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Memmingen

15.11.2018

Memmingen bekommt neue „Stolpersteine“

Der Künstler Gunther Demnig verlegt alle seine "Stolpersteine" selbst.
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Der Künstler Gunther Demnig verlegt alle seine "Stolpersteine" selbst.
Bild: Dunja Schütterle

27 neue Mahnmale sollen an Schicksale der NS-Zeit erinnern. Zur Verlegung kam auch eine Nachbarin einer Familie, die nur knapp überlebte.

Nur mit falscher Identität und der Hilfe der „Bekennenden Kirche“, einer Oppositionsbewegung gegen das NS-Regime, konnte das jüdische Ehepaar Hermann und Herta Pineas in Deutschland zur Zeit des Holocaust überleben. Über Umwege kam der jüdische Arzt aus Berlin mit seiner Frau im September 1944 nach Memmingen. Unterstützung bekam das Paar dabei von der sogenannten „württembergischen Pfarrhauskette“, einem Netzwerk süddeutscher Pfarrer, die Juden und andere Verfolgte bei sich aufnahmen und versteckten.

Unter falschem Namen wohnten die Eheleute in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Buxacher Straße 6. Ihr Überleben verdankten sie der Solidarität und dem Mut von Menschen, die sich dem christlichen Gebot der Nächstenliebe mehr verpflichtet fühlten als dem blanken Gehorsam gegenüber dem nationalsozialistischen Regime. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945 emigrierten sie nach Amerika. Dieses Schicksal ist eines derer, an die jetzt neue „Stolpersteine“ des Künstlers Gunther Demnig erinnern. Das gleichnamige Projekt ist dem Gedenken gewidmet, mahnt und spiegelt menschliche Schicksale: 93 der in den Boden eingelassenen Gedenksteine findet man an Wohn- und Wirkungsstätten ehemaliger Memminger Bürger, die Opfer des nationalsozialistischen Regimes wurden: Nun kamen weitere 27 dazu, die der Berliner Künstler an elf Stellen im Stadtgebiet verlegte. Die fünfte „Stolperstein“-Verlegung initiierte der Memminger Verein „Stolpersteine“, der es sich seit der Gründung im Jahr 2013 zur Aufgabe gemacht hat, den Biografien von Menschen nachzuforschen, die durch das Nazi-Regime wegen ihrer Religion, Herkunft oder politischen Einstellung erniedrigt und ermordet wurden.

Nachfahren aus Großbritannien, Israel und Spanien waren bei der Verlegung dabei

Ein Opfer des nationalsozialistischen Mords an Juden wurde Bertha Weill, geborene Rosenbaum und Angehörige der israelischen Familie von Eli und Issacher Berman. An ihr Leid in der „Heilanstalt“ Kaufbeuren erinnert ein Stolperstein vor dem Haus am Kaisergraben 15. Bereits zur Einweihung der „Bertha-Weill-Straße“ im Jahr 2014 waren Familienmitglieder aus Israel nach Memmingen gekommen. Nun reiste Richard Wolfe aus London zur Verlegung an. Seine Urgroßeltern Max Bähr und Bertha Seligman betrieben einen Kurzwarenladen am Rossmarkt. Richard Wolfes Vater war dem Schrecken der Judenverfolgung durch Emigration nach England entkommen. „Mein Vater hatte Hitlers Buch ‚Mein Kampf’ gelesen und seine Absichten dahinter erkannt“, sagt er.

Als „Mahnung für die Moderne“ beschrieb Oberbürgermeister Manfred Schilder die Gedenksteine. Dazu zitierte er den SPD-Politiker und ehemaligen Oberbürgermeister der Stadt München, Christian Ude, der als Gastredner anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht am Schweizerberg gesagt hatte: „Wir dürfen nicht nur reden, wir müssen handeln, damit sich diese Schrecken der Vergangenheit nicht mehr wiederholen.“ Nachfahren aus Israel, Großbritannien und Spanien wohnten der „Stolperstein“-Verlegung bei und trugen sich bei einem Empfang ins Goldene Buch der Stadt ein: so auch Kathleen Fry aus London, Enkelin von Hermann und Herta Pineas. Durch einen Zufall war sie im Internet auf den Termin der Stolpersteinverlegung aufmerksam geworden. „So möchte ich als Familienmitglied auch meinen Dank aussprechen“, sagte sie.

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