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Städte- und Gemeindebund fordert Ausweitung der Maskenpflicht in Deutschland
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10.07.2010

Sie sind da, aber man sieht sie nicht

Neu-Ulm 9.30 Uhr, Schichtbeginn für Ralf Schadwinkel und Marco Leppelt. Schadwinkel setzt sich an das Steuer eines schwarzen VW Touran Diesel mit 170 PS, Kollege Leppelt nimmt auf dem Beifahrersitz Platz. In den kommenden acht Stunden wird der eher bieder wirkende Van der Arbeitsplatz der beiden Männer sein. Sie sind aber weder Autotester noch Kurierfahrer - die beiden Hauptmeister sind Mitglieder der Fahndungs- und Kontrollgruppe (FKG) der Neu-Ulmer Verkehrspolizei, deren Aufgabe es unter anderem ist, auf den Autobahnen in der Region sogenannte Schleierfahndungen durchzuführen.

Ralf Schadwinkel nimmt von der Neu-Ulmer Polizeiwache an der Reuttier Straße Kurs auf die Bundesstraße 10. An der Anschlussstelle Nersingen fädelt er auf die A 7 ein, um beim Elchinger Kreuz auf die Autobahn 8 Richtung München zu wechseln.

Nach dem Wegfall vieler Ländergrenzen - und damit auch der stationären Grenzkontrollen - ist Reisen in fast ganz Europa im wahrsten Sinne des Worts schrankenlos möglich, sowohl für die "Guten" als auch die "Bösen". Schadwinkel und Leppelt in ihrem Touran sind so etwas wie eine Grenzschranke, die sich aber nicht am Rhein (zu Frankreich) oder bei Salzburg befindet, sondern halt im Bereich rund um Neu-Ulm. Aufgabe der beiden mit Jeans und T-Shirts bekleideten Beamten ist es, die "Bösen" unter den Tausenden von Auto-, Bus- oder Lastwagenfahrern herauszufiltern.

Ralf Schadwinkel umkurvt im Schritttempo die auf dem Parkplatz der Rastanlage Leipheim stehenden Fahrzeuge. Wie Marco Leppelt auch fixiert er vor allem die Nummernschilder der Wagen. Einen weißen Transporter mit ungarischer Nummer lassen die Polizisten links liegen, denn sie interessieren sich für einen nicht mehr ganz neuen Mercedes "Sprinter" mit deutschem Kennzeichen und auffälliger Aufschrift, in dem zwei junge und ein älterer Mann offenbar gerade eine Pause machen. "Den schau'n wir uns mal an", sagt Schadwinkel. Die Polizisten zeigen ihre Dienstausweise vor und bitten um Führer- und Fahrzeugschein sowie um die Personalausweise. Mit diesen Dokumenten verschwindet Ralf Schadwinkel im Touran, legt sich eine Tastatur mit Bildschirm auf die Schenkel, tippt Buchstaben und Zahlen ein. Zwischenzeitlich plaudert Marco Leppelt mit dem Trio und erfährt, dass die Drei auf der Fahrt nach Wien sind, um dort einen Stand für eine WM-Party aufzubauen. Die Reisenden wirken entspannt und fragen gleich einmal bei dem Polizisten nach, ob er etwas über Staus zu berichten hat. Kollege Schadwinkel taucht wenig später mit den "Papieren" auf. "Alles negativ", erklärt er seinem Kollegen, um dann die Dokumente wieder an die Besitzer zurückzugeben und ihnen eine gute Reise zu wünschen.

Sie sind da, aber man sieht sie nicht

Der erste Eindruck, den die erfahrenen Schleierfahnder von einem Kontrollierten gewinnen, ist - wie im Leben allgemein - der Wichtigste. Marco Leppelt: "Manche sind nervös, wenn sie merken, dass wir von der Polizei sind, manche sind ganz entspannt." Bei Nervösen klingeln bei den Beamten die Alarmglocken. "Warum soll ich nervös sein, wenn ich nichts zu verbergen habe?", fragt Hauptmeister Leppelt eher rhetorisch. In den meisten Fällen reagieren die Nicht-Nervösen, die weder Waffen oder Drogen zu verbergen haben oder deren Papiere in Ordnung sind, auf den polizeilich verordneten Stopp mit Gelassenheit, berichtet er weiter. "Manchmal erhalten wir sogar ein positives Feedback. Die Leute sagen, sie seien froh, dass wir da sind, obwohl man uns nicht sieht."

Weiter geht die Reise, im Verkehr mitschwimmen, nennen es die Beamten. Plötzlich gibt Ralf Schadwinkel Gas. Ein älteres Opel Astra-Cabriolet hat es ihm angetan. Im mittlerweile dichten Verkehr braucht es einige Minuten, bis er den Wagen mit Offenburger Nummer überholen kann. Er und sein Kollege mustern dabei aufmerksam die Fahrerin, eine nicht mehr ganz junge Frau mit großer Brille. Offenbar passt die Dame nicht in das Fahndungsraster der Beamten, sie kann unbehelligt ihrer Wege ziehen. Vermutlich wird sie niemals erfahren, dass sie auf der A 8 zwischen Leipheim und Günzburg für einige Sekunden das Interesse von zwei Polizeibeamten erweckt hat, die ihre Autonummer in ihren "Car-PC" genannten Bordcomputer getippt haben und via Internet von Polizei-Datenbanken wichtige Informationen abgerufen haben.

An der Anschlussstelle Adelsried endet der Aufgabenbereich der Neu-Ulmer Schleierfahnder. Sie verlassen die Autobahn, um auf der Gegenfahrbahn in Richtung Westen bis Seligweiler zu fahren.

Kurz vor Burgau sticht den Polizisten ein knallroter Honda "Civic" im Sport-Look mit roter Chemnitzer Nummer ins Auge. Wieder überholt der Touran das Fahrzeug. Gesteuert wird der Honda von einem Mann mit tiefen Furchen im Gesicht, der so überhaupt nicht zu dem aufgemotzten Japaner passen will. Ralf Schadwinkel setzt sich vor den roten Wagen, öffnet die Armablage zwischen den Sitzen und drückt auf einen von mehreren Knöpfen. Das hat zur Folge, dass im Heck des Touran ein Leuchtband mit dem Wort "Polizei" aufflammt - die unmissverständliche Aufforderung, zu folgen. Sicherheitshalber öffnet Marco Leppelt noch die Seitenscheibe und winkt mit der Kelle, die schon deutliche Gebrauchsspuren aufweist. Auf einem Parkplatz das gleiche Prozedere wie zuvor bei Leipheim. Mehrere Männer in knallbunten kurzen Hosen und farblich nicht dazu passenden Oberteilen, die offenbar eine Pause gemacht hatten, kommen neugierig auf die zwei Fahrzeuge zu. Als sie offenbar merken, dass hier die Polizei zugange ist, ist ihre Neugierde wie verflogen. Nicht hastig, aber sehr kontrolliert besteigen sie ihren Kleinbus mit rumänischer Zulassung und fahren los.

Während Dokumentenexperte Schadwinkel am "Car-PC" die Daten abgleicht, inspiziert Kfz-Experte Leppelt den Kofferraum, in dem in Plastiksäcken verpackt mutmaßlich Winterreifen und die alten Autonummern liegen. Beim Vorbeigehen an dem Mann, der nach eigenen Angaben den "Civic" nach Kempten überführt, nimmt er Witterung auf: Der Mann hat eine Alkoholfahne. Darauf angesprochen krächzt er mit etwas brüchiger Stimme, dass der Mundgeruch vielleicht vom Rauchen komme. Ohne Umschweife stimmt er aber einem Alkomattest zu. Ergebnis: 0,03 Promille. Mittlerweile ist auch der Kollege mit der Arbeit am Bordcomputer fertig. Alles in Ordnung, gute Fahrt.

Keinen Treffer landen die Fahnder auch bei einem PS-starken Audi A 4-Cabriolet, in dem drei junge Männer sitzen, von denen sich eigentlich keiner die Nobelkarosse leisten kann. Die türkischstämmigen Burschen mit viel Gel im pechschwarzen Haar nehmen es den beiden Polizisten aber nicht krumm, dass sie ihnen ihre Fahrt nach Erding unterbrochen haben. Zum Abschied schüttelt der mit Dreiviertelhose, ärmellosem Muskel-Shirt und Flipflops bekleidete Fahrer den Beamten jovial die Hand und erklärt mit kenntnisreichem Blick auf den Dienstwagen: " VW und Audi sind die besten Autos."

Quäntchen Glück gehört dazu

Trotz aller Erfahrung, die beide Polizeibeamte haben - bei der Schleierfahndung gehört zum Erfolg auch immer ein Quäntchen Glück dazu. Ralf Schadwinkel erzählt, dass es Tage gibt, an denen kein einziger Zugriff gelingt. Kaum hat Schadwinkel das gesagt, wendet sich das Blatt. Die Beamten "ziehen" einen Reisebus mit rumänischem Kennzeichen bei Günzburg von der A 8. Der Scania ist im Liniendienst zwischen Frankreich und Rumänien unterwegs. Obwohl das Fahrzeug von schleierfahndenden Kollegen ausweislich eines Stempels auf der Tachoscheibe bereits kontrolliert worden ist, lässt Marco Leppelt nicht locker - und landet einen Volltreffer. Bei genauer Durchsicht der Papiere stellt sich heraus, dass für das Fahrzeug bereits seit einem halben Jahr keine Umsatzsteuer entrichtet wurde. Eigentlich liegen solche Dinge im Aufgabenbereich des Zolls - aber die beiden Polizisten wollen und können nicht die Augen vor solchen Dingen verschließen. Leppelt telefoniert mit einer Zollbeamtin, kopiert mit einem im Kofferraum des Touran untergebrachten Gerät mehrere Dokumente, während sein Kollege Schadwinkel die Ausweise der Reisenden im Wortsinn unter die Lupe nimmt. Leppelt: "Der Fahrer kann nichts dafür, dass keine Steuer bezahlt worden ist. Das ist Aufgabe seines Chefs. Was wir hier tun, ist, ein Strafverfahren einzuleiten. Wir schreiben einen Bericht und leiten ihn an die zuständigen Dienststellen weiter. Die veranlassen dann das Weitere." Ganz grob über den Daumen gepeilt schätzt Leppelt, dass der Busunternehmer dem Staat in Sachen Umsatzsteuer nur für diesen Bus circa 35 000 Euro schuldet.

Nach diesem Fahndungserfolg wird es wieder zäher. Zwei eher altersschwache Transporter mit vielen Hohlräumen zum Verstecken illegaler Dinge wie Drogen oder Waffen erweisen sich als "clean". Mehr oder weniger "clean" ist auch der altersschwache Peugeot 405 mit französischer Nummer, den Schadwinkel und Leppelt bei einem weiteren Törn auf die Leipheimer Rastanlage lotsen. Zuvor überholt Hauptmeister Schadwinkel den Wagen, um einen Blick auf die Insassen zu werfen. Nachdem er und sein Kollege die fünfköpfige, südländisch aussehende Familie inspiziert haben, lässt sich der Fahrer wieder zurückfallen, um den Peugeot stets im Auge zu haben. Als er sich sicher sein kann, dass der Wagen nicht auf die A 7 abbiegt, überholt er wieder, um kurz danach das "Polizei"-Zeichen im Heck aufleuchten zu lassen. Von diesem Moment an lässt Beifahrer Leppelt im Rückspiegel das Auto nicht aus den Augen. Er erklärt: "Manchmal fliegt etwas aus dem Fenster, wenn die Leute merken, dass sie es mit der Polizei zu tun haben." Wie sich herausstellt, sitzt in dem Peugeot eine rumänische Sinti-Familie, die aus Frankreich kommt. In höflicher Zeichensprache bedeuten die Polizisten dem Fahrer, die Papiere herauszugeben und den Kofferraum zu öffnen.

Prallvoller Kofferraum

Der Mann tut wie geheißen und vollführt von da an wilde Leibesübungen, mutmaßlich um seine verspannten Schultermuskeln zu entspannen. Beim Anblick des offenen Kofferraums wird klar, was prallvoll bedeutet: Das Gepäckabteil ist vollgestopft mit verknüllter Kleidung, blauen Plastiktonnen - und einer Zimmerpflanze, deren Blätter bereits bedenklich zerknittert sind.

Als Erstes nimmt Ralf Schadwinkel die blauen Tonnen unter die Lupe. Neben Milch-Tetrapacks und Nudel-Packungen fördert er plötzlich zwei Handys zutage. Merkwürdig. Mit den Funktelefonen entschwindet er Richtung "Car-PC". Marco Leppelt hat sich bereits Einmal-Handschuhe geholt und beginnt, den Kofferraum auszuräumen. Mittlerweile hat sich auch der halbstarke, feindselig blickende Sohn aus dem Auto gewälzt und sich schräg hinter dem Polizisten aufgebaut. Marco Leppelt, der seinen Rücken freihaben will, weist ihn an, sich zu trollen. Beim Ausräumen des Kofferraums muss Leppelt alle Kräfte aufwenden, um unter Bergen von Wäsche drei Bohrmaschinen und eine Einkaufstüte mit unzähligen Schraubenschlüsseln und -ziehern herauszulupfen. Der Polizist will nicht ausschließen, dass das Werkzeug "auf illegalem Weg" in den Besitz des Rumänen gekommen ist - allein er hat keine Möglichkeit, das nachzuweisen. Die Familie darf weiterfahren.

Frustriert sind die Beamten ob der für ihre hohen Ansprüche mageren Ausbeute nicht. Sie wissen, dass sie wie im Nebel stochern. Ebenso wissen sie, dass es sein kann, wenn sie ergebnislos ein Auto filzen, zwei an ihnen vorbei rollen, bei denen sie fündig geworden wären. Aber aus Erfahrung wissen sie auch, dass es ein anderes Mal wieder ganz anders ausschauen wird, wenn jeder Schuss ein Treffer ist. Schadwinkel: "Gestern hatten wir ein Auto, das wegen fehlender Versicherung zur Entstempelung ausgeschrieben war, außerdem einen Mann, der sich illegal in Deutschland aufhielt und zudem noch eine Frau, gegen die ein Haftbefehl vorlag."

Und so machen Ralf Schadwinkel, Marco Leppelt oder ihre Kollegen an sieben Tagen in der Woche weiterhin ihre Touren - und sind da, auch wenn man sie nicht sieht.

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