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Ulm

16.11.2016

Mit voller Kraft gegen die Rock-Rente

Das Leder-Outfit sitzt noch immer, vielleicht ein wenig knapper: Die Sängerin Bonnie Tyler (rechts) ist mittlerweile 65 Jahre alt, aber auf der Bühne im Congress Centrum Ulm merkte man ihr das Alter keine Sekunde an.
Bild: Felix Oechsler

Bonnie Tyler zeigt im CCU, dass sie auch mit 65 Jahren nicht genug hat.

Die Zeit, in der Bonnie Tyler die Charts stürmte, lag in den späten 70ern und in den 80er-Jahren. Nun kam die walisische Sängerin, geboren als Bergarbeiterstochter Gaynor Hopkins, zum Abschluss ihrer Deutschlandtour mit ihren Hits ins CCU in Ulm. Verblüffend: Das Publikum, das die 65-Jährige feierte, setzte sich aus den unterschiedlichen Generationen zusammen. Jugendliche und Twens jubelten der Sängerin mit der Stimme, die stets wie nach einem Barabend mit Whiskey und Zigarren klingt, ebenso zu wie über 70-Jährige. Die Atmosphäre im ausverkauften CCU: Temperaturen wie in der Sauna, dicht gedrängte Begeisterung, glückliche Gesichter, lautes Mitsingen – und am Ende Dröhnen in den Ohren.

Bonnie Tylers Welthit „Total Eclipse of the Heart“ hat im Internet 206 Millionen Aufrufe – 33 Jahre, nachdem ihn der legendäre Songwriter Jim Steinman für die Sängerin schrieb. Als Tyler ihn im CCU singt, heben unzählige Arme ebenso viele Smartphones in die Höhe, filmen die pure Energie, die Bonnie Tyler umgibt. Klein, blonde Mähne: Das gehört zu ihr, seit sie mit „Lost in France“ 1976 den Durchbruch schaffte. Das war noch vor der OP, bei der sie sich Knötchen auf den Stimmlippen entfernen lassen wollte, sich nicht an ärztlichen Rat hielt und ihre Stimme sich zum Schmirgelpapier entwickelte.

Ein paar Pfund hat Tyler seitdem zugelegt, ein paar Jährchen ist sie älter geworden – aber wahrscheinlich würde sie selbst einfach „besser geworden“ sagen. In knallenger Glitzer-Hose, mit schwarzer Lederjacke und tiefem Ausschnitt lässt sie’s auf der CCU-Bühne rocken. Diese Frau ist in einem Alter, in dem andere in den Ruhestand gehen? Sie hat Kraft, und mit der zieht sie ihr Publikum in den Bann. Zwischen den Songs erzählt sie ein bisschen – in breitem, walisisch gefärbtem Englisch –, Gedanken über ihr Leben, ihre Karriere, die in einer Zeit begann, als ein Anruf der Plattengesellschaft noch durchs ganze Örtchen ging, weil es nicht nur die Zeit vor dem Handy war, sondern auch jene Zeit, in der nicht jede Familie ein Festnetztelefon hatte; ein bisschen Selbstironie, einen Dank ans deutsche Publikum, das ihr seit 40 Jahren die Treue hält, und sie stellt Ehemann Robert vor, mit dem sie seit sage und schreibe 43 Jahren skandalfrei verheiratet ist.

90 Minuten ohne Pause: „To Love Somebody“ gehört dazu, „Lost in France“, „It´s a Heartache“, „Holding out for a Hero“ und „The Best“ – zwei Songs, die später Tina Turner aufnahm. Überhaupt, Turner. Weil sie deren Songs schon als Mädchen liebte und in ihrem Zimmer nachsang, gibt es mit „River Deep, Mountain High“ eine Hommage an die eine Generation ältere Musikerin. 30 Minuten von den 90 sind Zugaben, und am Ende leuchtet Bonnie Tyler Glück aus den Augen. Ganz nah am Bühnenrand singt sie, signiert eine alte Schallplatte, die ihr ein Fan entgegenhält. Ein toller Abend, der aber auch den Unterschied an Bühnenpräsenz zwischen Bonnie Tyler und der Vorgruppe zeigt, der 22-jährigen Countrysängerin Vanessa von der Forst und ihrem Freund und Produzenten Michael Voss.

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