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Boos/Babenhausen

30.07.2020

Landwirte sprechen sich gegen Fotovoltaik-Freiflächenanlagen aus

Die Landwirte Michael Boxler aus Boos (links) und Norbert Ruef aus Winterrieden sehen in den geplanten Freiflächen-Fotovoltaikanlagen eine direkte Konkurrenz zur Landwirtschaft.
Bild: Josef Diebolder

Plus Eine Interessengemeinschaft moniert Pläne für PV-Anlagen auf Freiflächen im nordwestlichen Unterallgäu. Die Babenhauser Firma Vensol wehrt sich gegen die Kritik.

Die Babenhauser Firma Vensol will Fotovoltaikanlagen auf Freiflächen im nordwestlichen Unterallgäu und im südlichen Landkreis Neu-Ulm errichten. Sie hat dafür nach eigenen Angaben Gebiete im Blick, die für die Landwirtschaft weniger attraktiv sind. In der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Boos gibt es unterschiedliche Meinungen zu einem solchen Projekt. Deutlich wurde das vor Kurzem in einer Gemeinderatssitzung in Boos. So haben einige Landwirte Bedenken wegen des Flächenverlusts. Eine Interessengemeinschaft (IG) mit den Sprechern Michael Boxler und Norbert Ruef stellte ihre Sicht der Dinge vor. Vensol reagierte auf die Kritik.

Durch eine Änderung in der Gebietskulisse, so die IG-Sprecher, würden die infrage kommenden Flächen nördlich von Boos nicht mehr als benachteiligtes Gebiet behandelt. Die Neubewertung seit Anfang 2019 verhindere den Ausbau von Freiflächenanlagen auf landwirtschaftlichem Grund. Bürgermeister Helmut Erben erklärte, dass sich die Gemeinde in der Entscheidungsfindung befinde und noch kein Entschluss gefallen sei. Für Freiflächen-PV-Anlagen wäre ein Bebauungsplan der Kommune erforderlich.

Interessengemeinschaft: Weitere Versiegelung von Flächen verhindern

Die IG-Sprecher verdeutlichten, dass sie durchaus eine zukunftsorientierte Energiewende möchten – wie die VG. Der „Flächenentzug“ durch derartige Anlagen sei aber hoch. Boos habe in den vergangenen 20 Jahren bereits etwa 34 Hektar Fläche aus der „landwirtschaftlichen Erzeugung“ genommen und vielfach versiegelt. Die erwartete Umgehung der B 300 um Boos reiße weitere 15 Hektar heraus. Kämen nochmals zehn Hektar allein für die PV-Anlagen dazu, sei das mit etwa 200 Bauplätzen oder einem Fünftel der Gemeindefläche gleichzusetzen.

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Ruef sprach darüber hinaus von einem „Fremdkörper in der Natur“. Das eingezäunte Gelände halte Wildtiere fern; dort wachsende Pflanzen hätten keinen Futterwert für die Landwirtschaft. Boxler hält Dach- und Fassadenflächen für Fotovoltaik für „ökologisch sinnvoller als Freiflächen“. Er zitierte eine Studie des Fraunhofer-Instituts, wonach nur 3,5 Prozent der möglichen Dächer hierfür genutzt werden. Boxler will daher eine „weitere Flächenversiegelung verhindern“. Die Flächenkonkurrenz in Boos sei zu hoch, um auf weiteren Gebieten Strom zu erzeugen.

Stattdessen legte Norbert Ruef – selbst Biogasanlagenbetreiber – dem Gremium nahe, Wärme mittels einer gemeinschaftlich ausgelegten Biogasanlage zu produzieren. Man könne so die Gülle von mehreren Hundert Großtieren umliegender Bauern in Strom umwandeln und in das bestehende Nahwärmenetz einspeisen.

Bild: Ralf Lienert

Unlängst schrieb auch der schwäbische Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbands, Alfred Enderle, an Vensol. Er warb darum, vorrangig PV-Anlagen auf Dächern zu errichten. Acker- und Grünlandflächen seien begrenzt, sodass sie der Nahrungs- und Futtererzeugung vorbehalten sein sollten. PV-Anlagen sollten bei Bürgern und Bauern Akzeptanz finden. Enderle sieht auch die Gefahr, dass „große Investoren“ bei Freiflächenanlagen zum Zug kommen, die „keine Wertschöpfung für den ländlichen Raum bringen“.

Vensol: „Musterbeispiel der regionalen Energiewende“

Die Firma Vensol wehrt sich gegen die Kritik. Eine pauschale Ablehnung des Projekts konterkariere jegliche Bemühungen im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe. Das Unternehmen sieht in dem geplanten Projekt „ein Musterbeispiel der regionalen Energiewende“, so die beiden Geschäftsführer Sebastian Ganser und Jürgen Ganz in einer Pressemitteilung. Mehrere Vorteile entstünden. Vensol bringt etwa eine Bürgerbeteiligung im Rahmen eines Genossenschaftsmodells, langfristig hohe Steuereinnahmen für die Kommunen, eine regionale Stromvermarktung und einen wichtigen Beitrag für den Klima- und Umweltschutz ins Spiel.

Vensol erklärt außerdem, dass die Flächenkulisse der landwirtschaftlich benachteiligten Gebiete aus der Agrarförderung stamme und in erster Linie der Gewährung einer finanziellen Ausgleichszulage an Landwirtschaftsbetriebe diene. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) beziehe sich ebenfalls auf diese Kulisse. Seit 2017 seien PV-Freiflächenanlagen mit einer Nennleistung zwischen 750 kWp und zehn MWp innerhalb dieser Abgrenzung förderberechtigt.

Trotz der räumlichen Neuordnung der landwirtschaftlich benachteiligten Gebiete 2019 sei die Förderfähigkeit nach dem EEG weiter gegeben. Die Neuabgrenzung greife nicht für die PV-Förderung. Zudem setze sich der Freistaat Bayern für den Fall einer weiteren Novellierung des EEG dafür ein, die alte und neue Gebietskulisse für Freiland-PV zu öffnen. Die Frage laute also nicht, wann und wo die Anlagen gebaut werden, sondern wer die Anlagen baut und ob die Bürger vor Ort und die Region im Gesamten davon profitieren, schreibt das Unternehmen. „Dies ist durch unseren Ansatz einer breiten Bürgerbeteiligung mit maximaler regionaler Wertschöpfung für die Region gegeben.“

Verlust von Anbauflächen sei nicht auf die PV-Anlagen zurückzuführen

Bezüglich des kritisierten Flächenentzugs weist das Unternehmen darauf hin, dass die „wesentlichen Treiber der Nutzungskonflikte im ländlichen Raum Wohn-, Gewerbe- und Verkehrsbauaktivitäten“ sind, die mit schwerwiegenden ökologischen Folgen einhergehen. Der Verlust von Anbauflächen sei nicht auf die Anlagen zurückzuführen. Diese dürften maximal fünf Prozent der beanspruchten Gebiete versiegeln. Diese Regelung wird laut Vensol im Bebauungsplan fixiert, ebenso der Rückbau der PV-Anlage.

Die optische Beeinträchtigung des Landschaftsbilds werde durch hochwertige Einfriedungen auf ein Minimum reduziert. Weithin gemachte Beobachtungen sind nach Unternehmensangaben mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen: Solarparks sind demnach ein Gewinn für die Biodiversität. Naturschutzfachlich könnten PV-Freiflächenanlagen einen ökologischen Mehrwert schaffen. So könne sich etwa die Artenvielfalt dort in kurzer Zeit stabilisieren und erweitern. Über eine langfristige Betrachtung lasse sich konstatieren, dass die Bodenfruchtbarkeit steige und nach Betriebsende wieder uneingeschränkt für agrarische Zwecke zur Verfügung stehe.

Bezug nehmend auf die von den IG-Sprechern herangezogene Fraunhofer-Studie, betont Vensol, dass aus Sicht des Instituts auch der PV-Ausbau auf Freiflächen neben demjenigen auf Dächern zur Erreichung der Energiewende-Ziele notwendig sei. Zudem besteht demnach laut Institut keine Konkurrenz zwischen Strom- und Lebensmittelproduktion auf Ackerflächen. Die Umwandlung von intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen erbringe einen hohen ökologischen Mehrwert. (mit mz)

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