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Neu-Ulm/Illertissen

22.01.2020

Sänger gesucht: Wie steht es um die Chöre in der Region?

Viele Chöre in der Region machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Gemeinschaft. Neue Mitglieder stoßen zu den Gesangvereinen nur selten hinzu. Ein interaktiver Abend in der Petruskirche will nun Lösungsansätze bieten.
Bild: Alexander Kaya (Archivbild)

Viele Gesangvereine plagen Nachwuchssorgen. In Neu-Ulm und Illertissen verfolgt man denselben Plan gegen das Chöresterben.

Karl Frank wird heuer 90 – ein Zeitpunkt, um mit dem Chorsingen aufzuhören, findet der Senior aus Thalfingen. Dass es ihm aber so schwerfallen würde, große Werke der Kirchenmusik nicht mehr zu singen, hätte er nicht gedacht. Frank ist ein Beispiel für das Thema, um das sich ein Abend mit Johann Hinrich Claussen, dem EKD-Kulturbeauftragten, in der Neu-Ulmer Petruskirche am heutigen Mittwoch, 22. Januar, drehen wird: Um Wurzeln der Kirchenmusik wird es gehen und um die Frage, wohin sich diese Musik entwickeln wird angesichts der Generationenfrage und des Chorsterbens, bei zugleich anhaltender Begeisterung der Menschen für Musik.

In der NS-Zeit aufgewachsen, entwickelte Karl Frank gleich nach dem Krieg eine große Liebe zur Musik, zu sakraler wie weltlicher. Mit 18 trat er in den Kirchenchor seines Heimatortes ein, vor fast 70 Jahren dann in den Ulmer Oratorienchor. „Und als man uns Ältere dann dort nicht mehr wirklich haben wollte, wechselte ich in die Ulmer Kantorei und in den Chor der Petruskirche“, erzählt Bassbariton Karl Frank. Jetzt wollen die Beine nicht mehr so recht und das lange Stehen bei Aufführungen fällt ihm schwer. „Aber ganz abgesagt hab ich noch nirgends“, sagt er. „Vielleicht bekomme ich noch eine Besserung hin.“ Und so trainiert er seine Beine, indem er mit Walking-Stöcken loszieht.

Der Neu-Ulmer Dekanatskantor Oliver Scheffels nennt seinen ältesten Sänger, Karl Frank, ein echtes Beispiel dafür, was Chorsingen für Menschen bedeuten kann. Das Problem des relativ hohen Altersdurchschnitts kennt er in seinem Petruschor und er weiß, dass es auf Dekanats- und Landesebene ganz ähnlich aussieht. „Im Petruschor liegt der Altersschnitt zwischen 60 und 65 Jahren. Es sind ein paar junge Leute dabei, aber eben auch viele Sänger in hohem Lebensalter.“

Sänger gesucht: Wie steht es um die Chöre in der Region?

Ist ein Projektchor eine Lösung?

Den Ursprung fehlenden regelmäßigen Engagements sieht Scheffels in der beruflichen Belastung der Jüngeren, aber auch darin, dass es Kirchenchören an „Eventcharakter“ fehle. Seine Lösung: Ein Projektchor. Bei den Proben für Karl Jenkins’ „The Peacemakers“ sind auch ein paar Studenten und jüngere Sänger dabei. Aufgeführt wird es im Juli – auch im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Bombardierung Neu-Ulms im Frühjahr vor 75 Jahren. Die Sänger seien begeistert von diesem Projekt und er hoffe, mit Überzeugungskraft den einen oder anderen dauerhaft in den Chor einzubinden: „Dabei geht es mir auch darum, zu vermitteln, dass öffentlichkeitswirksame Konzerte und die musikalische Umrahmung von Gottesdiensten gleichwertig sind.“

Eine ähnliche Strategie – wenn nicht sogar dieselbe – verfolgt Joachim Hayd vom Illertisser Männergesangsverein: Auch in der Vöhlinstadt wird derzeit als Chorprojekt eine Messe von Jenkins einstudiert. Die Proben zu „The Armed Man“ sind erst kürzlich gestartet. Teilnehmen darf jeder. Gemeinsam mit den Streichern des Collegiums Musicum Ulm und Bläsern aus der Region wird der Chor die Friedensmesse am 31. Oktober aufführen.

Neben dem Männergesangverein leitet Hayd den gemischtstimmigen Chor des Vereins sowie seit vergangenem Jahr einen Jugendchor. Darin liegt eine weitere Strategie zum Erhalt der Gesangsgruppen. Projektchöre und Projektkonzerte möchte Hayd regelmäßig organisieren. „Ein paar Leute bleiben hängen“, kann er aus Erfahrung sagen. Bei der ersten Probe zu „The Armed Man“ waren 113 Sänger dabei – und weitere kämen noch dazu. Dass in Illertissen die Wahl ebenfalls auf eine Friedensmesse Jenkins’ fiel, sei übrigens Zufall, so Hayd. Frieden beschäftige viele Menschen und dies sei ein relevantes Thema, das auch in der Musik umgesetzt wird.

So viel das Singen im Chor einem Menschen bedeuten kann – der Prozentsatz derer, die es wollen und können, ist nicht beliebig erweiterbar, erfuhr Wolfgang Gütinger. Der frühere Bezirkskantor hätte in Elchingen im Ruhestand gerne einen Chor gegründet. „90 Prozent der Leute können oder wollen es nicht, in ihrer Freizeit einen festen Abend für Proben einzuplanen“, berichtete er. „Zudem gibt es in Ulm Chöre wie Sand am Meer und viele, die gut singen können, haben dann das Ziel, in einen ‚besseren‘ Chor zu gehen.“

Der Illertisser Chorleiter Hayd sagt: „Man muss die Leute begeistern. Das ist wichtig.“ Er hofft, auf diese Weise den Chor zu erhalten und sich Nachwuchs zu sichern. Denn um wie Karl Frank 70 Jahre im Chor zu singen, muss man früh damit anfangen. (mit sori)

Vortrag: Am interaktiven Abend mit Johann Hinrich Claussen beteiligen sich Bezirkskantor Oliver Scheffels (Orgel) und der Künstler Jörg Eberwein mit Klangelementen. Beginn ist am 22. Januar um 19 Uhr.

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