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Landkreis Neu-Ulm

07.10.2020

So steht es um die ärztliche Versorgung im Landkreis Neu-Ulm

Bayern ist in Bezug auf die hausärztliche Versorgung in Planungsbereiche eingeteilt.
Bild: Christin Klose/dpa

Plus Der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung zeigt, wie viele Mediziner sich ambulant um die Bewohner im Landkreis Neu-Ulm kümmern (sollen). Und auch, dass sich ein Problem anbahnt.

Es drückt im Magen, es hämmert im Kopf, die Haut ist rot und juckt: Bei Beschwerden wie diesen ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Lange Fahrtwege will bei Krankheit niemand in Kauf nehmen – deshalb sollte sich dessen Praxis möglichst in der Nähe des Wohnorts befinden. Wie engmaschig ist das Netz an Hausärzten im Raum Illertissen und Neu-Ulm? Und welche Trends können in der ärztlichen Versorgung im Landkreis in naher Zukunft zum Problem werden?

Antworten gibt der Versorgungsatlas, den die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) herausgibt. Die aktuelle Version – eine Momentaufnahme – ist im August erschienen. Er enthält einerseits einen Überblick über die ambulante vertragsärztliche Versorgung auf regionaler Ebene. Andererseits bildet er die sogenannte Bedarfsplanung ab: Wo sind rein planerisch genügend Ärzte und Psychotherapeuten tätig? Wo können sich weitere niederlassen? Wo zeichnen sich Versorgungslücken ab?

Die Versorgung ist im Landkreis-Süden etwas besser – zumindest rein rechnerisch

Es gibt Zielgrößen, die der Gemeinsame Bundesausschuss in Berlin im Zuge einer Reform 2019 festgelegt hat: Ein Hausarzt beispielsweise soll für 1609 Einwohner zuständig sein. Diese Verhältniszahl wird noch angepasst, um auch der demografischen Struktur einer Region Rechnung zu tragen. Wo viele ältere Menschen wohnen, sollen sich mehr Ärzte niederlassen können. Setzt man die Zielgröße und die tatsächliche Ärztezahl ins Verhältnis, lässt sich ein Versorgungsgrad berechnen. Liegt er bei über 100 Prozent ist von einer Überversorgung die Rede. Sinkt er unter 75 Prozent bei Hausärzten und unter 50 Prozent bei Fachärzten ist das Anhaltspunkt für eine Unterversorgung.

Bereich Illertissen: Bayern ist in Bezug auf die hausärztliche Versorgung in Planungsbereiche eingeteilt. Zum Bereich Illertissen zählen neben der Vöhlinstadt auch Altenstadt, Kellmünz, Buch, Osterberg, Oberroth und Unterroth – er umfasst kurzum den Landkreissüden. 22 Hausärzte praktizieren laut Versorgungsatlas dort. Allerdings wird mit der Zahl 21,5 gerechnet; der Grund für eine Abweichung wie diese kann in einem geringeren Tätigkeitsumfang mancher Ärzte liegen. Da die Hausärzte im Bereich Illertissen für 31.000 Einwohner zuständig sind, ergibt sich ein Versorgungsgrad von rund 111 Prozent – was eine aktuelle Überversorgung bedeutet. Ab 110 Prozent greifen Zulassungsbeschränkungen.

Etwas weniger Frauen als Männer sind in dem Planungsbereich tätig – wie in Gesamtbayern. Ebenfalls unter dem bayernweiten Durchschnitt liegt das Alter der Hausärzte: 52,9 Jahre (Bayern: 55,2). Acht sind 60 Jahre und älter. 14 haben in der Stadt Illertissen den Praxisstandort, an dem sie ihre Haupttätigkeit ausüben – die Sitze sind also ungleich verteilt.

Bereich Neu-Ulm: Der Planungsbereich Neu-Ulm umfasst neben der Kreisstadt auch Bellenberg, Vöhringen, Senden, Roggenburg, Weißenhorn, Elchingen, Nersingen, Pfaffenhofen und Holzheim. 105 Ärzte sind dort tätig, in der Bedarfsplanung gerechnet wird mit 95,5. Sie sind für rund 144.200 Einwohner zuständig. Unter dem Strich liegt der Versorgungsgrad laut KVB bei knapp 107 Prozent – was wie im Bereich Illertissen eine Überversorgung bedeutet. Auf dem Papier ist die ärztliche Versorgung im Bereich Illertissen also etwas besser, obwohl im Norden viel mehr Hausärzte zur Verfügung stehen.

Im Bereich Neu-Ulm praktizieren etwas mehr Frauen als Männer. Das Durchschnittsalter liegt bei 55,9 Jahren. 42 Hausärzte sind Ü60. Die Sitze konzentrieren sich auf die Kreisstadt: 51 Hausärzte – rund die Hälfte – haben in Neu-Ulm ihre Niederlassung oder sind dort beschäftigt.

Fachärzte: Bei der allgemeinen fachärztlichen Versorgung gibt es eine Bedarfsplanung für den gesamten Landkreis Neu-Ulm. Denn: Je spezifischer das Fachgebiet der Ärzte, desto größer das Einzugsgebiet. Der Versorgungsgrad ist wie folgt angegeben (gerundete Zahlen):

  • Augenärzte: 111 Prozent
  • Chirurgen und Orthopäden: 126 Prozent
  • Frauenärzte: 109 Prozent
  • Hautärzte: 119 Prozent
  • HNO-Ärzte: 104 Prozent
  • Kinder- und Jugendärzte: 111 Prozent
  • Nervenärzte: 86 Prozent
  • Psychotherapeuten: 109 Prozent
  • Urologen: 118 Prozent

Es sind also aktuell genügend allgemeine Fachärzte vorhanden, abgesehen von der Gruppe der Nervenärzte.

Noch größere Planungsbereiche gibt es für die spezialisierte fachärztliche Versorgung (etwa durch Anästhesisten und Radiologen) und die gesonderte fachärztliche Versorgung (etwa durch Neurochirurgen und Pathologen). Auch hierbei ist das Angebot ausreichend.

„Neue“ Generation der Ärzte arbeitet häufiger in Teilzeit

Blick in die Zukunft: Auch wenn die Versorgung im Kreis Neu-Ulm laut Atlas aktuell gut aufgestellt ist: Der Blick auf die Altersstruktur macht deutlich, dass sich ein Problem anbahnt. Etliche Ärzte erreichen in den kommenden Jahren das Rentenalter. Gleichzeitig tun sich gerade niedergelassene Hausärzte auf dem Land schwer, Nachfolger zu finden. Doch nicht nur sie: „Aktuell mangelt es nicht nur im Bereich der niedergelassenen Haus- und Fachärzte an ärztlichem Nachwuchs, sondern im gesamten Gesundheitssektor“, sagt Dr. Axel Heise, stellvertretender Pressesprecher der KVB. „Daher ist eine Erhöhung der Studienplätze für Humanmedizin, wie aktuell an der Uni Augsburg, unbedingt notwendig, wenn man weiterhin eine hochwertige medizinische Versorgung im Freistaat gewährleisten möchte.“

Aber nicht nur das steigende Durchschnittsalter ist ein Trend. Die Einstellung zum Beruf wandelt sich, die viel zitierte Work-Life-Balance wird wichtiger. So arbeitet die „neue Generation“ an Medizinern laut Axel Heise häufiger angestellt und in Teilzeit. Für das Arbeitsvolumen, das früher ein Arzt geleistet hat, seien künftig gegebenenfalls zwei Ärzte in Teilzeit erforderlich.

Landärzte tun sich häufig schwer, Nachfolger zu finden.
Bild: Ulrich Wagner

Wie kann diesen Tendenzen Rechnung getragen werden? „Die Ärzte brauchen vom Gesetzgeber Planungssicherheit und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen, was ihre Tätigkeit in der Praxis angeht“, erläutert Heise. „Und die Kommunen sind gefordert, bei der Suche geeigneter Praxisräume zu unterstützen.“

Die KVB beobachtet die Entwicklungen nach eigenen Angaben genau. Deshalb wird im Versorgungsatlas auch die Altersverteilung im jeweiligen Planungsgebiet abgebildet. „Dies gibt dem von der KVB unabhängigen Landesausschuss aus Krankenkassen und Ärzten die Möglichkeit, frühzeitig zusätzliche Niederlassungsmöglichkeiten auszuweisen, wenn absehbar ist, dass sich zunehmend Ärzte dem Ruhestandsalter nähern“, sagt Heise.

Auch finanzielle Anreize sind möglich

Die KVB nutze verschiedene Möglichkeiten, um Ärzte – auch angehende – für Regionen mit offenen Zulassungsmöglichkeiten zu interessieren, so der Pressesprecher. Im Rahmen einer Niederlassungsberatung mache sie auf die Situation in ländlichen Gebieten aufmerksam. Es gebe auch finanzielle Anreize, die bei drohender Unterversorgung eines Gebiets angeboten werden können, zum Beispiel Zuschüsse für die Errichtung einer Zweigpraxis, zur Beschäftigung eines angestellten Arztes oder Psychotherapeuten sowie zur Praxisfortführung über das 63. Lebensjahr hinaus. „Zudem bieten wir mit unserem Programm Famuland Stipendien für junge Medizinstudenten an“, sagt Heise.

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