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29.01.2011

Ulmer Rabbiner steht Rede und Antwort

Ulmer Rabbiner steht Rede und Antwort
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Gastgeber Franz Snehotta, Rabbiner Shneur Trebnik und Geschichtslehrerin Luise Keck (von links).

Weißenhorn "Warum tragen die Männer bei den Juden solche Mützen?", "Darf man einfach in eine Synagoge? " oder "Wie ahnden Sie es, wenn sich jüdisch Gläubige nicht regelkonform verhalten?" Diese und ähnliche Fragen stellten fast fünfzig Weißenhorner dem Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik.

"So war das auch gedacht", erklärt Franz Snehotta von "Pax Christi", der gemeinsam mit der Stadtbücherei, dem Frauenbund und dem Weißenhorner Museumsverein seit mehr als 15 Jahren stets am 27. Januar eine Veranstaltung organisiert. An genau diesem Tag wurde vor 66 Jahren das Konzentrationslager Auschwitz von der Roten Armee befreit. 1996 wurde dieser Tag von Bundespräsident Herzog aus diesem Grund zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus erklärt. "Wir wollen nicht nur die Erinnerung wachhalten, sondern wir sehen diesen Tag als Motivation zur Politik", erklärt Snehotta. Bisher griffen die Organisatoren verschiedenste Themen zu diesem Anlass auf. Ob Theater, Musik oder Vorträge, die Veranstaltungen waren, wie die am vergangenen Donnerstagabend auch, stets gut besucht. Einen Rabbiner hatten die Weißenhorner bislang allerdings noch nicht zu Gast im Christophorushaus.

Die Ulmer Geschichtslehrerin Luise Keck referierte zum Einstand über die Geschichte der Juden in Ulm. Bereits dreimal schon wurden diese aus der Münsterstadt "verjagt", erzählte sie. Während in den Jahren 1348/49 die Juden für die Pest verantwortlich gemacht wurden, vertrieb man sie 1499 allein wegen ihrer Güter aus Ulm. Erst 1806 kamen die Juden dann wieder in die Stadt, um dann von 1933 an wieder erneut grausam aus Ulm vertrieben zu werden.

Im Jahr 2000 war der Rabbiner mit seiner Frau und einem Baby direkt aus Israel in die Münsterstadt gekommen, mit dem Ziel, die jüdische Gemeinde in Ulm wiederzubeleben.

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Seit 2002 hat die Gemeinde, die ein Teil der jüdischen Gemeinde Württemberg mit Sitz in Stuttgart ist, eine eigene Räumlichkeit für ihre Religion. Derzeit betreut Rabbiner Trebnik 450 Mitglieder und plant seit geraumer Zeit schon den Bau einer Synagoge auf dem Ulmer Weinhof, wo früher schon eine Synagoge stand. "Im März soll nun endlich der Spatenstich sein und im September 2012 die Einweihung", freute sich der Rabbiner.

"Wenn Sie mich fragen, was ist die jüdische Religion, dann gibt es nur einen Satz, der das erklärt, nämlich: Liebe Deinen Nächsten"; eröffnet Rabbiner Trebnik seine Gesprächsrunde.

"Woher kommen denn die Juden in Ulm?", wollte ein Besucher wissen. 95 Prozent der Ulmer Juden kommen aus Osteuropa, wie der Rabbi erklärte.

Auf die Frage der Integration dieser Menschen sagte der Rabbiner, dass nur ein Teil der zugewanderten osteuropäischen Juden sich bisher integriert hat.

"Lernen denn die Schüler im Unterricht Hebräisch und ist der Gottesdienst auf Hebräisch?", wollte eine Besucherin von Trebnik wissen. "Ein Teil des Unterrichts wird in Hebräisch gelehrt, allerdings ist es nicht Kern unserer Religion, Hebräisch zu lehren. Der Gottesdienst aber wird natürlich in Hebräisch mit deutscher Übersetzung abgehalten", erklärte er.

Natürlich hatten die Gäste auch Fragen zur jüdischen Lebensweise mitgebracht.

"Wie läuft denn eigentlich der Sabbat bei Ihnen ab?", fragte ein Anwesender. "Stellen Sie sich vor, Sie schalten für einen Tag das Handy, den Fernseher, das Telefon, den Computer und dergleichen ab und kümmern sich nur um die Familie. Das ist Sabbat, ein Familientag eben", beschrieb der Rabbiner diesen Tag.

"Wie bekommen Sie denn das Koscher-Essen?", war eine weitere Frage. Rabbi Trebnik bedauerte, dass es in Ulm nicht ganz einfach ist, dieses zu bekommen. Das nächste Geschäft, das koschere Lebensmittel vertreibt, sei in Stuttgart. "Monatlich fahren wir aber nach Frankreich, um einzukaufen", erzählte der Rabbi. "In die Ulmer Synagoge ist auf jeden Fall angedacht, einen Lebensmittelmarkt einzurichten, der koscheres Essen verkauft."

Für die Weißenhornerin Gerlinde Keck war die Veranstaltung eine sehr interessante Art, die jüdischen Gedanken kennenzulernen. "Mich interessiert der Glaube der Juden und auch das Schicksal dieser Menschen, die so viel unsägliches Leid erfahren mussten", fasste sie zusammen. Auch Johanna Gürster befasst sich schon lange mit dem Glauben der Juden. "Diese Veranstaltung war für mich eine Bestätigung über das, was ich schon gewusst habe", erklärte sie, "aus erster jüdischer Hand sozusagen."

Auch ein "Aha"-Erlebnis hatte die Besucherin. "Ich habe nicht gedacht, dass jüdische Frauen heutzutage immer noch eine Perücke tragen, ich dachte, das hat sich mit der modernen Zeit erübrigt", staunte sie.

Auch für den Rabbiner selbst, der immer wieder diese Art von Veranstaltungen besucht, war der Abend ein "schönes und sehr fröhliches Erlebnis".

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