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Musik-Projekt

18.10.2012

Irische Tradition aus England

Kevin Crawford, Colin Farrell und Damien Mullane (von links) alias „Pure Irish Drops“ spielten in der Aula des Kollegs der Schulbrüder in Illertissen irische Musik auf traditionellen Instrumenten. Das karierte Hemd hatte sich Fiddler Farrell übrigens erst am Nachmittag in einem Illertisser Bekleidungsgeschäft gekauft, plauderte Flötist Crawford aus dem Nähkästchen.
Bild: Kristina Rudy

„Pure Irish Drops“ überzeugen in Illertissen mit Charme und Professionalität

Illertissen Was klingt wie Lutschpastillen zur Linderung von Halsschmerzen bezeichnet in Wahrheit ein einzigartiges Musikprojekt: Die Idee zu „Pure Irish Drops“ hatte Florian Fürst, Irish-Folk-Enthusiast und Konzertagent vor einigen Jahren. Jedes Jahr sucht er drei Persönlichkeiten der traditionellen irischen Musik und organisiert eine Europa-Tournee, die unter einem bestimmten Thema steht. Am Dienstagabend gastierten die „Pure Irish Drops“ in der fast ausverkauften Aula des Kollegs der Schulbrüder in Illertissen.

In diesem Jahr widmet sich das Projekt dem Thema Emigration. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierten die Iren bevorzugt nach England, weil sie dort Arbeit fanden. Noch heute gibt es in einigen englischen Städten große irische Gemeinden und eine lebendige irische Musikszene. Denn gerade fernab der Heimat pflegen die Emigranten ihre Traditionen.

Kinder solcher Auswanderer sind auch die diesjährigen „Pure Irish Drops“, deren Musik genau in dieser Tradition steht: Kevin Crawford aus Birmingham, Colin Farrell aus Manchester und Damien Mullane aus London. Crawford, der Dienstälteste der extra für diese Tour zusammengestellten Gruppe, ist der Meister an der Tin und Penny Whistle sowie der Holzquerflöte, schlägt ab und an aber auch die Bodhrán, die irische Rahmentrommel. Farrell, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen und ebenfalls irischstämmigen Hollywoodschauspieler, überzeugt an der Fiddle. Damien Mullane, mit 26 Jahren das Nesthäkchen, spielt das irische Knopfakkordeon.

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Stille Miene, aber die Finger sprechen eine andere Sprache.

Keine Miene rührt sich in diesem Knabengesicht, doch sprechen seine Finger eine völlig andere Sprache. Sie bewegen sich in blinder Sicherheit über die Knöpfe des Akkordeons. Nicht nur um Musik geht es an diesem Abend. Viele Geschichten geben die drei sympathischen Männer zum Besten. Vor allem Kevin Crawford hat ein großes Erzähl-Talent und redet sich charmant in die Herzen des Publikums. Berührend ist zum Beispiel die romantische Liebesgeschichte seiner Eltern, die in Irland schon „childhood sweethearts“ gewesen waren und sich dann in Birmingham wiedergefunden hatten. Solche Geschichten verstärken die Wirkung dieser traditionellen Musik.

Vor jeder Auswahl von Stücken, die sie spielen, erklären die Musiker, um welche Art von Lied es sich handelt, ob Jig, Reel, Polka oder Hornpipe, wie die traditionellen Grundformen heißen. Außerdem erzählen sie, wer ihnen die Melodien beigebracht hat, sei es ein Hornpiper aus Kerry oder ein Akkordeonspieler aus Dingle.

Und wenn sie dann loslegen und diese scheinbar einfachen, eingängigen Melodien spielen, die sich laufend in leichter Variation mantra-artig wiederholen, dann klingt das mal meditativ – zum Beispiel beim Penny-Whistle-Solo von Kevin Crawford, das einen unweigerlich in die Weite irischer Hügellandschaften versetzt – mal ausgesprochen heiter, insbesondere, wenn alle drei Musiker gemeinsam spielen.

Die alten Weisen werden von Generation zu Generation weitergegeben und so lange und oft gespielt, bis man sie in- und auswendig kann. Und genau das ist ihnen anzumerken – diesen Vollblutmusikern, die längst als Solokünstler in der Írish-Folk-Szene bekannt und erfolgreich sind. Die Musik fließt durch ihre Adern und sie scheinen sich blind zu verstehen, obwohl sie vor der Tour noch nie zusammen gespielt haben.

Zwar versuchten die Musiker, in der Aula Stimmung vergleichbar einem irischen Pub aufkommen zu lassen, animieren zum Mitklatschen, versprühen atemberaubende Spielfreude. Doch trotz ausgeschenktem irischem Kilkenny-Bier will Ausgelassenheit in der doch eher trockenen Atmosphäre der vollbestuhlten Aula des Kollegs der Schulbrüder nur bei wenigen Besuchern aufkommen. Aber das ist dann auch der einzige Wermutstropfen an diesem musikalisch rundum gelungenen Abend.

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