Newsticker
Bundes-Notbremse in Kraft – Inzidenz steigt
  1. Startseite
  2. Lokales (Illertissen)
  3. "Harte Entscheidung": Fensterbauer Illerplastic in Illertissen meldet Insolvenz an

Illertissen

29.01.2021

"Harte Entscheidung": Fensterbauer Illerplastic in Illertissen meldet Insolvenz an

Das Unternehmen Illerplastic mit Sitz in Illertissen ist insolvent.
Foto: Alexander Kaya

Plus Von der Insolvenz des Illertisser Unternehmens Illerplastic sind 224 Mitarbeiter betroffen. Geschäftsführer Armin Oßwald erklärt nun im Gespräch mit unserer Redaktion die Gründe - und wie es weitergehen soll.

Firmenchef Armin Oßwald musste am Freitagvormittag einen schweren Gang antreten: Er hatte die Belegschaft darüber zu informieren, dass sein Unternehmen Illerplastic insolvent ist. Betroffen sind davon 224 Beschäftigte. Am Donnerstag wurden zwei Insolvenzverwalter aus Ulm bestellt, Tobias Sorg und Konrad Menz von DMP Solutions. Was sind die Gründe für die Insolvenz? Armin Oßwald erklärt im Gespräch mit unserer Redaktion, wie es jetzt weitergeht.

"Es sind schon sehr bewegte Zeiten", sagte Armin Oßwald mit einem schweren Seufzer kurz nachdem er vor seine Belegschaft getreten war, "vor allem, wenn man zu so einer harten Entscheidung gezwungen ist." Doch er sah keine andere Möglichkeit, als am Donnerstagnachmittag beim Amtsgericht Neu-Ulm die Insolvenz zu beantragen.

Über 200 Mitarbeiter sind von der Insolvenz betroffen.
Foto: Alexander Kaya

Die betrifft immerhin drei Firmen: die Illerplastic Fensterbau GmbH, die Glas- und Metallbau Illertissen GmbH sowie die Illerplastic Kunststoffprofile GmbH. Zweien davon ging es eigentlich gut, doch die Probleme, die bei der Fensterbau GmbH aufgelaufen waren, rissen die zwei anderen mit. Das liegt laut Oßwald an der finanziellen Verflechtung der Firmen. Die gesamte Illerplastic-Gruppe hatte im vergangenen Jahr 29,2 Millionen Euro umgesetzt. An den beiden Standorten in Illertissen und in Au arbeiten 224 Menschen.

Illerplastic meldet Insolvenz an: Betrieb läuft aber weiter

Die Beschäftigten verlieren jetzt mitnichten ihre Jobs, denn der Betrieb läuft einfach weiter. "Es wird niemand entlassen", versichert Oßwald. auch die bestehenden Aufträge werden abgearbeitet. Allerdings wird nun unter der Regie der Insolvenzverwalter weiterproduziert. Sie versuchen nun die Illerplastic-Gruppe neu aufzustellen und sie zu erhalten.

Die Firma Illerplastic aus Illertissen produziert seit den 1960er Jahren Fenster aus Kunststoff. Schutz vor Einbrechern spielt dabei eine große Rolle.
11 Bilder
Was alles in einem Fenster steckt: Ein Besuch bei Illerplastic
Foto: Jens Carsten

Schon seit zwei bis drei Jahren befindet sich das Unternehmen in schwerem Fahrwasser. Nach den Worten von Oßwald drückt Konkurrenz aus Osteuropa auf den Markt. Dort werde unter modernen Produktionsmethoden aber zu deutlich geringeren Löhnen als in Deutschland geschafft. Das wiederum drückt hierzulande auf die Preise. Oswald sah sich gezwungen, wie er sagte, mithilfe von Unternehmensberatern zu versuchen, die Kurve zu kriegen. Das sei auch zunächst gut gelungen. Zwischen Oktober 2019 und März 2020 sei es gelungen, bessere Ergebnisse zu erzielen, als zunächst geplant. Im Jahr 2022 sollte wieder ein positives Ergebnis verbucht werden. Doch dann schlug Corona zu.

Wie sich die Corona-Pandemie auf Illerplastic auswirkt

Wegen der Pandemie wurden Termine auf den Baustellen oft kurzfristig abgesagt oder verschoben. Durch diese Verzögerungen ließen sich nach Darstellung von Oßwald die Pläne nicht mehr halten. Illerplastic bekam ein Liquiditätsproblem. Bei den Verhandlungen für einen dringend benötigten Kredit habe sich lediglich die Hausbank kooperativ gezeigt, doch von einem Bankenpool, in dem auch internationale Kreditinstitute vertreten sind, sei trotz monatelang geführter Gespräche nichts gekommen. Dem Unternehmen ging das Geld aus.

Jetzt werden die Insolvenzverwalter de Firmengruppe neu aufstellen. Oßwald geht davon aus, dass sein Unternehmen wieder auf die Füße kommt.

Die Insolvenzverwalter haben sich bereits am Donnerstag einen ersten Eindruck über die Firmengruppe verschafft, wie es in einer Erklärung von DMP Solutions heißt. „Die Löhne sind bis März über das Insolvenzgeld abgesichert. Die Unternehmen werden in den kommenden Monaten uneingeschränkt fortgeführt“, erklärt Konrad Menz. „Gemeinsam mit den Mitarbeitern und der Geschäftsleitung werden wir den eingeschlagenen Weg der letzten Monate fortsetzen und die begonnenen Restrukturierungsmaßnahmen weiter vorantreiben. Das Ziel ist die Sanierung der Firmengruppe, um eine nachhaltige Perspektive zu ermöglichen“, ergänzt Tobias Sorg.

Auch wenn das Fenstergeschäft mittlerweile heiß umkämpft ist, stehen die Chancen offenbar gut, denn es geht dank guter Baukonjunktur seit Jahren aufwärts. Den größten Marktanteil haben mit 58 Prozent Kunststofffenster. Damit liegt Illerplastic sozusagen goldrichtig.

Illerplastic in Illertissen war einst Pionier auf seinem Geschäftsgebiet

Das Unternehmen Illerplastic war einst ein Pionier auf seinem Geschäftsgebiet. Firmengründer Heinrich Oßwald, Vater von Armin Oßwald, hatte früh auf eine innovative Technik gesetzt. In den 60er Jahren begann er in Au, Fenster aus dem Kunststoff Polivinylchlorid zu produzieren, besser bekannt unter dem Kürzel PVC. Damit wurde die Firma groß. Unter seinem Sohn Armin baute das Unternehmen eine moderne Fertigung im Illertisser Industriegebiet Pionierstraße auf. Am angestammten Sitz in Au wurden weiterhin Profile hergestellt.

Spatenstich für neue Fabrik war im Mai 2012

Gerade diese neue Fabrik - Spatenstich war im Mai 2012 - gibt dem Illertisser Bürgermeister Jürgen Eisen die Hoffnung, dass es für Illerplastic weitergeht: "Das sind hochmoderne Anlagen, und die Produkte sind ja gut." Eisen kennt sich aus, hat er doch früher für den renommierten Torehersteller Butzbach gearbeitet. Er habe schon länger gewusst, dass es Schwierigkeiten in dieser umkämpften Branche mit harter Konkurrenz aus Osteuropa gebe, aber es habe ihn dennoch überrascht, "dass es so schnell ging".

Die Firma Illerplastic Fensterbau aus Illertissen muss Insolvenz anmelden.
Foto: Alexander Kaya

Vor allem für langjährige Mitarbeiter sei die Insolvenz sehr schwierig. Dass die Pleite nun größere Auswirkungen auf den Wirtschaftsstandort Illertissen haben könnte, glaub Eisen nicht: "Wir sind breit aufgestellt." Doch es sei schade um jeden Arbeitsplatz, der verloren gehe, "und wir kämpfen auch um jeden." Er hoffe, dass es Illerplastic gelinge, sich rasch neu aufzustellen und weiterzumachen.

Lesen Sie auch:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren