Newsticker
Bundesregierung stuft mehr als 20 Länder als Hochrisikogebiete ein
  1. Startseite
  2. Lokales (Illertissen)
  3. Prozess um Missbrauchsfälle: Dem Mädchen fiel es schwer, das Schweigen zu brechen

Memmingen / Unterallgäu

20.08.2020

Prozess um Missbrauchsfälle: Dem Mädchen fiel es schwer, das Schweigen zu brechen

Am Landgericht Memmingen findet in dieser Woche ein Kindesmissbrauchsprozess gegen einen 62-Jährigen aus dem nördlichen Unterallgäu statt.
Bild: Ralf Lienert (Archivbild)

Plus Jahrelang wurde im Unterallgäu eine Minderjährige vom Lebensgefährten der Mutter missbraucht. Wem sie sich schließlich anvertraute.

Es muss das Mädchen viel Überwindung gekostet haben, das Schweigen zu brechen. Von den jahrelangen sexuellen Übergriffen des Mannes zu erzählen, der wie ein Vater für es war. Am zweiten Verhandlungstag im Prozess gegen einen 62-Jährigen aus dem nördlichen Unterallgäu sind drei Personen als Zeugen geladen, denen sich die Jugendliche schließlich anvertraute.

Dies waren ihre Mutter, ihr fester Freund und eine junge Frau, bei der sie im Winter 2019 ein Praktikum machte. An einem dieser Dezembertage kamen die fast 100 Missbrauchsfälle, die sich über rund drei Jahre erstreckten, ans Licht.

Verhältnis sei "seltsam vertaut" gewesen

Wie berichtet, wird dem Angeklagten vorgeworfen, das Mädchen im Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal unsittlich angefasst zu haben. 2016 zog die Mutter samt Tochter und Sohn zu ihrem damaligen Lebensgefährten. Der Unterallgäuer arbeitete vor allem nachts, war tagsüber regelmäßig allein mit dem Mädchen. Er ging laut Anklageschrift immer weiter – und drängte zum Geschlechtsverkehr. Körperliche Gewalt habe er nicht angewandt, wohl aber psychischen Druck ausgeübt. 2017 zogen der Mann, seine Partnerin und deren Kinder in eine andere Gemeinde. Die Übergriffe gingen dort weiter. Bis zum Dezember 2019.

Lesen Sie dazu auch: Prozess: Mann soll Tochter der Lebensgefährtin fast 100 Mal missbraucht haben

Die mittlerweile 15-Jährige erzählte ihrem Freund von einem Streit mit dem heute Angeklagten – wie sich später herausstellte, hatte dieser Sex gefordert. Der junge Mann berichtet vor der Großen Strafkammer am Landgericht Memmingen, wie er nach und nach Einblick erhielt in die schrecklichen Erfahrungen seiner Partnerin. Er habe sie sprichwörtlich ausquetschen müssen, um die Geheimnisse zu lüften. „Es war wie ein Tauziehen“, erinnert er sich.

Bereits im Vorfeld, so der Zeuge, habe er das Verhältnis seiner Freundin zu dem 62-Jährigen als „seltsam vertraut“ empfunden. Er riet der Jugendlichen – mit welcher er inzwischen seit gut einem Dreivierteljahr eine glückliche Beziehung führe –, sich der Mutter anzuvertrauen. Doch sie zögerte. „Sie hatte Angst, dass man ihr nicht glauben würde, und hat sich geschämt.“

Zeugin: „Ich habe ihr gesagt, dass das nicht rechtens ist“

Die 15-Jährige absolvierte in dieser Zeit ein Praktikum bei einer jungen Frau. Auch sie sagt im Prozess als Zeugin aus. Das traurig wirkende Mädchen habe bei der Arbeit angefangen, seltsame Fragen zu stellen, etwa, ob sie schon einmal etwas mit einem älteren Mann gehabt habe. Auf mehrere Nachfragen hin, habe sich die Praktikantin ein Herz gefasst und von den Übergriffen erzählt. „Ich habe ihr gesagt, dass das nicht rechtens ist“, sagt die Zeugin. „Sie hat es eher so gesehen, dass es ihre Schuld sei, dass sie das zugelassen hat.“

Die junge Frau brachte das Opfer zu deren Freund; zusammen verabredeten sich die drei mit der Mutter. Diese sagt im Zeugenstand aus: „Wir sind direkt zur Polizei. Für mich war die Sache klar.“

Auch sie habe einen Moment im Gedächtnis behalten, der sie stutzig machte: Sie sei einmal früher von der Arbeit nach Hause gekommen und habe den Lebensgefährten und die Tochter im Bett vorgefunden. Im Augenwinkel, so die Mutter, habe sie gesehen, dass er eine Hand unter ihrem T-Shirt hatte. Darauf angesprochen, hätten dies beide abgestritten. Die Mutter findet heute deutliche Worte: „Ganz offensichtlich ist er ein Arschloch.“

Dritter Verhandlungstag im Prozess am Landgericht Memmingen angesetzt

Wie es dem Opfer geht, will der Vorsitzende Richter Christian Liebhart erfahren. Die drei Vertrauenspersonen der Jugendlichen sind sich einig: Sie leide sehr unter den Geschehnissen. Rückblickend, so der Freund, sei sie froh, zur Polizei gegangen zu sein. Der Prozess gegen den angeklagten Unterallgäuer, der in Untersuchungshaft sitzt, wird am Donnerstag, 20. August, fortgeführt.

Lesen Sie dazu auch:

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren