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Illertissen

20.11.2020

Herbst, Corona, Depression: So unterstützt eine Illertisser Selbsthilfegruppe

Die Gruppenleiterin Inken Richter mit Hund Jacko in ihrem Garten in Tiefenbach. Dort fanden im Sommer mehrere Treffen der Selbsthilfegruppe „Quelle der Kraft“ für Menschen mit Depressionen statt.
Bild: Alexander Kaya

Plus Gerade für psychisch kranke Menschen ist die Corona-Pandemie belastend. Die Selbsthilfegruppe „Quelle der Kraft“ in Illertissen bietet Unterstützung.

Wie wichtig das Reden ist, hat Inken Richter während ihrer eigenen Therapie gemerkt. Die Tiefenbacherin hat vor eineinhalb Jahren die Selbsthilfegruppe „Quelle der Kraft“ für Menschen mit Depressionen gegründet – genau aus diesem Grund. „Die Masse an Gesprächen, die man braucht, hat die Therapie einfach nicht gedeckt“, sagt Richter. Sie gibt Tipps, die im Pandemie-Herbst helfen.

Die „Quelle der Kraft“ soll Menschen mit Depressionen Raum für Gespräche bieten

Die Pandemie belastet gerade psychisch kranke Menschen. In Zeiten von Unsicherheit und großen Einschränkungen sei das Reden eine wertvolle Hilfe, wie Richter merkt: „Die Angst verliert ihre Macht, wenn man sie ausspricht.“ Um Betroffenen zusätzlich zur Therapie einen geschützten Raum für Gespräche zu ermöglichen, rief Richter die Gruppe „Quelle der Kraft“ ins Leben. Zunächst trafen sie sich jeden zweiten Montag, dann rasch wöchentlich in der Diakonie in Illertissen.

Der Andrang ist groß: Zum ersten Treffen hatte sich Richter ein Buch mitgenommen und auf eine längere Wartezeit eingestellt, doch das war nicht nötig. Mittlerweile hat die Gruppe 15 Teilnehmer. Richter nimmt sich für alle Zeit: „Ich lasse niemanden gehen, der noch etwas zu bereden hat – auch wenn das vier Stunden dauert.“ Im Moment können die Treffen nicht stattfinden, trotzdem findet Richter Möglichkeiten, ihre Teilnehmer zu unterstützen.

Die Corona-Pandemie belastet psychisch kranke Menschen zusätzlich

Unter ihnen ist eine 54-Jährige aus Illertissen, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie habe im vergangenen Jahr unter Panikattacken gelitten. Wegen ihres schweren Asthmas konnte sie Antidepressiva nur bedingt nehmen und war bei einem Psychologen in Behandlung. Dann breitete sich das Coronavirus aus – für die Asthmatikerin ein großes Risiko.

„Die Therapiestunden wurden mir mit den vielen wechselnden Patienten zu gefährlich“, sagt die Illertisserin. Sie sah sich nach einer Selbsthilfegruppe um und fand die „Quelle der Kraft“. Die 54-Jährige fühlt sich dort gut aufgehoben: „Hier kann ich offen reden, niemand schaut mich schief an oder belächelt mich.“

Die Leiterin unterstützt ihre Teilnehmer mit Telefonaten und Einzeltreffen

Erst kürzlich habe sie eine aufwühlende Begegnung mit einer anderen Frau gehabt, die Corona verleugne. „Sie hat gesagt, das sind alles Spinner, die daran glauben“, sagt die Illertisserin. Sie sei fassungslosgewesen. Ihre Argumente, dass sie selbst vorbelastet sei und sich schützen müsse, habe die andere Frau nicht hingenommen.

Im Gespräch mit Inken Richter konnte sich die 54-Jährige wieder fangen. Wie ihr geht es vielen anderen Teilnehmern: Die Leiterin hat immer ein offenes Ohr, und telefoniert täglich mit ihnen, mit Einzelnen trifft sie sich auch.

Selbstwertgefühl, Freude in der Depression: Diese Themen werden in der Gruppe besprochen

Die Tiefenbacherin ist wegen ihrer schweren Depression in befristeter Rente. In der Gruppe halte sie sich mit ihren persönlichen Erfahrungen im Hintergrund: „Die anderen sind erst einmal wichtiger.“ Sie schöpfe Kraft aus den Resultaten, wenn es anderen besser gehe. „Das macht mich mächtig glücklich“, sagt Richter.

Wichtige Themen der Gruppe sind das eigene Selbstwertgefühl, Energie tanken, wie man wieder Freude empfindet. „Als depressiver Mensch fühlt man sich oft als Mensch zweiter Klasse“, sagt Richter. Sie vergleicht das Erleben einer Depression mit einem Tunnel: „Wenn es da kein Licht am Ende gibt, sehen viele keinen Ausweg.“ Richter sei schon an ihre Grenzen gekommen und habe einmal den Notarzt verständigen müssen.

Diese Tipps gibt die Gruppenleiterin aus Tiefenbach

Ein Kernthema der Selbsthilfegruppe ist für die Tiefenbacherin, dass man auch mit Depressionen ein schönes Leben haben kann. „Niemand muss sich deswegen schämen“, sagt Richter. Trotz kleiner Schritte zu mehr Offenheit, stigmatisiere die Gesellschaft psychisch kranke Menschen nach wie vor. Doch es gebe viele Hilfen, die man annehmen könne. „Der Weg ist zur Heilung steinig, aber es ist möglich“, sagt sie.

Ein erster Schritt sei es, sich mit sich selbst beschäftigen zu können. Frische Luft, Bewegung, Sonnenlicht: Gerade im Herbst hilft es, nach draußen zu gehen. Auch Puzzeln, Lesen, mit Freunden telefonieren – Beschäftigungen sorgen Richter zufolge für Ausgleich.

Richter freut sich darauf, wenn die Treffen ihrer Gruppe wieder stattfinden dürfen. Neben Gesprächen organisiert sie auch kreative Tätigkeiten wie Töpfern etwa. Im Corona-Sommer trafen sich die Teilnehmer in Richters Garten. Sie sagt lächelnd: „Das ist eine tolle Gruppe, in der großes Vertrauen herrscht." Die Gruppe nimmt noch Teilnehmer auf. Interessierte können sich bei Inken Richter melden: inken.richter@online.de.

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