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Illertissen

18.10.2019

Handel: Vor den Gösslers liegt der Anfang vom Ende

Zum Ende des Jahres schließen Dieter und Anne Gössler ihr traditionsreiches Eisenwaren- und Spielzeuggeschäft in Illertissen. Die Entscheidung ist ihnen nicht leicht gefallen – aber jetzt freuen sie sich auf den Ruhestand.
Bild: Jens Carsten

Plus Nach 112 Jahren schließt das Geschäft in Illertissen. Aber noch ist nicht ganz Schluss: Die Inhaber haben sich für die letzten Monate einiges einfallen lassen.

Ihr könnt doch nicht zumachen – diesen Satz hören die Gösslers in diesen Tagen öfter: Die Ankündigung, ihr traditionsreiches Eisenwaren- und Spielzeuggeschäft zu schließen, hat in Illertissen einige Bestürzung ausgelöst. „Das ist traurig“, sagt Dieter Gössler, der im Jahr 1964 in den Familienbetrieb eingestiegen ist. Doch es helfe nichts: Immer mehr Menschen kaufen online, der Einzelhandel durchlebe schwere Zeiten. „So einen Laden wie unseren braucht man heute nicht mehr“, sagt der Inhaber. Nach 112 Jahren ist deshalb Schluss. Aber noch ist nicht ganz: Die Gösslers haben sich für die letzten Monate einiges einfallen lassen. Der Anfang vom Ende hat gerade erst begonnen.

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Mal eine Schraube, mal eine Beilagscheibe zum Preis von gerade einmal zwei Cent: Wer Handwerksmaterial brauchte, war bei Gössler stets gut aufgehoben. Und ist es noch: Worte wie „Ausverkauf“ und „Restposten“ mag Gössler zwar nicht, Rabatte gewährt er aber dennoch. Bis Ende des Jahres gibt es 25 Prozent auf viele Artikel im Sortiment. Das konnte der Händler zuletzt nicht mehr so bestücken, wie er sich das gewünscht hätte. Die Lieferanten machten das heutzutage einfach nicht mehr mit. Gössler erklärt das so: Man bestellt 100 Stück und bekommt 2000 oder 3000. Die Industrie gebe diese Zahlen vor: „Als kleiner Fisch hat man keine Chance.“ Auch wenn sich Lager und Regale in dem Laden in der Vöhlinstraße zusehends leeren, noch ist einiges zu haben.

Gössler schließt in Illertissen: Bis 31. Dezember ist aber noch einiges los

Deshalb hoffen die Gösslers, dass sich die Kunden bis zum 31. Dezember noch einmal verstärkt auf den Weg zu ihnen machen. In den vergangenen Monaten war das nicht selbstverständlich: Die zur Sanierung gesperrte Vöhlinstraße habe für viele Kunden einen Umweg in die Stadt (und zu Gössler) bedeutet. Das Problem: „Was sie bei uns kaufen wollten, finden sie unterwegs woanders“, sagt Gössler. Auch wenn der Umsatz zuletzt gesunken sei, „insolvent sind wir nicht“, betont er. Die „finanzielle Delle“ durch den Straßenausbau hätte er wohl innerhalb von zwei bis drei Jahren auffangen können, vermutet der 70-Jährige. „Aber dafür bin ich einfach zu alt, ich mag nicht mehr.“

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Bild: Martin Dambacher

Ein weiteres Problem: Wenn Fachwissen gefragt war, etwa zu Schließanlagen, dann kamen die Menschen durchaus in die Eisenwarenhandlung. Manch einer kaufte dann aber doch im Internet. „Beratungsklau“, nennt Gössler das. Doch beklagen wolle er sich nicht.

Viel mehr freuen er und seine Frau Anita sich auf den Ruhestand. Dann sei der Druck weg und sie müssten nicht mehr „nach der Uhr leben“. Spontane Reisen seien bislang meistens nicht möglich gewesen. Das soll sich ändern: Zuerst steht ein mehrwöchiger Urlaub in der Karibik an. Zudem wollen sich die Gösslers mehr um ihren Garten kümmern. Die Arbeitsteilung steht bereits: Sie betreut die Pflanzen, er baut seine Garten-Modelleisenbahn um. Zuvor soll der Laden ordnungsgemäß „abgewickelt“ werden.

Die Gösslers planen einen Garagenflohmarkt zum Herbstmarkt

Dazu gehört auch ein „Garagenflohmarkt“, der zum Herbstmarkt (Sonntag, 27. Oktober) am Laden stattfinden soll: Zu haben sein sollen dann auch Dekoartikel, Regale und Dinge wie die Modelleisenbahn, die seit vielen Jahren im Schaufenster zu sehen ist und die viele Illertisser kennen. Es gebe bereits Nachfragen potenzieller Käufer, heißt es.

Kurz vor der endgültigen Geschäftsaufgabe soll bei Gössler dann noch einmal besonders viel los sein: Dann will er die Feuerwerkskörper aus seinen Beständen unters Volk bringen. In diesen Tagen blickt die Familie nicht nur nach vorne, auf die anstehenden hektischen Tage. Sondern auch zurück.

Mitte der 1950er-Jahre standen Gösslers Waren in der Region hoch im Kurs, zu den Märkten strömten stets zahlreiche Landwirte aus dem Umland nach Illertissen. Und nahmen auf dem Heimweg bei Gössler noch Sensen, Rechen oder „Henna-Ringe“ zur Markierung ihres Federviehs mit, das alles oft gleich dutzendweise. Und Eheleute besorgten in dem Geschäft oft ihren ganzen gemeinsamen Hausstand: Töpfe, Einweckapparate und Entsafter fanden sich früher auf den Wunschlisten. Auch sonntags war geöffnet, zwei Stunden lang von 10 bis 12 Uhr, erinnert sich Gössler. Das habe vor allem der Kontaktpflege gedient.

Seine Eltern saßen auf einer Bank vor dem Laden, offen für einen „Ratsch“ mit Bekannten und Kunden. „Damals hielt man ein Schwätzchen, auch wenn man nur einen Nagel kaufte“, sagt Gössler. Ob die Zeiten besser waren als heute, wolle er nicht beurteilen. „Sie waren jedenfalls anders.“

Es sind schwere Zeiten für den Einzelhandel in Illertissen und Umgebung - lesen Sie dazu auch:

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