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Gericht

11.01.2020

Uhrenhändler-Prozess: Neue „Beweise“ in letzter Minute

Eigentlich sollte am Freitag das Urteil fallen. Doch die Verteidigerin präsentiert ein Dokument, das ihr anonym zugespielt wurde. Es soll den Angeklagten entlasten

Seit September zieht sich der Prozess um den Raubüberfall auf einen Vöhringer Uhrenhändler bereits in die Länge. Verhandelt wird er am Memminger Landgericht. Ein Urteil war immer wieder in Sicht. So sollte die Sitzung am Freitag die letzte sein. Doch die Verteidigerin legte zur Überraschung der Prozessbeobachter ein neues Beweisstück vor, das den einzig verbliebenen Angeklagten entlasten soll. Von wem sie dieses brisante Dokument erhalten hatte, weiß sie allerdings nicht. Wohl ein Bote hatte den USB-Stick bei ihrer Kanzlei eingeworfen.

Zur Vorgeschichte: Vor etwa sechs Jahren wurde ein Mann, der über das Internet teure Markenuhren verkauft, in seinem Haus in Illerberg überfallen. Die Täter sollen nachts in sein Haus eingedrungen sein, den Händler und dessen Frau mit einer Waffe bedroht, sie gefesselt und wertvolle Uhren, Mobiltelefone und Bargeld in Höhe von rund 700000 Euro erbeutet haben. Durch den Tipp eines angeblichen Mitwissers gerieten fünf Männer in Verdacht. Im September des vergangenen Jahres begann der Prozess gegen sie. Vier der Beschuldigten wurden Mitte Oktober freigesprochen, weil die Anklage ihnen keine Beteiligung an der Tat nachweisen konnte. Der Hauptzeuge hatte vor Gericht die Aussage verweigert – aus Angst, sich damit selbst zu belasten. Nun legte die Anwältin des letzten Angeklagten einen neunseitigen Brief vor, der ihrer Ansicht nach beweist, dass auch ihr Mandant unschuldig sei. In ihren Erläuterungen hörten Staatsanwalt und Richter eine neue Version der Ereignisse. Das von einem Notar in der Türkei verfasste und von dem Angeklagten unterschriebene Geständnis sei frei erfunden, so die Anwältin.

Der 37-jährige Beschuldigte, der zur Tatzeit in Deutschland gelebt hatte, sei in der Türkei von einem angeblichen Anwalt kontaktiert worden. Der hatte ihm bei einem Treffen in Istanbul erzählt, dass er mit einem falschen Geständnis seine Freunde und Bekannten, die in Deutschland unschuldig im Gefängnis sitzen, befreien könnte, berichtete der Angeklagte vor dem Memminger Landgericht. Ihm selbst könne nichts passieren, da er sich ja nicht in Deutschland aufhalte. So habe es ihm der angebliche Anwalt erklärt. „Ich kenne meinen Kumpel, da war ich mir sicher: Der macht so was nicht“, so der Beschuldigte. Also unterschrieb er das falsche Geständnis, um seinem Freund und den drei anderen zu helfen. Während eines Aufenthalts in der Ukraine wurde der 37-Jährige dann aber doch festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert.

Das Dokument, das die Anwältin aus einer anonymen Quelle auf einem USB-Stick zugestellt bekommen hatte, enthält das von einem bislang unbekannten Autoren handschriftlich vorformulierte und eingescannte Geständnis. Basierend darauf habe er mit dem angeblichen Anwalt und einem Notar sein Geständnis am PC verschriftlicht, so erzählte es der Beschuldigte. Er habe außerdem noch persönliche Informationen hinzugefügt: „Das sollte ich machen, damit es glaubhafter wirkt, hat der Anwalt gesagt.“ Die Verteidigerin hat nun ein Gutachten beantragt, um zu beweisen, dass dieses handschriftliche, vorformulierte Geständnis nicht von dem Angeklagten selbst verfasst worden war. Nach ihrer Darstellung stammt es von einem Dritten, der dem Angeklagten so Täterwissen zukommen ließ, damit er ein glaubhaft klingendes Geständnis ablegen konnte.

Der zuständige Staatsanwalt Thomas Hörmann wollte am Prozesstag keine Angaben mehr dazu machen, wie die Anklage mit diesem neuen Beweisstück umgeht. Auch Richter und Schöffen ließen sich nichts anmerken, wie sie zu dem Dokument stehen. Der Vorsitzende Richter Christian Liebhart unterbrach die Verhandlung. Sie soll am Freitag, 24. Januar, fortgesetzt werden.

Beweisstücke, die plötzlich bei der Anwältin im Briefkasten landen, unerwartete Freisprüche: Dieser Prozess ist kein gewöhnlicher. Zu den kuriosen Aspekten gehört auch, dass der Angeklagte im Sommer vergangenen Jahres aus seiner Untersuchungshaft im Memminger Gefängnis fliehen konnte. Bereits einen Tag später wurde er jedoch wieder festgenommen. Dass der Prozess sich so in die Länge zieht, liegt auch daran, dass viele der Zeugen, die zu Beginn verhört wurden, aus Hessen anreisen mussten. Manche waren dann einfach nicht vor Gericht erschienen.

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