Newsticker

Steigende Infektionszahlen: EU-Einreiseverbot für Serbien und Montenegro
  1. Startseite
  2. Lokales (Illertissen)
  3. Hochzeitsbranche in Existenznot: "Noch sind wir da, aber wie lange?"

Landkreis Neu-Ulm

19.05.2020

Hochzeitsbranche in Existenznot: "Noch sind wir da, aber wie lange?"

Sie statten Veranstaltungen mit schönster Dekoration aus: Judith und Alexander Mosch von „Happy Deko“.
Bild: Alexander Motz

Plus Die Krise setzt der Hochzeitsbranche schwer zu. Der Umsatz ist eingebrochen. Wie lange geht das so weiter? Was regionale Unternehmer jetzt fordern.

Wo sonst um diese Zeit im Jahr Menschen Walzer tanzen und lachen, herrscht Leere. Kerzenständer und weiße Tischdecken bleiben im Lager. Die schönsten Brautkleider hängen ungetragen im Geschäft. Größere Hochzeitsfeiern sind in Pandemie-Zeiten nicht möglich. Der Umsatz der Hochzeits- und Eventbranche ist dadurch eingebrochen, viele Unternehmen stehen kurz vor der Insolvenz.

Im Landkreis Neu-Ulm sind derzeit nur standesamtliche Trauungen erlaubt – unter strengen Auflagen. Seit dem 27. April dürfen maximal zehn Personen bei der Trauung anwesend sein; nur enge Familienangehörige sind als Gäste erlaubt. Die meisten Paare verschieben ihre Hochzeiten auf das kommende Jahr, aber viele ändern ihre Pläne auch komplett.

Alexander Motz betreibt mit seiner Frau Judith den Dekorationsservice „Happy Deko“ in Balzheim. Gemeinsam vermieten sie Zubehör für Veranstaltungen, zum Beispiel Kerzenleuchter, Stuhlhussen und Feuerschalen. Die Lage bei „Happy Deko“ sei schlimm. Null Umsatz. Allein 23 Absagen in den vergangenen Tagen, Rückerstattungen von bereits geleisteten Anzahlungen. „Mittlerweile macht mir die Situation Angst“, sagt Motz.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Brief an die Ministerpräsidenten

Das Unternehmen ist Teil der Community „5 Sterne Hochzeit“, bestehend aus 35 Dienstleistern aus der Region um Ulm und Neu-Ulm. Mit einem offenen Brief an die Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg und Bayern erhofften sie sich, Gehör zu finden. Aber: Fehlanzeige. Motz klingt enttäuscht. Von bayrischer Seite kam keine Antwort, von baden-württembergischer nur eine floskelhafte Rückmeldung, die Unternehmen sollten durchhalten. „Noch sind wir da, aber wie lang?“, fragt Motz. Dieses Jahr sei für das Geschäft verloren und wenn Hochzeiten wieder gefeiert werden dürften, dann voraussichtlich nur im kleineren Kreis. „So wie wir das kennen, wird es Hochzeiten für eine lange Zeit nicht mehr geben“, bedauert Motz.

Bild: Alexander Motz

In ihrem offenen Brief forderte die „5 Sterne Hochzeit“-Community ein Rettungsmodell für die gesamte Branche. Nur das helfe den vielen Unternehmen, um zu überleben. „Wir werden totgeschwiegen“, sagt Motz zur aktuellen Situation.

Neue Ideen: Ein Ständchen an der Haustüre

Auch das Ehepaar Pansch ist unmittelbar betroffen. Er ist Hochzeitsfotograf, sie Hochzeitssängerin. Die beiden haben vor zwei Jahren in Biberach bei Roggenburg ein Haus gebaut, das sie noch abbezahlen. Die Lage ist kritisch. Jascha Pansch kann seine Enttäuschung nicht verbergen: „Ich will es nicht wahrhaben, dass man uns so hängen lässt.“

Unter normalen Umständen singt seine Frau Alexandra Pansch zweimal in der Woche auf Beerdigungen und jeden Samstag auf Hochzeiten. Sie liebt ihren Beruf. Die aktuelle Situation sei geradezu deprimierend. Zusammen mit anderen Sängerinnen hat sie sich eine Alternative überlegt, um die Corona-Zeit zu überbrücken: ein singendes Telegramm. Das ist ein Ständchen direkt vor der Haustüre, das verschenkt werden kann. Vor allem am Muttertag wurde das Angebot in Anspruch genommen, Pansch sang für 15 Mütter. So schön die Idee sei, über die finanzielle Notlage helfe sie nicht hinweg. „Das ist eher ein schönes Taschengeld“, sagt Alexandra Pansch.

Wie das Paar gehört auch Mirjam Heubach zur Eventbranche. Sie ist Hochzeitsplanerin und Traurednerin. Wenn sie von ihrer Arbeit erzählt, wird ihre Freude deutlich: „Ich liebe meinen Job: emotionale Momente gestalten, das schöne Miteinander, das Besondere.“ Auch die Zusammenarbeit im Team mit anderen Hochzeitsdienstleistern mache Spaß. Immerhin drehe sich alles darum, für die Paare den „schönsten Tag im Leben“ zu organisieren.

Wie alle anderen hauptberuflich Selbstständigen der Branche hat auch Heubach seit März keinen Umsatz mehr. „Eine Existenzkrise von heute auf morgen“, sagt die junge Unternehmerin. Doch die Not mache erfinderisch. Heubach hat sich an die Verwirklichung einer Idee gemacht, die in den vergangenen Jahren in einer Schublade schlummerte: ein Online-Kurs für Hochzeitspaare zur Planung ihrer Feier. Heubach erhofft sich davon, die Zeit überbrücken zu können: „Das ist mein Strohhalm.“

Lesen Sie außerdem, wie Brautpaare die Situation empfinden: Corona, der ungebetene Hochzeitsgast: Brautpaare erzählen



Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren