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Babenhausen

09.05.2019

Heimatforscher Dieter Spindler verabschiedet sich im Regen

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3 Bilder
Fast 300 Geschichtsinteressierte kamen mit warmen Jacken und Regenschirmen im Fuggermarkt zusammen, um sich die letzten historischen Spaziergang

Knapp 300 Zuhörer begleiten den Babenhauser Heimatforscher auf seinem letzten historischen Spaziergang durch den Fuggermarkt – und selbst für Ortskundige ist viel Neues dabei.

Mit einem solchen Ansturm hatte Heimatforscher Dieter Spindler nicht gerechnet. Trotz Regen sind knapp 300 Zuhörer zu dem historischen Spaziergang unter dem Motto „Babenhausen und sein Schloss“ gekommen – darunter zahlreiche Stammgäste.

Seit 25 Jahren führt Spindler immer wieder Gruppen durch den Fuggermarkt. Kurz vor seinem 80. Geburtstag beendet er nun die Geschichtsreisen durch den Ort. Die Geschichte der Herrscherfamilie lag ihm immer besonders am Herzen, weshalb auch seine letzte Runde in und um das Fuggerschloss führte. Wie beliebt die Führungen in Babenhausen waren, zeigt auch, dass Bürgermeister Otto Göppel die Marktratssitzung extra um einen Tag verschieben lies, sodass es zu keinen Terminkollisionen kam. Bereits eine Viertelstunde vor Beginn der Führung wurde es eng rund um „d’ Schneck“, den 70-stufigen Verbindungsbau zwischen Marktplatz und Kircheneingang.

Der historische Spaziergang beginnt im Jahr 1237

Der eigentliche historische Spaziergang begann dann im Jahr 1237. Damals wurde in einer Urkunde der Streit um eine Grundstückszufahrt erwähnt, den die Pfarrer aus Babenhausen und Oberroth schlichten sollten. Weiter ging es über die zahlreichen Herrscherfamilien, von den Herren von Schönegg über die Rechberger bis hin zu Anton Fugger. Der nutzte einen Erbfolgestreit bei den Rechbergern, um 1538/39 die Herrschaft Babenhausen zu erwerben und nach und nach auszubauen. Bis heute ist hier der Stammsitz der „Fugger von den Lilien“. Zahlreiche Aus- und Umbauten des Schlosses zeigen die hohe Wertschätzung der Fugger für Babenhausen. Und als Ende des 18. Jahrhunderts die Sturmglocken das Anrücken der Franzosen ankündigten, die dann aber doch nicht in Babenhausen einrückten, stand die Bürgerschaft hinter ihrer Herrschaft. Als Dankeschön malte Anselm Maria Fugger das, wie Spindler es nannte, „große Staatswappen von Babenhausen“, das heute noch die Post aus dem Rathaus ziert. Dies ersetzte nicht zuletzt ein Jahrhunderte früher verliehenes Wappen, das allerdings aufgrund der Babenhausen Rebellion der Bürgerschaft wieder entzogen worden war.

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Dieter Spindlers letzter historischer Spaziergang führte auch durch den Innenhof des Fugger-Schlosses in Babenhausen.

Zeugnisse des Webergeschlechts Fugger konnten die Besucher dann unter fachkundiger Anleitung im Fuggermuseum begutachten. Anhand eines 300 Jahre alten Gemäldes konnte die heutige Schlossansicht mit der früherer Jahre verglichen werden. Für viele neu war auch, dass früher ein offener Arkadengang in „lupenreiner Renaissance“, so Spindler, den Rechbergbau mit dem Nordflügel verband.

Spindler berichtet auch von Giftmischerinnen im Fuggerschloss

Auf der Fuggerreise ging es weiter in den Nordtrakt. Im zweigliedrigen, barockisierten Aufgang lenkt das mächtige Hirschgeweih die Aufmerksamkeit auf sich. Das Tier soll, so Spindler, angeblich von einem früheren Schlossherrn erlegt worden sein. Anschließend blickten im Ahnensaal 95 Bilder von „Fuggern“ aus dem 16. und 17. Jahrhundert auf die Besucher herab.

Und Spindler hatte noch so manche Begebenheit aus der Jahrhunderte langen Fuggergeschichte parat. So berichtete er beispielsweise von einem „durch die Unachtsamkeit der Kindfrau’“ aus dem Oratorium ins Kirchenschiff gefallenen Fuggerkind, das wie durch ein Wunder unverletzt blieb. Sogar eine Giftmischerin befand sich unter den Fuggern. Eine Adlige wollte sich den Folgen einer Zwangsheirat dadurch entziehen, dass sie Mäusegift in das Kirschwasser ihres Mannes mischte. Der Anschlag misslang, die Frau wurde verbannt.

Bürgermeister Ott Göppel (rechts) nahm ebenfalls an dem historischen Spaziergang teil und überreichte Dieter Spindler ein Geschenk.

Insbesondere im vergangenen Jahrhundert wurde das Schloss für viele andere Zwecke genutzt. Ende des Zweiten Weltkriegs zog das Augsburger Stadtarchiv ein. Als dieses in den 1950er-Jahren wieder zurückverlegt wurde, zog das Fuggermuseum ein. Und als das Schloss zwischen 1933 und 1945 mehr oder weniger unbewohnt war, hielt dort der Reichsarbeitsdienst Einzug. Da hieß es allerdings nicht, präsentiert das Gewehr, sondern den Spaten. Der „Arbeitsdienstgraben“ unter anderem im Bereich des Rothdachweihers erinnert auch sprachlich daran. Und der ein oder andere junge Arbeitsdienstler soll angeblich sein Glück im Fuggermarkt – und eine neue Bleibe – gefunden haben.

Eine schwedische Fürstin rettete das Schloss in Babenhausen

Prägend war aber am Ende des Zweiten Weltkriegs der Einsatz der damals jungen, aus Schweden stammenden Fürstin Gunilla. Als die Amerikaner sich im Frühjahr 1945 dem Fuggermarkt näherten, ließ die damals 25-Jährige vier türengroße Tafeln beschriften und auf den Hauptzufahrtsstraßen aufstellen. Dreisprachig wies Fürstin Gunilla darauf hin, dass es sich beim Schloss um exterritoriales Gebiet handelt, nämlich dem Sitz der irischen Gesandtschaft in Deutschland. Und zusammen mit einer am Kirchturm aufgezogenen weißen Kapitulationsfahne konnte so der Fuggermarkt vor der Zerstörung bewahrt werden. Für Spindler eine „Heldentat“ der jungen Adligen.

Nach einem Besuch des Schlossparks und des Schlossinnenhofs endete Spindlers letzter historischer Rundgang in der Remise des Fuggerschlosses. Lang anhaltender Applaus war der Dank an den seit Jahrzehnten aktiven Heimatforscher. Besonderen Beifall gab es für seine Ankündigung, dass er „weiterhin forscht und schreibt“. Ein kleines Dankeschön stellte aber auch das abschließende Konzert (Bericht folgt) des Vokalquartetts „Quattro al dente“ im Rahmen der Babenhauser Kulturtage dar.

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