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Illertissen

26.06.2020

Trotz Lockerungen: Dauertief für Hochzeitsbranche in der Region

Das Ja ist gerade eher ein Nein: Wegen der Hygiene-Vorschriften schrecken viele Paare derzeit vor großen Feierlichkeiten zurück. Die Dienstleister der Hochzeitsbranche trifft das schwer.
Bild: Jascha Pansch, JAP-Fotografie

Plus Feiern dürfen wieder stattfinden, doch die Vorsicht bei den Brautpaaren ist groß. Nur umfassendere Lockerungen könnten die Saison für die Dienstleister noch retten.

Tanzen in zweieinhalb Metern Abstand, die Maske über dem schwitzenden Gesicht, Fotos von rauschenden Kleidern und verdeckten Gesichtern: So konnte bei Hochzeiten keine Romantik aufkommen. Viele Paare sahen das ähnlich. Das spüren die Dienstleister der Branche. Ein kleiner Lichtblick sind die Lockerungen, die am späten Freitagnachmittag in München bekannt gegeben wurden. Doch von diesen Änderungen ahnten die Betroffenen noch nichts, als sie mit unserer Redaktion über die Probleme der Branche sprachen.

Das Ehepaar Motz setzt sich seit Beginn der Pandemie für die Branche ein

Alexander und Judith Motz betreiben den Dekorationsservice „Happy Deko“ in Balzheim. Das Paar bemühte sich seit Beginn der Corona-Pandemie um mehr Gehör für die Veranstaltungsbranche. Diese ist vielfältig: Neben Dekoservices seien auch Hochzeitsbäcker, Sänger, Stylisten, Techniker, Fotografen und die Betreiber von Sälen in der gleichen Lage. „Wir waren als einer der Ersten betroffen und werden es am längsten sein“, sagt Alexander Motz. Denn selbst wenn Hochzeiten der Gesetzeslage nach mit 50 Gästen drinnen wieder erlaubt sind – feiern wollen die wenigsten Brautpaare.

Aufseiten der Dienstleister herrscht dafür vollstes Verständnis. „Viele hoffen auf umfassendere Lockerungen“, sagt Judith Motz. Vor ihr auf dem Tisch liegen neue Fotobücher. Moderne Hochzeiten in Rot-Schwarz, blumig leichte Dekoration oder pompöse Zusammenstellungen in knalligen Farben: für jedes Paar die individuelle Hochzeit. Die beiden Balzheimer lieben ihren Beruf. „Wir hätten ein tolles Jahr gehabt“, sagt Judith Motz. „25 Jahre Happy Deko – und jetzt?“

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Hier lesen Sie, wie es den Dienstleistern während der Hochphase der Corona bedingten Schließungen ging: Hochzeitsbranche in Existenznot: "Noch sind wir da, aber wie lange?"

Viele Brautpaare warten ab, ob es weitere Lockerungen gibt

Mit Ach und Krach habe das Paar einen Kredit bekommen, mit dem sie sich über Wasser halten können. Etwa 85 Prozent Stornierungen seien hereingeflattert, sagt Alexander Motz. Für manche Hochzeiten stehe eine endgültige Entscheidung aus, viele Paare warteten ab, ob es weitere Lockerungen gibt. Die Feiern, die stattfinden, seien radikal reduziert, also von 200 Leuten etwa auf 30 bis 50. Judith Motz sagt: „Auch manchen Brautleuten geht es finanziell nicht gut und sie wollen kein Risiko eingehen.“ Deshalb verlangten sie bei „Happy Deko“ auch keine Stornierungsgebühren. Judith Motz sagt: „Wir wollen kein Geschäft machen, sondern nur überleben.“ Dieses Jahr ist aus ihrer Sicht jedoch bereits gelaufen. Vor allem, wenn die Einschränkungen in der jetzigen Form weiter bestünden.

Die beiden sind enttäuscht von der Politik. Es werde nicht gezielt auf die Branchen eingegangen, die durch die Corona-Krise besonders hart getroffen wurden. Beklage man sich, werde man auf die Beantragung von Arbeitslosengeld verwiesen. Bekannte von ihnen, auch aus der Hochzeitsbranche, hätten diesen Schritt bereits gehen müssen. Das Ehepaar Motz sieht eine Art Kurzarbeitergeld für Selbstständige als Möglichkeit, die vielen Betriebe zu retten.

Auch Hochzeitsfotografen sind in einer schwierigen Lage

Hochzeitsfotograf Jascha Pansch sieht die Situation ähnlich. Er blättert durch seinen Terminkalender: „Abgesagt, abgesagt, abgesagt“, kommentiert er die Einträge. „Ah, der hier findet noch statt.“ Sechs Feiern stehen noch aus. Er hat einige wenige standesamtliche Hochzeiten fotografiert, die eigentlich als Ganztagesreportage geplant gewesen waren. Seine Frau Alexandra Pansch ist Hochzeitssängerin und überbrückt die Zeit als sogenanntes singendes Telegramm. Zusammen mit einigen kleinen Foto-Jobs von Jascha Pansch kann sich die junge Familie gerade so durchbringen. Auch bei ihnen brechen etwa 80 Prozent des Umsatzes weg.

Vor zwei Jahren haben die Panschs in Biberach bei Roggenburg ein Haus gebaut, dass sie noch abbezahlen. Zum Glück hätten sie eine Stundung mit der Bank vereinbaren können. Jascha Pansch sagt: „Das hat uns gerettet. “

Viele Brautpaare sind jetzt kompromissbereit, was den Tag der Hochzeit angeht

Auch bei Betreibern von Hochzeitslocations ist die Lage angespannt. Steffen Stichler ist der Pächter des Hotels am Schloss in Illertissen. Im Jahr finden dort im Hochzeitszelt draußen bis zu 25 Hochzeiten statt. 160 Gäste passen in das Zelt, jetzt dürfen es nur 50 sein. Viele der Brautpaare, die das Zelt gebucht hätten, säßen auf Kohlen. „Viele wollen nur feiern, wenn es bald Lockerungen gibt“, sagt Stichler. Für ihn seien die kleinen Hochzeiten kein wirklicher Ersatz für den Normalbetrieb. Wirtschaftlich seien sie nicht, denn der Aufwand bliebe der gleiche.

In diesem Jahr stehen beim Hotel am Schloss noch acht Hochzeiten an. Positiv sieht Stichler die Kompromissbereitschaft der Brautleute. Obwohl Samstag der bevorzugte Tag zum Heiraten sei, hätten viele ihre Feiern auch auf Freitage und Sonntage verschoben. „Wir lassen den Paaren die freie Wahl“, sagt Stichler. Gebühren verlange er bei einem Verschieben der Hochzeit nicht, das gute Verhältnis zu den Brautleuten sei ihm sehr wichtig.

Lesen Sie hier mehr über die wirtschaftliche Lage lokaler Unternehmer:

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