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23.06.2009

(N)ostalgische Erinnerungen

Babenhausen Die deutsche Geschichte muss umgeschrieben werden! Nach Ansicht von Autor Thomas Brussig war es nämlich Klaus Uhltzscht, der die Berliner Mauer im Jahr 1989 zum Einsturz gebracht hat! Jedenfalls ist der Sohn eines Stasi-Spitzels und einer Hygiene-Inspektorin dieser Meinung. Wie er die historische Großtat vollbracht hat, erfuhren die Besucher der Aufführung "Helden wie wir" im Theater am Espach in einem überraschend kurzweiligen und sehr unterhaltsamen Monolog.

Ein seltsamer Name: ein Vokal und acht Konsonanten

Bereits der mit einem einzigen Vokal vor acht Konsonanten schwierig auszusprechende Familienname Uhltzscht lässt die tragisch-komische Gestalt vermuten, die Schauspieler Fridtjof Stolzenwald vom Memminger Landestheater Schwaben (LTS) als exzellenter Ich-Erzähler in meisterhaftem Dialekt auf die Bühne bringt: "Ich war's. Ich hab' die Mauer umgeschmissen." Scheinbar spielerisch und mühelos veranschaulicht er mit Erlebnissen aus seiner Kindheit seine sexuelle Verklemmtheit: "Ich war born to be a Toilettenverstopfer!" Aber auch die Beziehung zu seiner einengenden Mutter und zum Vater, der ihn für einen Versager hielt: "Ich liebte ihn, aber ich konnte ihn nicht leiden!"

Immer wieder wechselt der eineinhalb Stunden lang ununterbro-chen fesselnde Monolog des "schwanzgeplagten" Klaus Uhltzscht zwischen ehrlicher Lebensbeichte und köstlicher Ironie. Und in Erinnerungen an den DDR-Alltag, zu dem die Stasi genauso wie das Kinderferienlager gehört, lebt der LTS-Akteur die augenzwinkernde (N)ostalgie bedenkenlos aus.

(N)ostalgische Erinnerungen

Auch die Besucher müssen ran - mit Kartoffelschälen

So ganz nebenbei bewirtet Akteur Fridtjof Stolzenwald sein in jeder Minute präsentes Publikum mit Bier, beschäftigt einen Theaterbe-sucher mit Kartoffelschälen und kocht eine gut duftende Gemüse-suppe, die er anschließend ausschöpft.

In der Beschreibung profaner intimer, zum Teil peinlicher Situationen vermittelt die Aufführung ein Lebensgefühl, wie es nur der DDR-Bürger erlebt haben könnte. Nach einem hinreißend gespielten "Erste-Mal-Erlebnis" geht der Höhepunkt von Klaus Uhltzscht sexueller Entwicklung mit dem Mauerfall einher und bildet das Motiv des persönlichen wie gesellschaftlichen Befreiungsschlags: "Die Welt war frei für einen der glücklichsten Augenblicke deutscher Geschichte!"

Der lang anhaltende Applaus der leider nicht sehr zahlreich erschienenen Theaterbesucher galt nicht nur der von Regisseur Peter Keesten im Rahmen der Babenhauser Kulturtage spannend umgesetzten Inszenierung des 1995 erschienenen Bestseller-Romans, sondern vor allem LTS-Akteur Fridtjof Stolzenwald für eine bewundernswerte schauspielerische Leistung.

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