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Geschichte

29.06.2013

Meister der kunstvollen Kanzeln und Kommuniongatter

Stiftskirche St. Philipp und Jakob in Bad Grönenbach, rechter Seitenaltar: von Wilhelm Engel mit Figuren von Christiane und Harald Sandler.
Bild: Dieter Spindler

Heute vor 80 Jahren starb Wilhelm Engel. Zahlreiche Kirchen sind mit seinen Arbeiten ausgestattet

Babenhausen Am 29. Juni jährt sich zum achtzigsten Mal der Todestag des Babenhauser Handwerkers Wilhelm Engel, der an diesem Datum im hohen Alter von 95 Jahren in seinem Haus an der Krumbacher Straße 6 (heute Gärtnerei Liedel) verstorben ist.

Familie seit Jahrhunderten im Markt tätig

Engel stammte aus einer Familie, die in verschiedenen Zweigen seit Jahrhunderten im Markt als „Engel-Schreiner“ ihren Beruf ausübte. Sein Vater Michael Johannes war im Haus Tirolerstraße 4 (heute Steinle) in dem Handwerkerviertel um das „Meisinger-Haus“ aufgewachsen. 1835 heiratete er die Tochter Maria des „Hofschreiners“ Zobel, der schon draußen an der Krumbacher Straße, bei der „Schüss-Hütte“ (F.F. Forsthaus), seine Werkstatt hatte. Am 21. Juni 1838 wurde dann dort Wilhelm Engel geboren.

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Den väterlichen Betrieb hat Engel als junger Meister übernommen und weiter ausgebaut. Als Bürger engagierte er sich in vielen örtlichen Vereinen. Er zählt zu den Gründungsmitgliedern des Turnvereins und des „Darlehenskassenvereins“, dem Vorgänger der Raiffeisenbank.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts war Engel mit zahlreichen Aufträgen zur Ausstattung von Kirchen eingedeckt. Es konnten vom Ries bis ins Allgäu 22 Kirchen ausfindig gemacht werden, die der Babenhauser Meister mit Altären, Kanzeln, Chorstühlen und Kommuniongattern ausgestattet hat. Kunstvoll ragen dort die gotischen Fialen in die Höhe und die filigran geschnitzten Baldachine überdachen die farbig gefassten Heiligenfiguren.

In der damaligen Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs nach der Reichsgründung wurden verstärkt Kirchen neu ausgestattet beziehungsweise neu gebaut und reichlich Aufträge an die heimischen Handwerker vergeben. Diese Entwicklung machte sich auch Meister Engel zunutze. Er erweiterte seine Werkstatt, in der bisweilen 18 Gesellen arbeiteten. Noch bevor die Elektrizität in Babenhausen eingeführt wurde, trieb eine Dampfmaschine die Sägen und Drehbänke an. Mit zahlreichen Bildhauern aus der Umgebung arbeitete er zusammen. Sein Nachbar Wilhelm Stury, der in der Krumbacher Straße 1 (Haus Kößler) ein „Atelier für kirchliche Dekorations-Fass- & Vergolderarbeiten“ betrieb, erhielt von ihm Aufträge zur Verschönerung der Schreinerarbeiten. Die Entwürfe zu den Altären oder Kanzeln hat, was noch vorhandenes Material beweist, Engel bis ins hohe Alter korrekt selbst gezeichnet.

Nicht nur für Kirchen arbeitete Engel. Er bekam auch Aufträge von Babenhauser Bürgern und dem Schloss. Die Wirtsstube des „Sailer-Bräu“ stammt von ihm und in zahlreichen Bürgerhäusern sind noch Schränke, Truhen, Kredenzen und kunstvoll intarsierte Schatullen vorhanden.

Denkmalpflege sprach von „Schreiner-Gotik“

Bei der großen Renovierungswelle nach dem 2. Vatikanischen Konzil in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wurden viele „Engel-Ausstattungen“ aus den Kirchen teilweise unwiederbringlich entfernt. Das Landesamt für Denkmalspflege ließ damals kein gutes Haar an der „Schreiner-Gotik“. Aber Ende des 20. Jahrhunderts entsann man sich auch in kirchlichen Kreisen der Kunstschätze, die man Jahre zuvor auf den Dachboden geräumt hatte. So wurden in Bad Grönenbach wieder der Hochaltar und zwei Seitenaltäre aus der Engel-Werkstatt aufgestellt. Allerdings waren die Figuren der Seitenaltäre nicht mehr vorhanden. Nach hundert Jahren bekamen die aus Babenhausen stammende Bildhauerin Christiane Sandler und ihr Mann Harald den Auftrag, die Figuren neu zu formen. Sie wählten für den Seitenaltar „neue“ Heilige. Nun stehen in dem „Engel-Altar“ neben dem heiligen Josef der Jesuitenpater Rupert Mayer und die Nonne Edith Stein. In der näheren Umgebung von Babenhausen sind in den Kirchen in Aufheim, Langenhaslach, Herrenstetten, Bebenhausen, Westerheim, Bad Grönenbach, Wildpoldsried und Kimratshofen noch vollständige Arbeiten aus der Engel-Werkstatt vorhanden und künden von dem Handwerkerfleiß.

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