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Barocksaal

21.04.2015

Kammermusik, die aus dem Rahmen fällt

Zwei Solisten, die sich beim Kammermusikabend im Barocksaal beim Zusammenspiel nicht im Wege standen. Linus Roth hatte als Geiger in Vanessa Benelli Mosell am Flügel eine kompetente Begleiterin.
Bild: Regina Langhans

Linus Roth und Vanessa Benelli Mosell machen auf ihrer Tournee auch in Illertissen Station. Ihr Programm mit neuerer Musik überrascht, gefällt aber auch

Je später der Abend, desto mehr staunten die Gäste über die gebotene Kammermusik im Barocksaal in Illertissen, die zunehmend aus dem Rahmen zu fallen schien. Als Letztes drehte Linus Roth den Wirbel der G-Saite seiner Stradivari langsam nach unten, um einhergehend zum finalen Bogenstrich den Schlusston noch regelrecht absterben zu lassen. Es handelte es sich um „Stille Nacht, heilige Nacht“, allerdings in der verfremdeten Version von Alfred Schnittke, 1978 für Gidon Kremer zu Weihnachten komponiert. Das war die ungewöhnliche Zugabe auf ein so erstaunliches wie virtuoses Konzert von Linus Roth und Vanessa Benelli Mosell, zu der trotz anhaltendem Applaus keine weitere gepasst hätte.

Beide sind bühnenfüllende Solisten, wie neben ihrem harmonierenden Zusammenspiel brillant zu hören war. Linus Roth hatte die Sonate Nr. 3 „Ballade“ des in der Tradition großer Violinkomponisten stehenden Belgiers Eugène Ysaye ausgewählt und dabei wie selbstverständlich komplizierteste Grifftechniken angewandt. In scheinbarer Rastlosigkeit griff er in langen Bogenstrichen und effektvollen Doppelgriffen das ganze Klangspektrum der Violine ab.

Nicht weniger faszinierte Vanessa Benelli Mosell bei „Étude“ und „Prélude“ des russischen Komponisten Alexander Skrjabin, dessen atonale Kompositionstechnik als Vorform der Zwölftonmusik gilt. Der Pianistin gelang ein so dynamischer wie imposanter Vortrag, wobei nur der Flügel selbst ihrer brillanten Fingertechnik und Ausdrucksfähigkeit Grenzen setzte.

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Das Spektrum moderner Komponisten war breit. Im mystisch anmutenden Zusammenspiel gelang Violine und Klavier das Stück „Spiegel im Spiegel“ des Esten Arvo Part im Tintinabuli-Stil, das an Glockenklänge erinnerte. Die Komposition setzt sich im Prinzip aus zwei sich überlagernden Stimmen zusammen, den Dreiklangtönen sowie melodischen Bewegungen. Bei Claude Débussys Sonate in g-Moll vermochten die Künstler melodische Bilder in die Köpfe der Zuhörer zu malen: zart gegriffene Flageoletttöne, mit spitzem Bogen angerissene Klänge oder geschmeidige Fingerläufe am Klavier. Und bei „Vocalise“ von Sergej Rachmaninow brachte Linus Roth seine Geige wunderbar zum Singen.

So viel neuzeitliche Musik mag nicht allen Erwartungen des Publikums im ausverkauften Barocksaal entsprochen haben. Zumal mit der Frühlingssonate in F-Dur von Ludwig van Beethoven eingangs und dem gefälligen Csardas von Vittorio Monti zum Ausklang der Rahmen für klassische Kammermusik gesteckt war. Bei beiden Stücken kamen die Liebhaber traditioneller Harmonielehre absolut auf ihre Kosten. Allein die mit vier Sätzen umfangreiche Beethoven-Sonate haben die Künstler so technisch perfekt wie romantisch verspielt interpretiert. Und beim Csardas war die zum furiosen Vortrag gezeigte Lässigkeit des aus Bad Schussenried stammenden Geigers nicht aufgesetzt, sondern echt. Zurzeit in Augsburg am Leopold-Mozart-Zentrum mit einer Professur betraut, hatte Linus Roth in souveräner Begleitung von Vanessa Benelli Mosell genial und unkonventionell Musik gemacht. Toll!

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