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Ritzisried

08.07.2017

Lernen im Grünen bis die Nazis kamen

So soll sie ausgesehen haben, die Waldschule in Ritzisried. Das Foto zeigt allerdings nur ein Modell der Schule. Es wurde laut Bucher Heimatverein von den ehemaligen Schülern Anton Dirr, Walter Egger und Georg Thoma konstruiert und steht im Allgäu-Schwäbischen Dorfschulmuseum Daxberg.
Bild: Repro: Heimatverein Markt Buch/Walter Egger

Vor 125 Jahren wurde Alois Bauer geboren. Er war der Begründer der Ritzisrieder Waldschule. Die Einrichtung galt als einzigartig – doch heute ist fast nichts mehr davon übrig.

In Ritzisried gründete er vor annähernd 80 Jahren eine einzigartige Waldschule, in Vöhringen leitete er als Rektor bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1958 die dortige Knabenschule und in Gundelfingen (Landkreis Dillingen an der Donau) ist er als Komponist des Singspiels vom „linken Geiger“ bekannt: Alois Bauer, der vor 125 Jahren in Bissingen (Landkreis Dillingen) das Licht der Welt erblickte, führte ein durchaus bewegtes Leben.

Geboren wurde der leidenschaftliche Pädagoge und Musiker am 11. Juni 1892 als Sohn des Maurermeisters Aloys Bauer und dessen Ehefrau Barbara. Die Mutter verstarb allerdings schon, als der Bub gerade einmal acht Jahre alt war. Diese Lücke füllte als Haushälterin, Erzieherin und Pflegemutter Fräulein Sophie Niedermaier, der er dafür zeitlebens dankbar war.

Nach seiner Schulzeit besuchte Bauer die Lehrerbildungsanstalt Lauingen (ebenfalls im Landkreis Dillingen) und schaffte es anschließend, an der Akademie für Tonkunst in München bei Professor Gottfried Rüdinger Aufnahme zu finden. Die Münchner Studienjahre prägten den jungen Kesseltaler und bildeten die Basis für sein kompositorisches Schaffen, das in 91 eigenen Werken mündete. Von 1918 bis 1934 war Bauer Lehrer in Gundelfingen an der Donau. Dort kam er in Berührung mit der Ortssage vom „linken Geiger“, die er in ein eigenes Singspiel ummünzte.

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Schon ein Jahr, nachdem die Nationalsozialisten die Macht übernommen hatten, wurde Lehrer Bauer jedoch unfreiwillig nach Ritzisried versetzt. Er war denunziert worden, weil er sich Anordnungen widersetzt hatte und die Nazi-Propaganda nicht übernehmen wollte. So musste er 1934, wenige Monate nach seiner Hochzeit mit Eleonore Moser, die Koffer packen und den heimatlichen Kreis Dillingen verlassen. Aber auch in Ritzisried erwarb er sich rasch einen guten Ruf, nicht nur als Pädagoge, sondern auch als Organist, Chorleiter und Komponist. Die dreistimmige „Deutsche Friedensmesse“ aus seiner Feder wurde im März 1948 in Illertissen uraufgeführt. Alois Bauer identifizierte sich mit seiner neuen Heimat so sehr, dass er einen Text von Theodor Becker zum Ritzisrieder Heimatlied vertonte. Zugleich fand er neben der Musik und der Leitung einer Landschule mit bis zu 118 Schülern von der ersten bis zur achten Klasse noch ein weiteres Hobby: Er ging zur Jagd. Die Naturliebe brachte ihn auf den Gedanken, eine Waldschule zu gründen

Seine Motivation hierfür beschrieb er in der Ritzisrieder Schulchronik wie folgt: „Die Waldnähe bringt den Lehrer auf den Gedanken, den Unterricht möglichst im Freien zu gestalten und somit eine Anlage im Walde zu unterrichten.“ So entstand, vermutlich im Sommer 1935, auf einer Waldlichtung zehn Minuten östlich des Dorfes ein Klassenzimmer im Freien mit Tischen und Bänken, einem Pult, einer Zählmaschine und einem Sandkasten, aber auch einem Requisitenhäuschen und einer offenen Singhalle, die bei Regen aufgesucht werden konnte. Ein Waldsportplatz wurde ebenfalls angelegt. Bis heute ist Ralph Manhalter, dem Vorsitzenden des Heimatvereins des Marktes Buch, der jetzt ein „Gschichtsblättle“ über die Waldschule verfasst hat, keine ähnliche Einrichtung bekannt.

Am Bau beteiligten sich neben Bauer die sechs bis 14 Jahre alten Schüler des Ortes. Die Schulchronik überliefert, dass es dem Bezirksschulrat Abröll nach Fertigstellung im Sommer 1936 „eine helle Freude war, in einem so schönen und gesunden Raum der Waldschule zu unterrichten.“

Das Kriegsende 1945 bedeutete allerdings das Ende für die Waldschule. Die Tische und Bänke sollen von der SS, die sich dort im Wald verschanzt hatte, im April 1945 verheizt worden sein, und auch alles andere war zerstört worden. So habe der Lehrer das Requisitenhäuschen in eine Futterstelle für die Wildtiere umgewandelt. 1951 wurde Alois Bauer als Rektor an die Knabenschule in Vöhringen berufen. Hier leitete er auch den Kirchenchor und war nach seiner Pensionierung im Jahre 1958 noch lange als Jäger und Heger tätig. Im Januar 1991 verstarb Alois Bauer mit Ende 90.

Heute erinnert laut Heimatverein nur noch ein Eichenstumpf an den damaligen Mittelpunkt von Bauers Schule. Der Bucher Verein möchte aber Hinweistafeln zur ehemaligen Einrichtung aufstellen.

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