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Babenhausen

03.08.2017

Sie sind vor Krieg und Terror geflohen

Die aus Afghanistan stammende Familie Karim: von links Lemar, Mutter Sonia, Nehad, Ilja und Vater Shapor. Die fünf sind inzwischen in Babenhausen angekommen und fühlen sich wohl in Deutschland.

Familie Karim musste ihre Heimat Afghanistan verlassen. In Babenhausen haben die fünf ein neues Zuhause gefunden und sich inzwischen gut integriert.

Auf einem Tisch im Kinderzimmer steht eine kleine Sammlung glänzender Pokale. Sie sind der ganze Stolz des zehnjährigen Lemar und seines siebenjährigen Bruders Nehad. Diese Auszeichnungen haben sie gemeinsam mit ihren Fußballteams in der Jugendabteilung des TSV Babenhausen erkämpft. Nehad spielt bei den F-Junioren und Lemar hat den Aufstieg in die E1-Mannschaft geschafft. Da die beiden Buben begeisterte Kicker sind, verbringen sie viele Wochenenden auf Fußballplätzen. Dort fühlen sich auch die Eltern Shapor und Sonia Karim sowie die zweijährige Ilja wohl. Geborgen fühlen sich die fünf inzwischen auch in dem Ort Babenhausen, wo die Familie nach ihrer Flucht aus Afghanistan Ende Dezember 2012 ein neues Zuhause gefunden hat.

„Da in unserer Heimat seit mittlerweile 40 Jahren Krieg herrscht, haben wir keine unbeschwerte Kindheit und Jugend erlebt und keinen Beruf erlernen können“, sagt Sonia Karim. Beide Ehepartner haben in Afghanistan das Abitur abgelegt. Der 45-jährige Shapor Karim konnte anschließend noch sechs Monate lang Medizin studieren. Dann war das Studium allerdings aufgrund des Kriegs nicht mehr möglich, bedauert er. Die 37-jährige Sonia hat bis zur Geburt des ersten Kindes im Büro gearbeitet.

Sie stammen beide aus modern eingestellten afghanischen Familien, in denen die Frauen zum Beispiel kein Kopftuch tragen. Wegen der gefährlichen Kriegssituation in ihrer Heimat sei der Alltag der Familie aber von Angst bestimmt gewesen. Wegen Bombeneinschlägen, Terror und Unruhezuständen haben sie ihre Wohnung kaum noch verlassen. „Wenn man für Einkäufe oder andere notwendigen Angelegenheiten raus musste, wusste man nicht, ob man wieder zurückkehrt“, erzählt Sonia Karim und fügt hinzu: „In der ständigen Befürchtung, dass sie entführt und zu Kindersoldaten ausgebildet werden, habe ich meine Söhne keine Minute allein auf die Straße gelassen.“ Unter dieser kontinuierlichen Bedrohung hatte die ganze Familie sehr gelitten. Mit Schrecken erinnert sich die dreifache Mutter an den Tag, als ihr Bruder, ein Fernsehjournalist, in einem Bus erschossen wurde. Glücklicherweise konnte seine Frau mit ihren drei Kindern nach Schweden fliehen.

Heimlich haben auch Sonia und Shapor Karim ihre Heimat verlassen und sind mit ihren kleinen Söhnen nach Moskau geflogen. Von dort kamen sie über die Ukraine und Österreich nach München. „Nach elf Tagen sind wir nach Babenhausen gebracht und dort sehr freundlich aufgenommen worden“, sagt Shapor Karim. „Die erste Wohnung, die uns zugewiesen wurde, mussten wir wegen Schimmelbefalls wieder verlassen.“ Jetzt wohnen die Eheleute mit ihren Söhnen und der 2015 geborenen Tochter in der obersten Etage eines mehrstöckigen Hauses. Da die Räumlichkeiten zwar groß und entsprechend teuer sind, würde die Familie gern in eine kleinere und vor allem bezahlbare Wohnung umziehen – am liebsten mit Garten, in dem die Kinder spielen können.

Obwohl die Karims ihr neues Heim mit gespendeten Möbeln einrichten mussten, strahlt es Behaglichkeit aus. „Wir müssen zwar jeden Euro mehrmals umdrehen, ehe wir ihn ausgeben, sind aber glücklich, in Deutschland leben zu können. Unsere Kinder dürfen ohne Angst und in Frieden aufwachsen, zur Schule gehen und lernen“, sagt Shapor Karim.

Als anerkannte Flüchtlinge nehmen die Karims jede Möglichkeit wahr, sich zu integrieren. Abwechselnd fahren die Eltern zum Job-Center nach Memmingen und absolvieren Sprachkurse. Innerhalb der Familie wird vorwiegend Deutsch gesprochen.

„Ich liebe auch die Bürokratie in diesem Land, weil sie vieles genau und übersichtlich regelt“, sagt Shapor Karim. Er spielt gern Fußball, Tischtennis und Schach. In diesem Denksport hat er sich heuer beim Schachclub Frickenhausen den Titel des Vereinsmeisters geholt. Sein großes Ziel ist es aber, Arbeit zu finden, um Frau und Kinder ernähren zu können. Sobald es ihre Familiensituation und Sprachkenntnisse zulassen, möchte auch Sonia Karim einen Job finden.

Das gehört für die Familie ebenso zur Integration wie der Besuch von Festen und das Kennenlernen der Kultur ihrer neue Heimat.

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