1. Startseite
  2. Lokales (Illertissen)
  3. Interview: Wie Straftäter zurück ins Leben finden

Memmingen

10.09.2019

Interview: Wie Straftäter zurück ins Leben finden

Markus G. Feil leitet die psychotherapeutische Fachambulanz für Gewalt- und Sexualstraftäter in München.
Bild: Kurt Bauer

Dr. Markus G. Feil leitet die psychotherapeutische Fachambulanz für Gewalt- und Sexualstraftäter in München. Er spricht über Therapieerfolge und die geplante Außenstelle in Memmingen.

In der Hirschgasse in der Memminger Altstadt sollen Psychotherapeuten verurteilte Straftäter nach ihrer Haftstrafe und während ihrer Bewährungszeit betreuen. Die Einrichtung ist als Außenstelle der psychotherapeutischen Fachambulanz für Gewalt- und Sexualstraftäter in München geplant. Der Psychologe und Psychoanalytiker Markus G. Feil leitet die Einrichtung.

Herr Feil, müssen die Anwohner in der Hirschgasse Angst vor der geplanten Fachambulanz haben?

Dr. Markus G. Feil: Nein, das müssen sie nicht. Man hat bei diesem Thema gewisse Bilder im Kopf und könnte auf die Idee kommen, dass bei uns vermehrt Straftaten passieren, weil sich hier viele verurteilte Straftäter versammeln und im Stundentakt ein- und ausgehen. Das ist in München nicht der Fall. Die Leute, die zu uns kommen, haben ein Interesse an Diskretion. Dazu kommt: Wir bedienen einen Bedarf, den es ohnehin gibt. Unser Klientel wohnt ja schon in Memmingen und Umgebung. Diese Menschen sind bisher unbehandelt.

ecsImgBannerWhatsApp250x370@2x-5735210184021358959.jpg

Welche Menschen betreuen Sie in der Fachambulanz?

Feil: Den Gewalt- und Sexualstraftäter gibt es nicht. Unsere Patienten kommen aus allen Schichten und Bildungsniveaus. Das sind ehemalige Juristen, Lehrer und Polizisten genauso wie solche, die eine schwierige Kindheit hatten. Das Alter reicht von 16 bis älter als 80 Jahre. 60 Prozent unserer Patienten waren vorher inhaftiert, 40 Prozent haben eine Bewährungsstrafe erhalten. Wir haben praktisch keine Sexualstraftäterinnen und nur wenige Gewaltstraftäterinnen. Etwa 20 Prozent unserer Patienten sind Internetkriminelle, die zum Beispiel wegen Kinderpornografie verurteilt wurden.

Wie läuft die Therapie dieser Menschen in der Fachambulanz ab?

Feil: Im Allgemeinen gilt: Je höher das Rückfallrisiko, desto intensiver die Maßnahme. In der Regel kommen unsere Probanden einmal pro Woche für 50 Minuten zum Gespräch zu uns. Wir versuchen am Anfang, gemeinsam Risikofaktoren zu identifizieren und dann daran zu arbeiten. Man könnte es so formulieren: Wir versuchen, dass die Probleme, die in der Vergangenheit zu Straftaten geführt haben, künftig anders als über Straffälligkeit bewältigt werden können. Zehn Prozent der Patienten kommen freiwillig zu uns, die andern haben alle entsprechende Auflagen von einem Gericht erhalten. Manche sind mehrere Jahre bei uns in Therapie. Gerade bei Internetkriminalität können aber schon zeitlich begrenzte Maßnahmen ausreichen – etwa zehn Gruppensitzungen.

In der Münchner Ambulanz hat jedes Zimmer einen Notfallknopf. Ist Ihre Arbeit so gefährlich?

Feil: Diesen Knopf haben wir noch nie gebraucht. Die Fachambulanz liegt in Bahnhofsnähe. Ich sage Leuten, die sich bei uns vorstellen oder uns besuchen, immer: Wenn ihr bei uns vor die Tür geht, ist die Warscheinlichkeit, Opfer einer Straftat zu werden, höher als in unseren eigenen Räumlichkeiten. Es ist schon richtig, dass es bei uns eine Konzentration von Straftätern gibt – aber auch im Wartezimmer eines Arztes sind viele Krankheiten versammelt. Wir müssen deshalb Maßnahmen ergreifen, um das Risiko zu erkennen und so niedrig wie möglich zu halten.

Wann ist eine Therapie in Ihren Augen erfolgreich?

Feil: Grundsätzlich: Wenn kein Rückfall passiert. Die Rückfallquote können wir mit unserer Behandlung nachweislich senken. Das heißt nicht, dass wir jeden Rückfall verhindern können. Aber die Menschen, die wir behandeln, werden seltener rückfällig als Unbehandelte. Unser Ziel ist es, dass jemand versteht, was ihn gefährlich macht und Alternativen im Umgang mit seinen Risikofaktoren findet. Es gibt Patienten, die melden sich zwei Jahre nach ihrer Therapie bei uns und sagen: „Ich sollte mal wieder zu euch kommen. Bei mir läuft gerade vieles in die falsche Richtung.“ Auch das ist ein Therapieerfolg. Man kann viel dazu beitragen, dass Menschen nicht straffällig werden. Die Menschen, die freiwillig und voller Freude Straftaten begehen, sind in der Unterzahl.

Im Dezember eröffnete die Memminger Außenstelle übergangsweise im Landgericht. Bis Juli wurden dort 16 Menschen behandelt. Wie sehen Ihre Pläne für die Hirschgasse aus?

Feil: In Memmingen sollen zwei Therapeuten arbeiten. Wir gehen zunächst von etwa 40 Patienten aus. Mit der gleichen Anzahl haben wir damals in München angefangen. Wie groß der Bedarf in Memmingen ist, ist schwer zu sagen – auch weil viele Richter Auflagen nicht verhängen, obwohl diese nötig wären, weil das Angebot noch nicht da ist. Wir wissen jedoch, dass genug Straftäter im Raum Allgäu unterwegs sind, die bisher unbehandelt sind. Memmingen wird aber sicher nicht so groß wie München werden.

Wieso fiel die Wahl nun auf die Hirschgasse als Standort?

Feil: Wir waren eineinhalb Jahre auf der Suche nach einem geeigneten Platz. Die Räume sollten gut erreichbar und hinreichend sicher sein. Eine Kindereinrichtung im gleichen Haus geht nicht. Am Waldrand bringt die Ambulanz aber auch nichts. Da muss man Kompromisse finden. Die Hirschgasse ist gut erreichbar. Die Anonymität ist jetzt allerdings ein Stück weit weg.

Gab es vor der Eröffnung der Münchner Ambulanz ähnliche Diskussionen wie nun in Memmingen?

Feil: Die Aufmerksamkeit wie in Memmingen hatten wir in München nie. Das ist auch ein anderes Umfeld. Die Nachbarn in München wissen, was wir machen. Wir sind da transparent, hängen es zwar nicht an die große Glocke, aber verheimlichen auch nichts. Ich kann die Nöte und Sorgen des Einzelnen gut verstehen. Auch ich möchte nicht, dass im Kindergarten meines Kindes ein vorbestrafter Pädophiler arbeitet. Es geht uns nicht darum, die Straftaten zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Ich sehe unsere Arbeit vielmehr als gesellschaftliche Aufgabe, die wir gemeinsam angehen müssen.

Interview: David Specht

Lesen Sie außerdem: Frauen vergewaltigt? Das ist der Angeklagte Ali A.

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren