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Wiener Tanzgeiger

19.11.2012

Kein Beben sondern ein Schweben

Musizierend nahmen die Wiener Tanzgeiger ihren Bühnenauf- und -abgang durch die Publikumsreihen und unterstrichen somit die Atmosphäre der Heurigen-Veranstaltung. Zu später Stunde postierten sie sich im Eingangsbereich für den Radetzki-Marsch, um mit dieser Zugabe auch das Ende ihres Auftritts anzukündigen.
Bild: Langhans

Beim „Heurigen“ am Wochenende genießen die Fans die Musik-Atmosphäre

Illertissen Wenn das Publikum enthusiastisch auf musikalische Veranstaltungen reagiert, beginnt der Saal zu beben. In Illertissen brachten die Wiener Tanzgeiger – engagiert vom Freundeskreis Kultur im Schloss – beim ausverkauften „Heurigen“ in der Abend- wie der Matinéeveranstaltung die Historische Schranne zum Schweben. Das Schweben eines Tones – ähnlich dem Tremolo, wie Stehgeiger Rudi Pietsch erklärte – mache erst den typischen Klang der Wiener Tanzmusik aus. Die Zuhörer entschwebten genießerisch mit den studierten „Volksmusikern“ auch ohne zu tanzen mitten ins Wiener Milieu, voll von Einflüssen aus Mähren, Böhmen, Ungarn, von Zigeunern und Juden.

Mit Walter Burian an der zweiten Geige, Bratscher Michael Gmasz, Bassgeiger Hannes Martschin sowie Harmonikaspielerin Marie-Theres Stickler, Trompeter Claus Huber und Posaunist Dieter Schickbichler präsentieren die Wiener Tanzgeiger eine über Jahrzehnte gewachsene Formation. Ein Pult mit Noten steht gerade mal beim ersten Geiger zum Ankündigen ihrer „Stückln“, die Musiker spielen und singen aber auswendig, spielen sich zu, reagieren auf Blickkontakt. Noch während der Heurigen-Mahlzeit gibt Rudi Pietsch eine erste, feinsinnige Kostprobe beim gemeinsamen Einspiel. „Es geht alles a bisserl net ganz so genau“, beschreibt er das hohe „g“ mit „Schwebung“ und lässt dieses Marie-Theres Stickler an der Steirischen vorführen. „Bei den Volksmusikern ist das noch deutlicher zu hören als bei uns.“ Er nennt es auch Bordun-Musik, was die Knopfharmonikaspielerin zu Gehör bringt, später auf der Wiener Harmonika und eckigen Konzertina.

Beim Csárdás wird es andächtig still

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Nach und nach stellt der Stehgeiger die Besonderheiten vor, die den Wiener Flair ausmachen, nicht ohne den Wiener Schmäh zu vergessen. Seine Beiträge sind seine Wissenschaft und Programm. Die Heo-Geige oder Piccolo-Violine aus dem Egerland zum Beispiel, die eine Terz höher gestimmt ist und sehr hell klingt. Im Duett mit Burian trägt Pietsch Walzer und einen norwegischen Hochzeitsmarsch vor. Umgekehrt entspricht Burian dem Publikumswunsch und singt – wie beim Auftritt vor einem Jahr – wunderbar akzentuiert den „Dornbacher Pfoarrer“, begleitet von Pietsch. Als Michael Gamasz seine Bratsche weglegt und mit mächtiger, schmachtender Stimme zum Csárdás ansetzt, wird es andächtig still im Saal. Nicht nur da gibt es begeisterten Applaus, vom Austausch zwischen Bühne und Publikum lebt der ganze Konzertablauf.

Mit ausgefeilter Bogentechnik, akrobatischen Griffkombinationen oder atemberaubendem Bläserspiel gibt es in höchst synchronem Zusammenspiel Seichtes und Schwermütiges zu hören: Polka, Landler, Zwiefache, Boarische. Bemerkenswert dabei, wie sehr Trompete und Posaune ihre Lautstärke auf die Streicher abstimmen, um dann bei ihren Soli geradezu theatralisch den charakteristischen Klang ihres Instruments in Szene zu setzen. Unter die Haut gehen musste der Jodelvortrag, wofür die Protagonisten nacheinander zum gemeinsamen, übergreifenden Tongeflecht einstimmten. Zu später Stunde dann intonierten sie den Budapester Gastwirte-Marsch fast schon als „Rausschmeißer“ und den Radetzky-Marsch mit raffinierten Variationen als Zugabe gab es am Saalausgang.

Die Tanzgeiger hatten ein breites Fan-Publikum, darunter Fürstin Angela Fugger von Glött. Oder Simone und Gold-Rodler Alexander Resch, die mit Geige und Ziach für zwei „Stückln“ zu den Tanzgeigern auf die Bühne kamen. Christa Thoma aus Illertissen schätzt als Zitherspielerin Landler und Polka: „Das war eine feurige, virtuos gespielte Musik mit interessanten Nachbareinflüssen wie aus Ungarn. “

Mehr Bilder zu den Tanzgeigern

im Internet unter

www.illertisser-zeitung.de

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