglichkeiten der Finanzierung suchen. Bürgermeisterin Susanne Schewetzky sagt dazu: „Wenn es so wäre, werden wir das durchsprechen. Wir lehnen sicher niemanden ab.“

Was die nächste Schritte sind: Hopfenmüller kann sich vorstellen, brachliegende Flächen – er nennt sie „Eh-da-Flächen“ oder Brennnesselfluren – zu pflegen und etwa Blühstreifen zu sähen. Davon profitierten wiederum auch Kettershauser Nicht-Landwirte: „Sie haben eine attraktivere Landschaft vor der Haustür, die sich zur Naherholung eignet.“

Damit sich Interessierte selbst ein Bild machen können, bieten die Gemeinde und Stiftung am Samstag, 21. Oktober, eine Erkundungstour mit dem Fahrrad an – Stationen liegen unter anderem entlang des Naturschutzgebiets Kettershauser Ried. Treffpunkt ist um 14 Uhr an der Kläranlage. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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