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Rechtsextremismus

15.11.2019

Investigativ-Reporter: "Im Allgäu ist es bequem, Nazi zu sein"

Mit dem Portal „Allgäu Rechtsaußen“ möchte Sebastian Lipp auf die Aktivitäten der rechten Szene in der Region aufmerksam machen.
Bild: Uli Deck/dpa (Symbol)

Plus Sebastian Lipp spricht in Babenhausen über die rechte Szene. Wie sich Neonazis tarnen und welche Rolle Plattenlabels und Kampfsport für sie spielen.

Tagsüber sind sie Familienväter oder führen Unternehmen, abends stählen sie sich im Boxring für den politischen Umsturz: Im Allgäu gibt es mehr Neonazis als man vermuten würde. Das hat Journalist Sebastian Lipp mit seinen investigativen Recherchen herausgefunden. In der Idylle habe sich in den vergangenen knapp 30 Jahren ein regelrechter "brauner Sumpf" breit gemacht. Was auch an der 2002 im Raum Memmingen gegründeten Skinhead-Kameradschaft „Voice of Anger“ zu sehen sei – der größten solchen Gruppierung in ganz Bayern. In Babenhausen sprach er darüber, wie Rechtsextreme in der Region auftreten, wie sie Nachwuchs anwerben und sich für den politischen Umsturz wappnen.

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Lipp, der sich seit Jahren mit der rechten Szene beschäftigt, möchte durch sein Recherche-Portal „Allgäu Rechtsaußen“ auf die Aktivitäten von Neonazis in der Region aufmerksam machen. Der Saal im Jugendbildungszentrum ist voll besetzt – es müssen sogar noch zusätzliche Stühle herangeschafft werden. „Das ist leider überraschend bei dem Thema“, sagt Lipp. Denn in der Region werde vielerorts nicht genau genug hingeschaut: „Es ist bequem im Allgäu ein Nazi zu sein, weil man nirgends aneckt.“ Allerdings würden sich die örtlichen Neonazis in vielen Fällen gut tarnen: Nicht wenige pflegen Lipp zufolge nach außen eine relativ unauffällige bürgerliche Existenz, seien Familienväter oder Unternehmer.

Rechtsextreme Plattenlabel sind professionell organisiert

Erst ein Blick hinter die Fassade zeige oft: In ihrer Freizeit besuchen sie Skinhead-Treffen, sind Mitglieder rechtsradikaler Rockbands oder tragen extremistische Symbole zur Schau. Lipp schreckt nicht davor zurück, den Zuhörern Namen aus der Region zu nennen: Auch in Babenhausen und Illertissen lebten demnach bekannte Neonazis – als Sänger oder Gitarristen hätten sie unter anderem an antisemitischen oder gewaltverherrlichenden Alben mitgewirkt.

Investigativ-Reporter: "Im Allgäu ist es bequem, Nazi zu sein"

Musik spiele in der Szene sowieso eine zentrale Rolle, erklärt Lipp: „Mit ihren Liedern können Neonazis ihre Ideologie an Jugendliche heranbringen.“ Die Tonträger würden über rechtsextreme Plattenlabel vertrieben, die laut Lipp hochprofessionell organisiert sind. Vor fast sechs Jahren habe die Polizei bei Razzien bei einem solchen Label in Bad Grönenbach 900 Straftaten aufgedeckt. Der Betreiber wurde bis jetzt nicht bestraft: Bekannte Szeneanwälte hatten laut „Allgäu Rechtsaußen“ mit fragwürdigen Rechtsgutachten die Unbedenklichkeit der Propagandamedien bescheinigt. „Solche Label bereiten ihre Veröffentlichungen mit Blick auf Strafverfahren vor“, sagt Lipp.

Lipp: Kampfsport wird für Neonazis immer wichtiger

Wie der Journalist erklärt, spiele auch der Kampfsport eine immer wichtigere Rolle für Rechtsextreme. „Es gibt Klubs, die von Neonazis betrieben werden – auch im Allgäu.“ Auf den ersten Blick würden sie diese wie normale Unternehmen führen: Jeder könne an Kursen teilnehmen, auch Kinder oder Menschen mit Behinderung. Doch nebenher dienten die Boxringe und Kampfmatten einem anderen Zweck: „Rechtsextreme stählen sich dort für den Kampf auf der Straße“, erzählt Lipp. Ihm zufolge verfolgen sie ein übergeordnetes Ziel: den gewaltsamen politischen Umsturz.

Auch über seine Arbeit als Journalist und seinen Blog „Allgäu Rechtsaußen“, den er mit mehreren Kollegen betreibt, spricht Lipp: „Es ist ein ständiges Grundrauschen an Beleidigungen und Bedrohungen zu vernehmen.“ Doch dabei bleibe es nicht immer: Autos von „Allgäu Rechtsaußen“-Autoren seien schon beschädigt worden. Außerdem komme es ab und an zu Übergriffen: „Damit muss man leider rechnen, wenn man diesen Job macht“, sagt Lipp. Er ist Idealist: „Irgendwer muss ihn ja machen.“

Lesen Sie auch: Baywa will Standort in Babenhausen erweitern

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