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Landkreis Neu-Ulm

18.06.2020

Kriseninterventionsteam: Sie stehen Angehörigen bei

Halt geben nach einem tragischen Unglück: Das ist die Aufgabe des Kriseninterventionsdienstes im Landkreis Neu-Ulm. So viel Nähe wie auf dem Bild ist derzeit aber nicht möglich – Corona zwingt die Helfer, andere Wege zu suchen, für Betroffene da zu sein.
Bild: Norbert Försterling/dpa

Plus Nach Unglücken, wie dem Tod eines Vierjährigen auf einem Bauernhof in Buch, stehen Betroffene unter Schock. Wie das Kriseninterventionsteam im Landkreis Neu-Ulm hilft.

Es sind Ereignisse im Leben, von denen man hofft, dass sie nie passieren. Gerade deshalb treffen sie meist mit voller Wucht: Verkehrsunfälle, Unglücke wie die Gasexplosion am Bahnhof Günzburg – oder der Tod eines Vierjährigen nach einem Unfall auf dem Hof der Eltern vor einer Woche in einem Ortsteil von Buch. Ulrike Salamon vom Kriseninterventionsteam im Landkreis Neu-Ulm hat die Familie des Kindes in den ersten schweren Stunden begleitet. Keine einfache Aufgabe, die durch die Corona-Krise nicht leichter geworden ist – und eine Zeit lang sogar überhaupt nicht möglich war.

Nach Corona: Einsätze scheinen mehr zu werden

Das fängt schon bei der Diensteinteilung für die 17 Teammitglieder aus dem Pool des Roten Kreuzes und der 15 Mitglieder der Notfallseelsorge an, die sich schichtweise abwechseln – normalerweise, wie Monika Bühler vom BRK sagt. „Wir können gar nicht mehr mit allen unserer Teammitglieder fahren. Viele gehören der Risikogruppe an.“ In der Hochphase von Corona stand der Einsatzbetrieb sogar einige Wochen komplett still. „Wir hatten keine Schutzmasken zur Verfügung, die brauchten andere Einsatzkräfte dringender.“ Kurz vor Ostern stiegen die Helfer dann wieder mit reduzierten Dienstplänen ein. Sie haben, so fühlt es sich zumindest für Monika Bühler an, viel mehr zu tun als vorher. Zwei bis drei Einsätze in der Woche gilt es abzuarbeiten. Doch es ist komplizierter geworden zu helfen.

Die Nähe, die mancher Trauernde in den ersten Momenten braucht, kann auch Notfallseelsorger Pater Ulrich Keller derzeit nicht so geben, wie er es seit Beginn seiner Arbeit 1997 gewohnt ist. „Die Menschen reagieren alle ganz unterschiedlich. Manche wollen meine Hand nehmen, brauchen die Berührung als Trost. Für andere wiederum muss man der Fachmann sein, der erklärt, was da gerade mit einem passiert.“ Für viele Betroffene gelte es auch, als Anwalt beispielsweise gegenüber der Kriminalpolizei aufzutreten, erzählt Ulrike Salamon: „Zum Beispiel, wenn die Eltern ihr Kind an der Unfallstelle noch einmal sehen möchten.“

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Sie erklären den Angehörigen, was überhaupt passiert

Vieles, das nach einem Unglücksfall oder Unfall auf die Betroffenen einstürzt, klingt erst einmal brutal, nach Fernsehkrimi. Auch hier steht die Krisenintervention den Angehörigen bei. „Wir erklären den Betroffenen, was es bedeutet, wenn ein Toter von der Kripo beschlagnahmt wird. Und dass eine Obduktion nicht heißen muss, dass eine Person aufgeschnitten wird. Oft reicht ja auch eine genaue Begutachtung.“

„Ich sehe uns als den Fels in der Brandung“, beschreibt Monika Bühler die Aufgabe der Psychosozialen Notfallversorgung, wie das Team etwas sperrig offiziell heißt. Meistens sind diese Felsen zu zweit am Einsatzort – ein ausgebildeter Helfer und ein Hospitant, der die spezielle Ausbildung durchlaufen hat. Die Menschen, die diese Aufgabe übernehmen, haben ganz unterschiedliche Beweggründe, sich dafür einzusetzen, sagt Pater Ulrich Keller: „Manche haben selbst schon Unglücksfälle erlebt und Hilfe erfahren. Andere haben das einfach in sich, dass sie nur helfen wollen.“

Nicht schweigen, sondern fragen

Auch Buchs Bürgermeister Markus Wöhrle hatte sofort den Impuls zu helfen, als er von dem Unfall in seiner Gemeinde erfuhr. Doch die Polizei hatte dem langjährigen Feuerwehrmann erst einmal davon abgeraten seinen Urlaub abzubrechen, um persönlich der Familie beizustehen. „Von uns kam dieser Rat aber nicht“, betont Ulrike Salamon. Im Gegenteil: Für das Kriseninterventionsteam ist es wichtig, dass nach ihrer Notfallarbeit das Umfeld, die Dorfgemeinschaft, weiter für die Familie des Vierjährigen da ist. „Es entsteht oft eine Sprachlosigkeit gegenüber Trauernden“, sagt Pater Ulrich Keller. „Ein Angehöriger kommt in den Laden und die anderen verstummen. Dabei müsste ich mich doch eigentlich fragen: Was würde ich mir wünschen in so einem Fall?“ Die Frage „Wie geht es Dir heute, ist heute ein guter Tag oder ein schlechter?“ kann und soll man Trauernden stellen. „Dann merkt man schon, ob derjenige reden möchte – oder doch lieber in Ruhe gelassen werden will.“

Ein Jahr dauere es meistens, einen Trauerfall zu verarbeiten. Und die meisten Menschen sind auch in der Lage, das zu tun, sagt Pater Ulrich Keller. „Man darf nicht vergessen, dass Menschen eine natürliche Widerstandskraft haben. Das Leben ist nicht immer nur gut. Und man muss einem Menschen auch das Leben zumuten können.“ Die Familie des Vierjährigen aus Buch stehe ganz am Anfang ihrer Trauer, und sie sei damit nicht alleine gelassen. Nicht nur in der akuten Notfallsituation durch das Krisenteam. Die Trauerarbeit, den Umgang mit der neuen Realität, müssten sie aber selbst leisten.

Auch die Helfer müssen die Geschehnisse verarbeiten

Wie aber gehen die Mitglieder des Krisenteams mit den Ereignissen um, zu denen sie gerufen werden? „Meine Arbeitskleidung hilft mir dabei – ich ziehe sie nach dem Einsatz ganz bewusst aus und hänge sie wieder in den Schrank“, so beschreibt es Monika Bühler. Gemeinsam mit Pater Ulrich Keller macht sie zudem regelmäßig Sport. Und in der Muckibude wird dann natürlich auch darüber gesprochen, was passiert ist. Auch Ulrike Salamon nutzt Bewegung, um das Erlebte zu verarbeiten. Für sie hat die Arbeit in der Krisenintervention auch den Blick geändert. „Es ist nicht selbstverständlich, dass das Leben so weitergeht, wie es ist. Man wird dankbar dafür, dass es einem gut geht.“

Künftig möchte sie sich noch stärker für die Notfallseelsorge einsetzen: Ab September wird Ulrike Salamon die Leitung der Notfallseelsorge von Pater Ulrich Keller übernehmen. Der Roggenburger zieht sich auf die Stellvertreterstelle zurück.

Eine schwere Aufgabe, die auch viel zurück gibt

Dem Einsatzteam bleibt er natürlich trotzdem gerne erhalten. Denn die Teammitglieder erleben zwar viele schlimme Situationen, doch der Job gibt ihnen auch viel zurück, findet Pater Ulrich Keller. „Wir sind nicht nur Zapfsäule für die Betroffenen. Und fast immer kommt ein spontanes Danke.“ Außerdem ist auch für ihn viel Neues daraus entstanden: Als er bei Einsätzen auch Gehörlose zu betreuen hatte, lernte er die Gebärdensprache.

Alle drei würden sich wünschen, dass noch mehr Menschen sich für die Arbeit des Krisenteams interessieren und mitmachen. Aber auch im Alltagsleben würden sie sich wünschen, dass sich mehr Menschen trauen, mir Trauernden in Kontakt zu treten. „Einfach nur Mensch sein“, rät Pater Ulrich Keller. „Die meisten haben das Herz auf dem rechten Fleck und können das.“

Menschen, die sich für die Mitarbeit im Kriseninterventionsteam interessieren, können sich unter Mail nfs-kid-nu@gmx.de melden.

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