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Vöhringen

20.07.2020

Sie erlebte eine Schule unter Segeln zwischen Kiel und Kuba

Mona am Steuerrad bei Schieflage, da muss man schon standfest sein. Die 16-Jährige aus Vöhringen war ein halbes Jahr auf dem Segelschiff Thor Heyerdal unterwegs.
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Mona am Steuerrad bei Schieflage, da muss man schon standfest sein. Die 16-Jährige aus Vöhringen war ein halbes Jahr auf dem Segelschiff Thor Heyerdal unterwegs.
Bild: Sammlung Potrykus

Plus Mona Potrykus aus Vöhringen war 12.160 Seemeilen an Bord der „Thor Heyerdahl“ unterwegs. Was die 16-Jährige in den Monaten auf See gelernt hat.

Klarer Himmel, hier und da kleine Wolkenschleier, tiefblaues Meer, leichte Dünung, sanfte Brise. Urlaubskulisse pur. Der Dreimaster „Thor Heyerdahl“ gleitet wie im Bilderbuch durch die Wellen. Seitlich springen Scharen von Delfinen übermütig aus dem Wasser. Eine Erinnerung, bei der Mona Potrykus auch noch Wochen nach ihrer Heimkehr an die Iller ein leichtes Sehnen verspürt. Aber das ist nur eine Seite des Segeltörns. Die andere ist weniger romantisch. Putzen, scheuern, kochen, lernen und das bei Seestärke 9. Da widersetzt sich der Magen den Schwerkraftgesetzen. Aber damit nicht genug, Sturm kommt auf, urplötzlich wie aus dem Nichts. Jede Hand wird gebraucht, raus aus den Kojen und Kammern, Segel müssen gerefft werden. Mona, 16 Jahre alt und Schülerin der 10. Klasse des Illertal-Gymnasiums, hat an einem Projekt teilgenommen, das unter dem Motto „Schule unter Segeln“ – kurz nur KUS genannt – Jahr für Jahr ganze Teilnehmerscharen anlockt. Von Oktober des vergangenen Jahres bis Ende April war Mona Potrykus unterwegs – jetzt erzählt sie von ihrer Reise.

Das ist die Thor Heyderdal, ein Dreimaster, mit dem Mona ein halbes Jahr auf See war.
Bild: Sammlung Potrykus

Durch eine Zeitungsanzeige wurde Mona auf das Projekt aufmerksam. Für die Seriosität des Unternehmens steht die Universität Erlangen, deren Studenten schon mehrfach an dieser Lernreise teilgenommen haben. Schon zwei Jahre im Voraus bewarb sie sich Mona. Da die Reise auch Geld kostet, jobbte die Schülerin, wann immer das mit ihrer schulischen Arbeit in Einklang zu bringen war. Auch ihre Eltern gingen ans Eingemachte, um zu helfen. „Das Meer hat mich schon immer fasziniert“, sagt Mona. Aber nicht wie Dolce Vita in der Sonne liegen, sondern sich mit dem Element Wasser auseinanderzusetzen. Das IGV wertet die Fahrt auf dem Wasser – wie in Bayern üblich – wie ein Auslandsjahr. Also gab es von der Schule keine Einwände. Wer sich bewarb und zum Vorstellungsgespräch gebeten wurden, erfuhr, dass dies keinesfalls ein Vergnügungstörn werden würde. Hart anpacken ist gefragt, sich einzuordnen in den Schiffsbetrieb, am Unterricht teilzunehmen und Hausaufgaben zu machen. Fast alle Fächer wurden bedient, wenngleich erst mal die Einführung in das nautische Wissen vermittelt werden. Sind Landgänge angesagt, geht das nicht im Schnelldurchlauf. Es wird auf die Eigenarten der Menschen, das Klima, die Vegetation eingegangen, man muss wissen, wohin man kommt.

Einfahrten in die Häfen sind immer ein kleines Kunststück

Auf dem Schiff übernahm Mona gerne die Wache, bei der ihre Position das Steuerrad war. „Da gehört ungemein viel Konzentration zu. Man muss alles im Blick haben, vor allem den Kompass.“ Abweichen – ja das komme schon mal vor, aber nur wenige Grade können auch korrigiert werden. „Aber die Thor Heyerdahl ist träge. Kein Vergleich mit einem Auto, wenn man nur wenige Meter braucht, um wieder in der Spur zu sein“, erklärt die Schülerin. Bis die Korrektur auf einem Schiff Wirkung zeige, braucht es Zeit. Deshalb seien Einfahrten in die verschiedenen Häfen immer ein kleines Kunststück. Doch bevor man so richtig angeheuert wurde, gab es einen Probelauf auf dem Fluss Schlei. Kapitän Detlef Soitzek und seine seeschul-erfahrene Begleitung prüften die Motivation, den Willen zur Teamarbeit, die Persönlichkeitsstruktur. Wenn man für ein halbes Jahr zusammen auf See ist, muss die Chemie unter den Teilnehmern stimmen, muss einspringen, ohne zu klagen, auch wenn der Tag für etwas anderes geplant war.

Geführt wird das Schiff von Detlef Soitzek, Kapitän auf großer Fahrt, wie das offiziell heißt. Er ist 69 Jahre alt. Soitzek ist verantwortlicher Leiter der Jugendreisen auf der „Thor Heyerdahl“ und ist Eigner des Dreimasters. Vor mehr als 75 Jahren wurde das Schiff vom Stapel gelassen, für seinen jetzigen Zweck wurde es umgebaut. Wenn Mona von dieser Reise berichtet – Seeleute sprechen nie von Fahrt, immer von Reise – glänzen ihre Augen. Dieses Eintauchen in eine völlig andere Welt war mehr, als nur nautische Erfahrungen zu machen. „Wenn das Schiff unter vollen Segeln steht und man zur Crew gehört, löst das ein Glücksgefühl und Dankbarkeit aus, dass man das erleben darf.“ Bei 800 Quadratmetern Segel sind sich alle einig: Wow, was für ein Anblick.

Harte Arbeit ist das Segelreffen, das Zusammenlegen, wenn es vom Mast kommt.
Bild: Sammlung Potrykus

Herzklopfen beim Auslaufen? Mona ist ehrlich, „klar, man macht eine Reise um die halbe Welt, da denkt man schon, was kommt auf einen zu?“ Vor den Neulingen an Bord liegen 12160 Seemeilen – eine Seemeile entspricht 1852 Kilometer. Mona beschreibt die Reiseroute: Über Marokko, an den Kanarischen Inseln und den Kap Verden vorbei bis in die Karibik. Weihnachten wurde auf Grenade gefeiert. Dann ging’s weiter nach Panama mit einem einwöchigen Aufenthalt bei Gastfamilien. Dann wurde Kuba angesteuert. „Wir hatten 34 Fahrräder an Bord, fuhren damit eine Woche durch das Land. Die Räder verschenkten wir hinterher.“ Von Kuba ging es zu den Bermudas mit Aufenthalt. Die Azoren, schon im europäischen Einzugsgebiet, konnten nicht angesteuert werden, Grund war die Corona-Krise.

Am Anfang war Mona seekrank, danach war alles nur noch neu und schön

Nach einem halben Jahr machte das Schiff wieder in Kiel fest. Für Mona ist diese Reise ein Erlebnis, das in vielen Facetten leuchtet. „An den ersten Tagen an Bord kamen mir Gedanken, was tun wir hier, wieso bin ich jetzt nicht zu Hause?“ Die Antwort besteht aus einem Wort – seekrank. Aber das wird überwunden und dann ist alles nur noch neu und schön. Woran sich Mona besonders gern erinnert, ist, wenn sie als Steuerfrau Wache hatte. Alles im Blick zu haben, den Horizont wie auch den Kompass.

Das Schiff wurde nach seiner Überholung nach Thor Heyerdahl benannt, eine Hommage an den norwegischen Entdecker. Er bewies, dass Polynesien von Südamerika aus entdeckt worden war, er legte auf der legendären Kon Tiki 8000 Kilometer auf dem Pazifik zurück. Ein Fazit zu ziehen ist für Mona nicht leicht. Die neuen Eindrücke müssen verarbeitet werden. Aber eines ist gewiss, diese Erinnerung wird in ihrem Leben immer etwas Besonderes bleiben, ein Erlebnis für Gemeinschaft, Zusammenhalt, Freundschaft, füreinander Einstehen und das Teilen des gemeinsam Erlebten.

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