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Vortrag

16.11.2011

Judenviertel hebt Altenstadt heraus

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Ein Vorkriegsbild der Memminger Straße mit Judenhäusern, wie sie großteils heute noch stehen. Die prächtige Synagoge (rechts) wurde erst nach dem Krieg abgerissen.

Michael Briglmeir bringt 300-jährige jüdische Ortsgeschichte im historischen Kontext

Altenstadt „Es gäbe den Ort Altenstadt nicht, zumindest nicht so, wie wir ihn heute kennen“, beginnt Michael Briglmeir seinen Vortrag über die 300-jährige Geschichte der Juden in Altenstadt. 25 Zuhörer, auch aus Osterberg, hatten sich zur Veranstaltung der Volkshochschule in der Winkle-Kantine in Altenstadt eingefunden. Den historisch wie heimatkundlich interessanten Ausführungen folgen noch Ortstermine mit Günter Backhaus zu den jüdischen Stätten (siehe Infokasten).

Das Zusammenleben der Juden mit anderen Völkern habe nie gut funktioniert, seit 2500 Jahren nicht, behauptet der Referent. Dann beginnt er bei Abraham, der Zeit, als die Juden als erste Anhänger einer monotheistischen Religion mit ihren Nachbarn in Konflikte gerieten. „Die Unterschiede waren stets zu groß, als dass sich die Juden in die umgebende Bevölkerung hätten integrieren können, bestenfalls konnten sie sich assimilieren.“

Juristische Gleichstellung unter Kaisers Zeiten

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Ein Prozess der Assimilation sei in Deutschland mit der rechtlichen Gleichstellung von Juden zu Beginn der Kaiserzeit 1871 zu beobachten gewesen. Wenngleich dies nicht zwangsläufig ein Ende der Diskriminierung bedeutete, so der Referent. In Altenstadt führte das dazu, dass ein Jude im Kirchenchor mitsang, weitere gehörten Turn- und Gesangverein an. Die 1865 gegründete Schuhleistenfabrik Winkle hatte jüdische Compagnons, ähnlich die Kleiderfabrik Ranz. Erst in jüngster Zeit gebe es innerhalb der 30000 in Deutschland lebenden Juden mehr Hochzeiten mit nichtjüdischen Partnern, „etwas ist in Bewegung“.

Eine Geschichte von Ängsten und Vertreibung

In der langen Geschichte der nach der Zerstörung ihres Landes um 70 nach Christus umherziehenden Juden ging es stets ums Überleben, resümiert Briglmeir. Nach Illereichen hatten die Grafen von Rechberg um 1650 fünf jüdische Familien geholt, um in ihrem, vom dreißigjährigen Krieg entvölkerten Herrschaftsgebiet zu sicheren Steuereinnahmen zu gelangen. Die sogenannten „Schutzjuden“ hatten wohl die Stadt Memmingen verlassen müssen, doch „den Grafen dienten sie als willkommenes, wehrloses Ausbeutungsobjekt“, mutmaßt der Referent. Wobei ihre Nachbarschaft zu Christen wohl auch nicht funktioniert habe.

Daher begannen die Grafen Limburg-Styrum in Altenstadt, jenseits des Mühlbaches, und somit getrennt von der kleinen christlichen Gemeinde, um die Ringstraße südlich der Kirche eng nebeneinander stehende Judenhäuser zu bauen. Deren zweite Generation mit Walmdächern, etwa Merkle-Haus oder auch der Gasthof Fischer, hatten die, bereits zu etwas Wohlstand gelangten Bewohner schon selbst errichten können. „Im Gegensatz zu den Juden Osterbergs, es handelte sich ja um die gleiche Herrschaft, hatte in Altenstadt eine selbstständige Judengemeinde mit allen Institutionen entstehen können, die um 1834 mit 403 Seelen ihren Höchststand erreicht hatte. Mit dem Bau der Eisenbahn 1860 wanderten viele wegen der beginnenden Industrialisierung in die Großstädte ab. In der Reichspogromnacht vom 8. zum 9. November 1938 wurde die Synagoge teilweise zerstört, aber erst nach Kriegsende abgerissen. 1942 hatten die auch in Altenstadt heimischen Nazis die noch verbliebenen 22 Juden in zwei Gruppen in Waggons deportiert. Briglmeir: „Mir wurde erzählt, wie der mit Habseligkeiten beladene Waggon in Höhe Untereichen vom Zug abgehängt und auf das vom E-Werk-Bau verbliebene Gleis zum Ausrollen geschickt wurde.“ „Die Memminger Straße trägt vom Grambihler-Haus bis zur Gaststätte Brüderle ein jüdisches Ortsbild, fast einzigartig in Süddeutschland“, wirbt Briglmeir für den Erhalt des schweren Erbes und das Bewusstsein des Besonderen.

Das Publikum fand den Vortrag aufschlussreich und tauschte eigenes Wissen über Altenstadts Juden aus.

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