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Osterberg

17.05.2018

Osterberg: Unterwegs im Ruhrgebiet der Kelten

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In Kellmünz können Besucher des archäologischen Parks noch heute die Überreste des römischen Kastells sehen.
Bild: Alexander Kaya

Auf den Feldern im Oberen Rothtal wurde vor mehr als 2000 Jahren im großen Stil Eisen und Stahl hergestellt. Noch heute sind Spuren davon zu finden. Ein Besuch.

Richard Ambs steht im Wald, abseits der Wege. Der Boden ist übersäht von heruntergefallenen Ästen, Zweigen und Laub. Durch die Bäume sind im Westen die Dächer von Osterberg zu sehen. In seiner rechten Hand hält der Mann mit dem weißen Bart und den grauen Haaren eine Gartenhacke. Ambs sieht sich um, geht ein paar Schritte, und bleibt auf einer unscheinbaren Erhöhung stehen. „Wenn ich hier jetzt ein bisschen grabe, finden wir sehr wahrscheinlich Spuren der Kelten“, sagt er. Und er muss es wissen: Denn Ambs ist Kreisarchäologe. Bei einer Tour durch den südlichen Landkreis Neu-Ulm präsentierte er unter anderem die versteckten Schätze von Osterberg und die Ruinen des römischen Kastells in Kellmünz. Seit mehr als 30 Jahren befasst sich Ambs mit der Geschichte des Landkreises und war bei mehr als 130 Ausgrabungen in der Region dabei. Die Neugierde sei es gewesen, die den Geschichtslehrer im Ruhestand vor Jahren zur Archäologie gebracht habe, sagt er.

Um 300 vor Christus, knapp 600 Jahre bevor unweit von Osterberg im heutigen Kellmünz das römische Kastell „Caelius Mons“ zur Verteidigung des Grenzwalls Limes durch die Römer errichtet wurde, war das Obere Rothtal Heimat keltischer Stämme. Die Überreste des Kastells sind noch heute in Kellmünz sichtbar. Erst als die römischen Legionen nach Germanien kamen, mussten die Kelten weichen.

Die Spuren, die Ambs im Wald finden will, stammen von einer für damalige Verhältnisse großindustriellen Produktion. Denn in der Gegend wurde im großen Stil Eisen produziert. „Die Gegend hier war so etwas wie das Ruhrgebiet der Kelten.“ Noch heute liegen die Überreste aus dieser Zeit im ganzen Rothtal herum.

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Vor 2300 Jahren habe es um Osterberg herum noch ganz anders ausgesehen, sagt Ambs. Kaum ein Baum habe dort gestanden. „Die Buche war hier in der Region fast ausgerottet.“ Denn die vormaligen Bewohner des Rothtals nutzten vor allem ihr Holz, um die Schmelzöfen zu befeuern. „Buchenholz brennt bei besonders hohen Temperaturen“, erklärt der Archäologe. In den Öfen schmolzen die Kelten Eisenerz zu Barren. Während des Prozesses entstand auch das Abfallprodukt, die Schlacke, nach der Ambs im Wald sucht.

Er setzt seine Gartenhacke auf der sandigen Erhöhung an, schiebt das welk gewordene Laub zur Seite und durchgräbt mit kräftigen Bewegungen die Erde. Es dauert nicht lange, da kommt ein unscheinbarer grauer Brocken zum Vorschein, etwas kleiner als ein Golfball, jedoch wesentlich unförmiger. „Solche Klumpen findet man in der Region überall.“ Auf den Feldern gebe es noch heute tonnenweise Eisenschlacke. Weiter nördlich, bei Emershofen, habe man vor einigen Jahren sogar Dutzende damit gefüllte Gitterboxen wegtransportiert.

Produziert wurde das Eisen, und damit auch die Schlacke, damals in knapp eineinhalb Meter hohen Hochöfen aus Lehm. Nur in den schmalen Gebilden, die von ihrer Form her ein wenig an Kamine erinnern, entstanden durch die spezielle Bauweise die nötigen Temperaturen von über 1000 Grad, um das Eisenerz zum Schmelzen zu bringen. Heute ist von den Einwegöfen, auch Rennöfen genannt, nichts mehr zu sehen. Lediglich unscheinbare, sandige Erhöhungen, wie die auf welcher der Kreisarchäologe steht, weisen ab und an auf eine ehemalige Schmelzstelle hin.“ An knapp 70 Orten in der Gegend habe man Hinweise auf solche Werkstätten gefunden. Daraus schließt er: „Tatsächlich waren es viel mehr. Vielleicht sogar Hunderte.“

Doch wer jetzt denkt, ein Spaziergang über die Felder von Osterberg mache reich, liegt falsch. Denn laut des Archäologen sind die grauen Klumpen vollkommen wertlos und nicht weiter verwertbar. Manch einer scheint aber dennoch Glück zu haben: Ambs erzählt von einem Schüler, der in den 1960er-Jahren beim Spielen auf einem Feld einen doppelpyramidischen Eisenbarren aus der Zeit der Kelten gefunden hat. „Der durfte den damals sogar behalten“, sagt er und wirkt ein bisschen neidisch.

Wofür das Eisen aus der Region verwendet wurde, ist nicht sicher belegt. Laut Ambs sei es aber sehr wahrscheinlich mit anderen Stämmen und Völkern gehandelt oder in Waffen und Werkzeuge verarbeitet worden. Der Warentransport lief wohl auf der Iller ab.

Ganz in der Nähe von Osterberg, in Oberroth hätten Archäologen sogar Hinweise gefunden, dass dort Stahl geschmiedet wurde. Den Historiker fasziniert das besonders. „Zur selben Zeit, als hier Stahl produziert wurde, bekam auch Alexander der Große am Indus Stahl von ähnlicher Qualität geschenkt“, sagt er. Es seien solche Verbindungen zwischen weit entfernten Zivilisationen, die ihn an der Geschichte so begeistern.

Er greift erneut zu seiner Hacke und schiebt die Erde wieder zurück an die aufgescharrte Stelle. Als Ambs über den moosigen Waldboden zurück zum Weg geht, lässt er den Blick über den Boden schweifen. „Ich frage mich, was hier sonst noch alles versteckt ist.“

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