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04.10.2016

Offene Ohren für die Opfer

Irmtraut und Christian Siegel engagieren sich ehrenamtlich für den Weißen Ring in Neu-Ulm. Sie helfen Opfern von Straftaten – rund 45 pro Jahr.
Bild: Sabrina Schatz

Bestohlen, beraubt, bedroht, verprügelt – für den Weißen Ring berät ein Neu-Ulmer Ehepaar Opfer von Straftaten. Dabei ist Nähe gefragt, aber auch Distanz.

Es muss ein Albtraum gewesen sein, den niemand erleben will: Mitten in der Nacht wird ein Ehepaar in seiner Wohnung aus dem Schlaf gerissen, gefesselt und ausgeraubt. Traumatisiert kam es Tage später zu Irmtraut Siegel. Die Rentnerin leitet seit fünf Jahren ehrenamtlich die Neu-Ulmer Außenstelle des Weißen Rings. „Wir haben den beiden psychologische Betreuung vermittelt“, erinnert sie sich. „Und, das ist ganz wichtig: Wir haben ihnen zugehört.“

Der Weiße Ring kümmert sich um Opfer von Kriminalität: Frauen, deren Ehemänner sie seit Jahren misshandeln und demütigen. Oder mittellose Männer, denen die Geldbörse geklaut wird. Alte Damen, denen Unbekannte am Telefon drohen oder sie verfolgen. Manche Opfer erfahren von der Polizei, dass der Weiße Ring ihnen helfen kann, manche von Hilfswerken wie der Caritas, von Bekannten oder aus den Medien.

Die meisten wüssten nicht, welche Rechte sie haben, bedauert Christian Siegel, der ebenfalls beim Weißen Ring aktiv ist und seine Frau unterstützt. „Vom Opferentschädigungsgesetz haben viele noch nie etwas gehört“, sagt er. Vielen sei es unbekannt, dass man bei körperlichen Schäden Schmerzensgeld bekommen könne.

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Bei den Anträgen kann der Weiße Ring helfen. „Das ist viel Papierkrieg“, erzählt Christian Siegel. Zum Beispiel bei Zuschüssen für eine Kur oder Anträgen zur Akteneinsicht vor Gericht. Dazu müssen die Siegels Formulare mit den Opfern abarbeiten, etwa um die finanziellen Verhältnisse abzuklären. Dies sei bei vielen ein wunder Punkt.

Ist die Not akut, kann der Weiße Ring erste finanzielle Hilfe leisten. „Wir als Außenstelle haben ein Konto mit 600 Euro zur Verfügung. 300 Euro darf ich als Sofort-Geld auszahlen. Aber natürlich muss die Person belegen, dass sie bedürftig ist“, sagt Irmtraut Siegel. Das Geld stamme aus Bußgeldern, die Gerichte und Staatsanwaltschaften verhängen, aus Testamenten, Mitgliedsbeiträgen und Spenden. Empfänger müssten das Geld, wie bei einer Schenkung, nicht zurückzahlen.

Damit sie all dies wissen, haben die Siegels an Seminaren teilgenommen, die der Weiße Ring organisiert. Die Themen lauten etwa: Wie verhalte ich mich im Gericht, wenn ich Zeugen begleite? Wie kann ich helfen, Konflikte zu lösen? Zudem bearbeiten Neulinge als eine Art Hospitanten drei Fälle zusammen mit einem erfahrenen Ehrenamtlichen. Erst dann geht es in die reale Praxis.

Die Treffen finden entweder bei den Opfern zu Hause oder im Fotostudio des Ehepaares statt – Christian Siegel ist trotz Rentenalters noch als Fotograf aktiv. „Die ersten Treffen machen wir immer zu zweit. Um die Lage besser abschätzen zu können“, sagt Frau Irmtraut. Melden können sich betroffene Frauen und Männer unter einem anonymen Opfertelefon.

Ob das Ehrenamt angesichts der Schicksale nicht belastend ist? „Man darf es nicht so an sich ranlassen. Distanz zum Opfer ist wichtig“, sagt Irmtraut Siegel. Auch dies sei Thema in den Seminaren. Es könne aber durchaus frustrierend sein, Rückfälle zu beobachten. Etwa wenn misshandelte Frauen die Situation schön reden und zu ihrem gewalttätigen Ernährer zurückkehren.

Zum Weißen Ring gekommen ist Irmtraut Siegel vor zehn Jahren: „Erfahren haben wir davon über einen Artikel in der Neu-Ulmer Zeitung.“ Daraufhin hätte sie sich bei der Messe „Leben Wohnen Freizeit“ in Ulm über die Organisation informiert. Ihr Gatte Christian unterstützte sie anfangs als inoffizieller Assistent. Seit zwei Jahren ist auch er fest eingeplanter Ehrenamtlicher. Ob das Ehrenamt bereichernd sei? „Bereichernd, das hört sich so nach Gutmenschen an“, sagt Christian Siegel. „Man muss einfach helfen“, sagt seine Frau.

Im Jahr bearbeiten die Siegels, beide um die 70 Jahre alt, rund 45 Fälle. „Mal ist wochenlang nichts, dann kommen mehrere Opfer auf einmal“, sagt Irmtraut Siegel. 2016 sei bisher noch vergleichsweiße ruhig gewesen. Da die beiden jedoch die einzigen Ehrenamtlichen der Außenstelle Neu-Ulm sind, können sie nicht so viel tun, wie sie gerne würden: „Prävention wäre so wichtig. Aber uns fehlt dazu die Zeit“, bedauert Irmtraut Siegel. Als sie angefangen habe, sei das Team noch vier Mann stark gewesen.

Interessierte, die sich beim Weißen Ring engagieren möchten, sollten volljährig sein, Zeit mitbringen sowie ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis und ein Auto besitzen, um mobil zu sein.

„Man muss verschwiegen sein und zuhören können. Und vor allem: den Lebensstil der Betroffenen nicht kritisieren“, sagt Irmtraut Siegel.

Ihrer Erfahrung nach könnten sich die Betroffenen andernfalls angegriffen fühlen und abblocken – und dann ist Niemandem geholfen.

Kontakt Weitere Infos unter www.weißer-ring.de. Die Außenstelle Neu-Ulm ist erreichbar unter Telefon 0731/70535984.

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