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Ulm

14.11.2017

Ulmer Händler sehen schwarz

Die Benetton-Filiale in der Bahnhofstraße schließt. Der Inhaber gibt nach eigenen Angaben den Standort auf, weil die Situation durch viele Ladendiebstähle, Drogenabhängige und pöbelnde Alkoholiker zunehmend die Stammkundschaft vertreibe. Künftig ist Benetton nur noch in der Pfauengasse zu finden.
Bild: Alexander Kaya

Im Zuge der Klagen über Drogenhandel und Kriminalität zieht ein erster Laden aus der Bahnhofstraße weg. In welcher Kategorie die Stadt zudem als „gefährlich“ eingestuft ist.

Den derzeit im Fadenkreuz der Kritik stehenden Zuständen auf Ulms Einkaufsmeile lässt ein erster Händler jetzt Taten folgen: Die Benetton-Filiale gegenüber Sport-Sohn schließt aufgrund des alkohol- und drogennahen Milieus, das sich seit Beginn der Großbaustelle am Hauptbahnhof nun vermehrt auf der Bahnhofstraße trifft. Wie der Inhaber der Filiale der italienischen Textil-Kette, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, beklagt, vergehe kaum ein Tag, ohne dass fragwürdige Passanten sich ohne bezahlen vom Kleiderständer vor der Tür bedienen würden.

Regelmäßig würden zudem „völlig zugedröhnte“ oder „völlig besoffene“ Menschen im Geschäft stehen und rumpöbeln. „Mein Personal hat Angst.“ Nicht nur während, sondern auch nach Ladenschluss: Mit Einbruch der Dunkelheit würden sich „große Gruppen“ junge Männer mit Migrationshintergrund im Bereich des Deutschhaus-Parkhauses treffen und eine gewisse Aggressivität ausstrahlen. Auf Wunsch des Personals seien deswegen die Öffnungszeiten bereits um eine Stunde verkürzt worden. Die Bahnhofstraße habe derzeit ein „Riesenproblem“, so der Benetton-Händler, der seine Filiale in die Pfauengasse verlegt. Dort gebe es derartige Probleme nicht.

Wie ein Heilsversprechen auf eine bessere Zeit wirkt ein meterlanges Banner, das vor der Sedelhöfe-Großbaustelle gegenüber der „Wir schließen“-Fahne von Benetton hängt: „Mehr Stadt. Mehr Zukunft. Mehr Ulm“, ist darauf zu lesen. Auf eine bessere Zukunft setzt notgedrungen der Apotheker Alfred Rohmer, der die „Neue Apotheke“ direkt gegenüber der Sitzrondelle betreibt, auf dem sich, wie berichtet, die Drogendealer treffen sollen. „Die Zeit wird’s richten“, sagt Rohmer. Denn wenn die Baustellen am Bahnhof beendet und die Sedelhöfe fertiggestellt sind, werde sich das problematische Klientel wieder an anderen Orten treffen, so seine Hoffnung.

Bis dahin hat Michael Cottingham, der gegenüber bei Adam & Eves arbeitet, alle Hände voll zu tun, seine Salatbar für die Kundschaft erreichbar zu halten. Denn die Treppen vor der „Ulmer Diagonale“ seien ebenso ein beliebter Treffpunkt entwurzelter Menschen wie die Sitzrondelle. Oft im Vollrausch würden sich hier fragwürdige Gestalten niederlassen. Den Zorn dieses Klientels will sich Cottingham nicht zuziehen. Mit „freundlichem Ton“ bitte er deswegen Junkies und Alkoholiker sich einen anderen Sitzplatz zu suchen. Meist mit Erfolg. Der Umsatz in Adam & Eves sei konstant. Doch Cottingham, der seit einem Jahr in der Bahnhofstraße arbeitet, vermutet schon, dass die Einnahmen bei einer friedlicheren Atmosphäre in der Bahnhofstraße besser wären.

Einig sind sich die Händler in diesem Teil der Fußgängerzone, dass es seit dem Bau des McDonald’s-Containers vor vier Jahren mit der oberen Bahnhofstraße bergab gehe. „Klar, der Container wirkt wie eine Blockade“, sagt Henning Krone, der Ulmer Citymanager. Doch mit der Eröffnung der Sedelhöfe in zwei Jahren habe sich das Thema erledigt. Bis dahin müsse die Parole laute: durchhalten.

Den Klagen zahlreicher Händler der Ulmer Innenstadt über eine offene Drogenszene und vermehrte Gewaltdelikte will die Stadtverwaltung wie berichtet mit mehr Kontrollen begegnen. „Wir sind ab sofort verstärkt mit dem kommunalen Ordnungsdienst unterwegs“, sagt Rainer Türke, der Leiter des Ulmer Ordnungsamtes.

In Zusammenarbeit mit der Polizei und der Ulmer City-Werbegemeinschaft werde derzeit geprüft, ob unter Umständen zusätzlich ein privater Sicherheitsdienstleister engagiert werde. Das Ziel: eine abschreckende Wirkung durch eine dauerhafte Präsenz von uniformierten Kräften. Mehrere Anlieger der Fußgängerzone wie Benetton, Sport-Sohn oder auch der Textilfilialist Peek & Cloppenburg klagen über exorbitant gestiegene Fälle von Ladendiebstählen. Ein Anstieg, der sich aus der Statistik der Ulmer Polizei allerdings nicht herauslesen lässt: Die Anzahl der erfassten Ladendiebstahlsdelikte liegt nach Angaben des Präsidiums im Zehnjahresvergleich gleichbleibend bei rund 1000 Delikten im Jahr. Die Aufklärungsquote habe ebenfalls geringe Schwankungen. Sie liegt laut Polizei zwischen 92,6 und 96,9 Prozent. Demnach wurden im vergangenen Jahr in Ulm bei 1087 erfassten Ladendiebstählen Waren im Wert von über 172000 Euro gestohlen. Wie allerdings der Deutsche Handelsverband anmerkt, haben solche Zahlen nur wenig mit der Realität zu tun. Der Verband schätzt, dass die Dunkelziffer bei Ladendiebstählen bei mindestens 98 Prozent liegt. Das heißt: Nur zwei von 100 Diebstählen werden angezeigt, der Rest erst bei der Inventur bemerkt.

Wie jüngst das Restposten-Portal shopping.de analysierte, sind Passanten in Ulm überdurchschnittlich im Fadenkreuz von Kriminellen. Anhand von 152 Taschendiebstählen pro 100000 Einwohner wird Ulm als „gefährlich“ eingestuft. „Gefährlich“ ist allerdings relativ: In Düsseldorf, dem Spitzenreiter, sind es satte 1314 Taschendiebstähle je 100000 Einwohner.

„Wir sind im Grunde ein verwöhnter Standort“, sagt Citymanager Krone. Trotz allen zu Recht angeprangerten Missständen, sei die Ulmer Innenstadt sicher. Doch Ulm müsse aufpassen, dass die Stadt nicht abrutsche. „Aber es passiert was“, sagt Krone im Hinblick auf ein absehbares Ende der Baustellen und die versprochenen vermehrten Kontrollen.

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