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Prozess

16.02.2018

Messerattacke: Afghane verurteilt

Was sich im Juli in einer Asylunterkunft im Raum Babenhausen zugetragen hat

Mit dieser Situation hatten die Polizisten der Babenhauser Dienststelle nicht gerechnet: Als sie im Juli nach einem Notruf zu einer Asylunterkunft im nördlichen Unterallgäu fuhren, wurden sie dort von zwei Jugendlichen mit Eisenstangen in der Hand empfangen. Diese traten gegen den Streifenwagen. Schreie waren zu hören, andere Bewohner gruppierten sich. Ein blutüberströmter Mann saß auf einem Hocker im Hof, ein anderer versteckte sich, ebenfalls blutend, im Haus. „Es war ein heilloses Chaos“, sagt einer der Polizisten rückblickend. „Wir haben uns auch bedroht gefühlt.“ Es habe nicht viel gefehlt und er hätte zum ersten Mal in seiner Polizeikarriere einen Warnschuss abgegeben.

Der Afghane, der sich damals im Haus versteckt hielt, sitzt am Donnerstag auf der Anklagebank des Memminger Amtsgerichts. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung. Laut Anklageschrift soll sich in der Unterkunft folgendes abgespielt haben: Der heute etwa 25-Jährige soll nach einem Krankenhausaufenthalt zu dem Wohnheim zurückgekommen sein, in dem er unter anderem mit seiner Schwester, dem Schwager und den Neffen lebte. Als der etwa 40-jährige Schwager die Tür öffnete, soll der Afghane unvermittelt mit einem Gemüsemesser auf ihn eingestochen haben. Das Motiv: Rache. Denn der Afghane war im Krankenhaus wegen einer Schnittwunde am Finger operiert worden, die sein Schwager ihm zugefügt haben soll. Der Schwager wehrte sich mit einem Stock gegen den Angriff. Es entwickelte sich eine heftige Rangelei mit Schlägen und Messerstichen. Als der Schwager auf dem Boden lag, ließ der Afghane von ihm ab und flüchtete. Der Schwager und zwei Neffen warfen mit Steinen nach ihm. „Die Stimmung war äußerst aggressiv“, berichtet einer der Babenhauser Polizisten. Zum Tatort kamen auch eine Streife der Polizeiinspektion Memmingen sowie die Kriminalpolizei. Suchhunde spürten das Messer auf. Die Situation entschärfte sich.

Die Verletzten wurden in ein Krankenhaus gebracht. Dort stellte sich der Afghane zunächst als Opfer dar und verstrickte sich in widersprüchlichen Aussagen gegenüber den Ermittlern – zumal damals noch der Vorwurf einer versuchten Tötung im Raum stand.

Der Angeklagte, der nach der Tat sieben Monate lang in U-Haft saß, legt vor Gericht über seinen Verteidiger ein Geständnis ab. Es tue ihm leid, er habe verstanden, dass andere Regeln in Deutschland gelten. „Er hat ganz klar etwas falsch gemacht. Dazu steht er“, sagt der Verteidiger. Künftig wolle der Mann Konflikten aus dem Weg gehen und ein „einfaches, selbstbestimmtes“ Leben führen, ohne große Ansprüche zu stellen, übersetzt ein Dolmetscher die Aussagen des Angeklagten. Zu seiner Schwester würde er gerne Kontakt halten, da das Verhältnis stets gut gewesen sei – der Schwager allerdings sei in der Vergangenheit manchmal aufbrausend gewesen.

Schwager, Schwester und Neffen, die alle als Zeugen geladen sind, äußern sich vor Gericht nicht zur Tat. „Ich kenne diesen Mann ab jetzt nicht mehr“, sagt der Schwager lediglich. Wie gefährlich die Verletzungen waren, die der Mann durch die Messerstiche davongetragen hatte, erläutert ein Rechtsmediziner. Die Schnittwunden an Gesicht und Rücken seien nicht lebensgefährlich gewesen, hätten es aber durchaus sein können. Es sei „nur dem Zufall geschuldet“, dass nicht mehr passiert sei. Der Angeklagte habe Schürfwunden und Prellungen davongetragen.

Die Babenhauser Polizisten, welche die Bewohner der Asylunterkunft bereits kannten, sagten aus, dass der Angeklagte vor der Tat nicht unangenehm aufgefallen sei – er habe vielmehr versucht, Abmachungen einzuhalten und sei der Ruhigere der beiden Streithähne.

Der Richter verurteilte den Afghanen schließlich zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten zur Bewährung. Der abgelehnte Asylbewerber, der Beschwerde dagegen eingelegt hat, wird künftig nicht mehr im Raum Babenhausen wohnen, sondern in einer Unterkunft am anderen Ende des Landkreises. Dieser Abstand zur Familie, mit welcher er 2015 nach Deutschland gekommen war, solle weitere Konflikte vermeiden. Der Richter gibt ihm zudem mit auf den Weg, dass Selbstjustiz in Deutschland keine Option sei.

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