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Babenhausen

15.02.2018

Seit einem Jahr finden Süchtige in Babenhausen Hilfe

Viele Menschen, die zur Beratungsstelle kommen, wollen ihr Alkoholproblem lösen.
Bild: Annette Zoepf (Symbolbild)

Seit einem Jahr ist die Psychosoziale Beratungsstelle Memmingen an einem Tag der Woche auch im Fuggermarkt präsent. Welche Erfahrungen die Sozialpädagogin dort machte.

Es beginnt mit ein, zwei Bier zum Feierabend. Später kommt ein gelegentlicher Schluck aus der Wodka-Flasche hinzu, von dem niemand etwas mitbekommen soll. Daraus werden mehrere. Irgendwann hakt der Chef nach, was es mit der Alkoholfahne bereits am Vormittag auf sich hat. Mit den Fehlzeiten. Und die Fassade beginnt zu bröckeln.

Geschichten wie diese kennt Claudia Spandl viele. Erwachsene Männer, Frauen und Jugendliche kommen zu ihr, weil sie Rat und Hilfe suchen. Manchmal auch, weil sie geschickt werden vom Rechtsanwalt, dem Sozialarbeiter an der Schule oder dem Hausarzt, der angesichts der Leberwerte stutzig wurde. Manche werden auch begleitet vom Bruder oder von der Freundin, die sich sorgen.

Seit einem Jahr steht die Sozialpädagogin jeden Dienstagnachmittag in Babenhausen für eine kostenlose Beratung zur Verfügung. Diese Sprechstunden waren anfangs nur ein „Versuchsballon“, den die Psychosoziale Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt ( Awo) Memmingen steigen ließ, wie Spandl bildlich erzählt. Zuvor seien Betroffene aus Babenhausen und umliegenden Gemeinden zu den Stellen in Memmingen oder Mindelheim gekommen. „Durch die Lage im nördlichen Teil des Landkreises waren das enorme Fahrzeiten“, sagt Spandl. „Darum wollten wir mit geringem Aufwand testen, wie eine Außensprechstunde ankommt.“

Um die Begebenheiten im Fuggermarkt kennenzulernen, habe sie sich etwa mit Pfarrern, Ärzten, dem Awo-Ortsverband und der Krankenkasse Aok vernetzt. Alle hätten sie sehr unterstützt, auch was die Suche nach einer passenden Räumlichkeit anbelangte. Letztlich entschied sich die Awo für einen Raum, den die katholische Kirche für ein kleines Entgelt zur Verfügung stellt. Der Hauseingang ist zur Fürst-Fugger-Straße hin von der Schlossmauer abgeschirmt. „Das trägt auch zur Anonymität bei“, erklärt die 56-Jährige. In einem Zimmer mit Sofa, Tisch und bunten Bildern an der Wand hört sich die Sozialpädagogin nun die teils tragischen Geschichten der Menschen an. Die meisten drehen sich um Alkohol und Drogen, seltener um Glücksspiel, Medikamente und Essstörungen. In manchen Fällen um eine Kombination.

Heute, ein Jahr nach Beginn des Angebots, kann Spandl sagen: „Die Sprechstunden sind weitgehend ausgelastet.“ Bis zu vier einstündige Gespräche führe sie jeden Dienstag. „Im Frühsommer war es eine Zeit lang ruhig, aber das hat sich schnell wieder gelegt.“ Rund zwei Drittel ihrer Klienten seien männlich, ein Drittel weiblich. Alle Altersgruppen seien vertreten. Eine Warteliste gibt es trotz der regen Nutzung nicht. „Angebot und Nachfrage decken sich gerade ganz gut.“ Da langes Warten demotivieren könne, versuche sie, zügig zumindest ein kurzes Gespräch anzubieten.

Mit einem einzigen Gespräch ist es in der Regel aber nicht getan. „Nicht jeder, der hierher kommt, dockt auch gleich an. Manche brauchen eine Extrarunde, bis sie sagen können: Ich schaff’ das nicht allein.“ Zudem brauche es Zeit, bis sie und die Betroffenen gemeinsam die jeweilige Lebenssituation durchblicken, Motivation aufbauen und Ziele setzen. Spandl versucht, sich allmählich vorzuwagen: „Mit der Brechstange hat es wenig Sinn. Ich brauche zumindest einen kleinen Türspalt.“ Die Diplom-Sozialpädagogin betont, dass sie unter Schweigepflicht stehe. Konsequenzen hätte keiner der Klienten zu erwarten, sollte die Beratung nicht fruchten.

Denn Rückfälle seien keine Seltenheit. „Das beginnt im Kopf. Gerade, wer sich sicher fühlt, ist gefährdet. Er passt dann weniger auf“, erklärt Spandl. Betroffene seien ständig gefordert, sich abzugrenzen – und das Leben nüchtern zu betrachten, könne hart sein. „Alkohol zum Beispiel ist ja überall – bei Feiern, bei der Arbeit, beim Einkaufen.“ Auch an Drogen, deren Konsum sich einst eher in städtischen Zentren abgespielt habe, seien mittlerweile „bis ins letzte Dorf verbreitet“. Auf die Frage, ob sie Rückfälle frustrieren, sagt Spandl: „Ich habe gelernt, dass sie dazugehören. Es steckt auch eine Chance drin: Die Klienten wissen dann, wie schnell sie rückfällig werden können. Wichtig ist, dass sie dann wieder kommen.“ Gleichzeitig achtet Spandl darauf, eine gewisse emotionale Distanz zu den Fällen zu bewahren. Manchmal vermittle sie Betroffene an weiterführende Stellen, etwa, wenn es um eine Entgiftung geht.

Für die Zukunft der Babenhauser Sprechstunden wünscht sich Spandl: „Ich hoffe, dass wir hier langfristig zu einer festen Institution werden.“ Denn sie habe die Erfahrung gemacht, dass sich das Angebot im Raum Babenhausen herumspreche.

Kontakt: Die Außensprechstunden finden dienstags von 12 bis 16 Uhr in der Fürst-Fugger-Straße 4 in Babenhausen statt. Die Anmeldung erfolgt über die Psychosoziale Beratungsstelle in Memmingen, Telefon 08331/5084. Weiteres unter www.psb-memmingen.de.

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