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Nordholz / Vöhringen

28.06.2020

Über einen Nordholzer, der Kaiser Franz-Joseph frisierte

Die Brüder Georg Daiber und Andreas Daiber haben um die Jahrhundertwende Karriere als Frisör gemacht – und dabei auch Monarchen und anderen Promis die Haare geschnitten.

Plus Ende des 19. Jahrhunderts machen zwei Brüder aus der Region Karriere als Friseure. Der eine in München, der andere in Wien. Und ein Neffe der beiden wird als Rennfahrer bekannt.

Was wohl die Gesprächsthemen gewesen waren? Zum Diskutieren müsste es schließlich genug Stoff gegeben haben in jenen Jahren des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs um die vorletzte Jahrhundertwende. Die Industrialisierung hatte schon längst Fahrt aufgenommen, in Berlin regierte ein Kaiser, der für das Deutsche Reich einen „Platz an der Sonne“ beanspruchte.

Allein, diese Lokation sollte nicht allzu lange bewohnt bleiben; Deutschland verbrannte und mit ihm all die großen und kleinen Monarchen mit. Doch daran dachte noch keiner in den Zentren der Macht, dem München der Prinzregentenzeit und am Habsburger Kaiserhof zu Wien. Der Adel feierte, das Bürgertum erfreute sich des neu errungenen Wohlstandes, die Künstler hatten zahlreiche Aufträge und alle mussten einmal... zum Friseur. „Wir kennen keinen Unterschied, die Menschen haben alle Haare und die müssen geschnitten werden“, resümierte Jahrzehnte später Andreas Daiber in einem Interview.

50 Pfennig für einen Haarschnitt

Der 1870 geborene Daiber entstammt einer Bauern- und Wirtsfamilie aus Nordholz. Mit 19 Jahren kam der gelernte Friseur nach München um zunächst umgehend gemustert und zum Militär eingezogen zu werden. Doch schon 2 Jahre später stand er wieder im Geschäft in der Luisenstraße, welches er später selbst erwerben sollte. Franz von Lenbach, Paul Heyse, viele Chinesen und Japaner wären bei ihm vorbeigekommen, erzählte Daiber im Nachhinein. Und natürlich der Prinzregent Luitpold. Die Lage des Salons nahe den Galerien und Akademien der Maxvorstadt brachte renommierte Kundschaft. 50 Pfennig habe ein Haarschnitt damals gekostet, Rasieren die Hälfte erzählte Daiber damals.

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Der herrschaftliche Figaro übte seine Tätigkeit bis ins hohe Alter aus. Mit 93 Jahren starb der gebürtige Nordholzer in München. Der Bruder Georg sollte es dem vier Jahre älteren Andreas gleichtun: Auch ihn zog es über die Hügel des Bibertals hinaus. Sein Ziel lautete jedoch Wien, die Kaiserresidenz des österreichisch-ungarischen Vielvölkerstaates, Hauptstadt des österreichischen Landesteils und Kunst- und Kulturmetropole schlechthin.

Wie sein heute in Vöhringen lebender Großneffe Walter Nothelfer berichtet, hatte Georg ebenfalls das Friseurhandwerk erlernt. Was der Bruder kann, kann ich auch, mag er sich vielleicht gedacht haben, denn in Wien etabliert, gehörte zu seiner Kundschaft niemand geringerer als der Kaiser Franz-Joseph. Vielleicht war es gerade Daiber, der dem greisen Monarchen seinen charakteristischen Backenbart stutzte und pflegte.

Rennfahrerkarriere endet tragisch

Grundlegend andere Fertigkeiten entwickelte der Neffe der beiden Brüder. Der 1903 in Vöhringen geborene Josef hat sich zeitlebens schon für Autos und Motoren interessiert. Nach der Lehre bei Magirus in Ulm wurde er zu den Röhr-Automobilwerken ins hessische Ober-Ramstadt versetzt, wo er fortan die fabrikneuen Boliden testen durfte. Zahlreiche Rennen im In- und Ausland bewiesen die Fahrkünste des jungen Daiber. Bei Alpenrundfahrten und Winterrennen war der Vöhringer oft auf den vorderen Plätzen zu sehen. Tragisch endete jedoch eine Testfahrt für den begeisterten Automobilisten. Durch einen Luftzug war die Fahrertür seines Wagens aufgegangen. Diese wollte Daiber wieder mit dem Fuß schließen, geriet mit dem Bein zwischen Tür und Karosserie und prallte im selben Moment gegen einen Baum. Josef Daiber starb kurz darauf im Krankenhaus.

Heute gibt es in Nordholz keine Nachfahren der Familie mehr. Die Landwirtschaft wurde später zu einer Gaststätte, allein rührigen Aufzeichnungen ist es zu verdanken, dass diese Geschichten nicht in Vergessenheit geraten, wenn sie auch nichts über die Gespräche zwischen Barbier und Kaiser verraten...

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