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Neu-Ulm

11.09.2018

Mit Fantasie erfinden sie die Ulmer City neu

Simon, Mathias, Tommy und Michaela waren vier von insgesamt 100 Teilnehmern des interaktiven Stadtspiels „Neu-Stadt Ulm“.
Bild: Annika Gonnermann

Bei der Rallye „Neu-Stadt Ulm“ werfen die Teilnehmer einen anderen Blick auf die Münsterstadt

Als Tommy Reichle anfängt, laut und voller Inbrunst das Lied „Auf der schwäb’sche Eisenbahne“ anzustimmen, sind seine Begleiter an diesem Nachmittag im ersten Moment noch etwas verwirrt. Erst zaghaft, dann etwas mutiger stimmen Michaela, Simon und Mathias mit ein. Erst eine Strophe, dann die zweite schallt bei strahlendem Sonnenschein über die Donau. Dass die Spaziergänger und Radfahrer ihnen interessierte, mitunter irritierte Blicke zuwerfen, sind sie zu diesem Zeitpunkt bereits gewohnt. Als Teilnehmer des interaktiven Stadtspiels „Neu-Stadt Ulm“ jagt eine Aufmerksamkeit erregende Situation die nächste.

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Der Stadtrundgang ist ein Projekt, das in dieser Form zum vorläufig einzigen Mal angeboten wird. Initiative, Fantasie und eine Prise Überwindung sind die Grundelemente des Spiels, das als Kooperationsprojekt der Produ-Zentren, eine lose assoziierte Gruppe von Kulturzentren, in sieben Städten Baden-Württembergs derzeit Station macht. Ulm, Ludwigsburg, Bad Cannstatt, Pforzheim, Reutlingen, Esslingen und Karlsruhe sind mit dabei und laden zum imaginären, etwas anderen Stadtrundgang. Laut Projektleiterin Steffi Bichweiler vom Roxy Ulm, ging es bei dem Projekt, entwickelt von der Urbansupergroup Berlin, darum, etwas komplett Neues zu schaffen. Die Idee: Mithilfe ihrer Fantasie und unter Anleitung des Stadtführers sollen die Teilnehmer der Führung auf eigene Faust die „Neu-Stadt“ zum Leben erwecken. Oder, wie es in dem Stadtführer geschrieben steht: „Je mehr ihr euch auf die Situation einlasst, desto wahrer wird Neu-Stadt. Neu-Stadt legt sich über die echte Welt wie ein Nebel.“

Und das tut sie in der Tat: Nach dem symbolischen „Eintreten“ in Neu-Stadt, sind die verschiedenen Teilnehmergruppen auf sich gestellt. Kein Stadtführer, kein Spielleiter sagt ihnen, was sie zu tun haben. Einzig das gedruckte Büchlein gibt Auskunft, den Teilnehmern stünden fünf Viertel zum Erkunden offen: das Situationistenviertel, der Neu-Park, die Partybaustelle, die Vergnügungsmeile und die Fußgängerzone. Haben sich die Teilnehmer auf einen Bezirk geeinigt, kommt die Fantasie zum Einsatz. Während alle die Augen schließen, liest einer vor: „Knapp über euren Köpfen schwebt ein Triumphbogen. Ganz langsam schwingt er hin und her. Ein halbes Dutzend Zeppelindrohnen halten ihn in der Luft.“ Mithilfe der Vorstellungskraft erwacht so ein neues, zweites Ulm zum Leben, in dem es diverse Aufgaben zu erfüllen gibt: In Bars gehen und die dort vorhandenen Kunstwerke diskutieren, kitschige Fensterdekorationen suchen und Touristenfotos machen, zu den Geräuschen der Stadt tanzen – oder eben auch ein gemeinsames Lied möglichst laut zu singen. Und tatsächlich verschwimmen die beiden Ebenen zunehmend: Der Straßenmusiker in Ulm wird zum Party-DJ in Neu-Stadt, die Eckkneipe mit den Eckschmierereien wird zur Kunstausstellung.

Die verschiedenen Aufgaben kosten die Teilnehmer zwar Überwindung, jedoch öffnen sie die Augen für das, was im Alltagsstress oftmals untergeht. Kreativität und Imagination machen es möglich: So jagen die Teilnehmer hässliche Gebäude per Fingerzeig in die Luft, und veranstalten an der Straßenkreuzung ein spontanes Rap-Battle, einen Sprechgesang-Wettstreit. Nach zwei Stunden allerdings, wird es wieder Zeit, in die echte Welt zurückzukehren – hoffentlich jetzt mit dem Blick für die unscheinbaren Dinge des Stadtlebens.

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