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Illertissen

13.09.2016

Mit Nadel, Faden und viel Engagement

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3 Bilder
Barbara Schmid (2. von rechts) und Corina Schuhholz (3. von rechts) haben den Kurs zusammen mit Liane Springer (nicht im Bild) organisiert.
Bild: Finegan

In Illertissen organisieren freiwillige Helfer des Dominikus-Ringeisen-Werks einen Nähkurs für Menschen mit Behinderung. Davon profitieren nicht nur die Teilnehmer.

Sonja ist etwas besorgt. „Eine Tasche habe ich noch nie gemacht. Ohje...“, sagt sie und versteckt ein nervöses Lächeln hinter ihrer rechten Hand. „Aber das geht ganz leicht, Sonja“, macht ihr Freundin Brigitte Mut, die schon am anderen Ende des Tisches einen weißen Stoff mit bunten Blümchen ausbreitet. Auch sonst besteht eigentlich kein Grund zur Sorge, denn Barbara Schmid und Corina Schuhholz werden die Teilnehmerinnen des Nähkurses für Menschen mit Behinderung bei jedem Arbeitsschritt als ehrenamtliche Helfer unterstützen.

Schmid, die sich schon seit fünf Jahren mehrere Stunden die Woche für das Dominikus-Ringeisen-Werk engagiert, konnte ihre Nichte dafür gewinnen, den Kurs zu leiten. Das Ziel: „Am Abend soll jeder mit einer Tasche nach Hause gehen“, sagt Corina Schuhholz, versierte Hobby-Näherin und Nichte von Schmid. Genäht wird also eine Tasche, von den Maßen her ähnlich einem herkömmlichen Jutebeutel, nur bunter und – vor allem – selbst gemacht.

Vier Nähmaschinen, Bahnen von farbig gemusterten Stoffen und Schnittmuster aus Zeitungspapier liegen in einem Raum des Ringeisen-Werkes in Illertissen für die Teilnehmer bereit. Schuhholz zeigt den fünf erwachsenen Frauen die Muster-Tasche, dann werden die Stoffe ausgewählt. Schmid und Schuhholz helfen dabei, die Schnittvorlagen mit Stecknadeln festzustecken, oder schneiden krumme Stoffkanten gerade. Auch die Leiterin der offenen Behindertenarbeit, Sozialpädagogin Liane Springer, hilft bei der Betreuung.

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Teilnehmerin Inge ist mit Feuereifer bei der Sache, sie sitzt als Erste an einer der Nähmaschinen und vernäht die Kanten ihres pink-grün-karierten Stoffes. Konzentriert hält sie ihn mit den Händen auf Spannung, während die Maschine rattert. Sie lässt sich auch nicht von Maria beirren, die durch den Raum streift und die anderen Teilnehmer und Betreuer abwechselnd umarmt, kitzelt oder massiert. „Damit muss man umgehen können“, sagt Schmid, nachdem Maria sie wieder umarmt hat. Manchen Menschen ist der unvermittelte Körperkontakt mit einem Fremden zu intim. Wer aber mit Menschen mit Behinderungen zusammen arbeitet, merkt schnell, dass sie ihre Sympathien oft spontan mit Umarmungen zeigen.

Dass Schmid die Teilnehmerinnen siezt, hat also nichts damit zu tun, dass sie sie auf Distanz halten will. „Ich versuche einfach, sie so zu behandeln wie Menschen ohne Behinderung. Respekt gehört dazu.“ Sie verbringt heute das erste Mal Zeit mit dieser Gruppe, nur deshalb bleibt sie beim förmlichen „Sie“.

„Ich empfinde die Arbeit als wunderschönen Ausgleich“, sagt Schmid, während links und rechts von ihr die Teilnehmer – von den Ehrenamtlichen auch Klienten genannt – fleißig schneiden, nähen und bügeln. „Die Uhren ticken hier anders, man passt sich an.“ Wenn sie spricht, hat sie trotzdem immer ein Auge auf die Klienten. Nach der Erziehungszeit ihrer Tochter habe sie wieder eine Arbeit gesucht. Jetzt arbeitet sie halbtags im Büro und etwa vier Stunden die Woche ehrenamtlich als Betreuerin. Steht ein Ganztagesausflug an, sind es schnell mehr Stunden. „Es gab Zeiten, in denen das Timing eng war“, sagt Schmid. „Aber Liane Springer ermöglicht es uns, flexibel zu arbeiten.“ Sie pausiert kurz und resümiert: „Es macht zufrieden.“

Brigitte ist gerade dabei, die Henkel zu vernähen. „Sonja, das geht gut!“, ruft sie und drückt das Pedal der Nähmaschine durch. Ihr Blick ist auf den Stoff geheftet, konzentriert beißt Brigitte sich auf die Lippen.

Kurze Zeit später, ihre Tasche ist fast fertig, schaut sie zu Schuhholz und fragt laut: „Wann gibt es den nächsten Nähkurs?“ Für Schuhholz ein großes Kompliment. Sie hat das erste Mal einen Nähkurs angeboten und auch davor noch nie mit behinderten Menschen zusammengearbeitet. Das Ziel, dass alle Spaß haben und eine Tasche mit nach Hause nehmen, hat sie erreicht.

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