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Altenstadt

12.08.2020

Kann diese Technologie mit Licht Coronaviren unschädlich machen?

Robert Wiedemann von der Firma Beam mit dem Dampfsauger „Blue Evolution“. Das Gerät kann auch Aerosole unschädlich machen.
Bild: Felix Oechsler

Plus Die Firma Beam aus Altenstadt im Kreis Neu-Ulm entwickelt Dampfsauger mit UVC-Strahlung. Diese Technologie könnte auch bei der Bekämpfung von Viren helfen.

Dampf zischt aus der Bodendüse, im Tank brodelt blau beleuchtetes Wasser. Was wie ein unförmiger Staubsauger aussieht, ist ein Dampfsauggerät des Unternehmens Beam aus Altenstadt im Landkreis Neu-Ulm. In dem Gerät „Blue Evolution“ steckt eine Technologie, die Oberflächen und die Raumluft reinigt – und bei der Eindämmung von Covid-19 eine Rolle spielen könnte. Es ist bereits in vielen großen Betrieben im Einsatz.

Robert Wiedemann, einer der zwei geschäftsführenden Gesellschafter, zieht die Bodendüse über schmutzige Fliesen. Der Trockendampf, der aus dem Aufsatz herausquillt, hat eine Temperatur von gut 170 Grad. „Bei dieser Hitze werden Keime getötet und Viren inaktiviert“, sagt Wiedemann. Es sei nicht auszuschließen, dass sich Menschen auch über Oberflächen mit dem Coronavirus infizieren könnten. Doch das Desinfizieren von Flächen helfe nur in wenigen Fällen. Wiedemann spricht von einem „Desinfektionswahn“, der entstanden sei. Laut Robert-Koch-Institut ist eine routinemäßige Flächendesinfektion jedoch weder in privaten noch in öffentlichen Bereichen nötig. Von der Vorgabe ausgenommen ist das häusliche Umfeld von Covid-Erkrankten.

Vernachlässigt werde aber, so Wiedemann, der vorrangige Übertragungsweg für das Virus: die Luft. Aerosole können Minuten im Raum verbleiben und von anderen Menschen eingeatmet werden. Die Untersuchung eines mikrobiologischen Labors ergab, dass das Gerät des Altenstadter Unternehmens auch Viren ausschaltet. „Das passiert beim Reinigen ganz automatisch“, sagt Wiedermann – und tippt auf den Wassertank des Dampfsaugers.

Das energiereiche Licht kann auch Sporen unschädlich machen

Zwei seiner Brüder gründeten das Unternehmen 1978. Robert Wiedemann selbst stieg nach seinem Studium der Feinwerktechnik ein, arbeitete erst im Vertrieb und kaufte die Firma schließlich. Heute beschäftigt er in Altenstadt, wo die technische Entwicklung stattfindet, 40 Mitarbeiter. Produziert werden die Geräte in Italien. Wiedemann brennt für die stetige Weiterentwicklung der Geräte. „Ich liebe Innovation und neue Technik“, sagt der Geschäftsführer, der Beam mit seinem Sohn Marco Wiedemann leitet.

Das Gerät „Blue Evolution“ brachte das mittelständische Unternehmen 2014 auf den Markt. Die Neuheit: eine in den Dampfsauger integrierte Ultraviolettstrahlung des Bereichs C (UVC). Das energiereiche, kurzwellige Licht ist in der Lage, Viren, Bakterien, Schimmel und Sporen unschädlich zu machen. In öffentlichen Einrichtungen wie Flughäfen kommen bereits UVC-Lampen zum Einsatz. Doch diese hätten einen entscheidenden Nachteil: „Für eine umfassende Reinigung muss sich die Luft immer wieder an der Strahlungsquelle vorbei bewegen.“

Die Strahlung im Dampfsauger geht nicht von dem blauen Licht im Wassertank aus. „Das sind nur LEDs“, sagt Wiedemann. Die UVC-Lampe liegt am Boden des Tanks, eingebettet in Quarzglas. Denn Kunststoff kann das kurzwellige Licht nicht durchdringen – ebenso wenig wie schmutziges Wasser. Wenn die blauen LED-Lichter nicht mehr zu sehen sind, muss das Wasser gewechselt werden.

Je nach Leistung kostet ein „Blue Evolution“ zwischen 4000 und 6500 Euro. Wiedemann zufolge ist die Technologie im Gerät, die einen Dampfsauger mit UVC-Strahlung kombiniere, weltweit einzigartig: „Das Gerät saugt die Raumluft ab und wäscht sie im Wasser.“ Dabei bewege sich die Luft permanent über die UVC-Lampe. „Die Strahlung zerstört die DNA der Viren, die so niemanden mehr infizieren können“, sagt Wiedemann.

Innerhalb von fünf Minuten entferne das Gerät so 99,99 Prozent aller Keime aus der unmittelbaren Umgebungsluft. Dadurch sinkt das Infektionsrisiko, aber keimfrei sei die Luft nach dem Reinigen nicht, gerade in großen Räumen. „Das geht auch nicht. Unser Ziel ist, Bakterien und Viren in Innenräumen zu reduzieren“, sagt Wiedemann.

Die Bahn reinigt mit den Geräten vieler ihrer ICE-Züge

Das kurzwellige UVC-Licht ist keine Neuheit – Wissenschaftler kennen seine keimtötende Wirkung seit 100 Jahren. Am Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung in Ilmenau (IOSB) arbeiten die Forscher seit 2014 an UVC-Lösungen. Momentan steigt das Interesse an der Strahlungsquelle stark an. Martin Käßler aus dem Marketing des IOSB sagt: „Durch Corona ist die Technologie aus ihrer Nische gerückt.“

UVC-Licht ließe sich in vielen Bereichen anwenden, doch nicht in allen: „Man muss abwägen, wo sich andere Möglichkeiten zur Desinfektion besser anbieten“, sagt Käßler. Das energiereiche Licht ist ungefiltert gefährlich für den Menschen und kann Schäden an Haut und Augen verursachen. Dazu spielt auch die technische Verarbeitung eine Rolle: Denn wie effektiv Geräte mit integrierter Strahlungsquelle Keime abtöten, hängt laut Käßler von vielen Faktoren ab – wie etwa der Leistung der jeweiligen UVC-Lampe.

Unter den Kunden von Beam sind Privatpersonen und Unternehmen aus unterschiedlichsten Bereichen. Die Stadt Augsburg etwa setzt die Dampfsauger in Schwimmbädern ein. Ein großer Abnehmer ist die Deutsche Bahn, die mit rund 80 Dampfsaugern Sitze und Böden der Züge reinigt. „In Hamburg werden nachts alle ICE mit unseren Geräten gesäubert“, so Wiedemann. Auch im Lebensmittelbereich, wie beim Schokoladenhersteller Lindt oder der Großbäckerei Wolf, findet die Technologie Anklang.

Viele Kunden schätzen, dass bei der Reinigung keine Chemikalien zum Einsatz kommen. Das Unternehmen sei über die Jahre stetig gewachsen und auch international erfolgreich. Singapur, Südkorea, Kanada: „Wir vertreiben unsere Produkte momentan in 18 Ländern“, sagt Wiedemann.

Buergerrecherche

Durch die Corona-Pandemie habe auch Beam erhebliche Einbußen erlitten. Zwar bestehe eine große Nachfrage, doch durch das Wegbrechen der Messen verlor Beam mit einem Schlag den Umsatz von sechs Monaten. Denn die Firma verkauft ihre Produkte nur im Direktvertrieb und nicht im Internet. Die Gründe: Preisverfall und die Komplexität der Geräte. Eine genaue Einweisung in die Dampfsauger hält Wiedemann für unverzichtbar: „Wir haben schon ein erklärungswürdiges Produkt.“

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