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03.07.2010

Und dann geht dieser blöde Berg nicht

Neu-Ulm/Kathmandu Irgendwann wechselt die Farbe der Nagelbetten von rosa zu blass. Untrügliches Zeichen von Sauerstoffmangel bei langem Aufenthalt in großen Höhen. Dr. Jürgen Greher und Helga Söll von der Sektion Neu-Ulm des Deutschen Alpenvereins (DAV) haben bei ihrer Expedition zum Makalu mehr als einen Monat auf 5600 Metern und mehr verbracht. Den Gipfel haben sie anders als bei den Besteigungen des Nanga Parbat und des Dhaulagiri in den vergangenen Jahren diesmal nicht erreicht. Aber der Kinderarzt aus Pfuhl und seine Frau sind abgesehen von fahlen Fingernägeln gesund zurückgekommen und das ist bei einer Expedition zu einem Achttausender keine Selbstverständlichkeit.

Auch während das Pfuhler Ehepaar den Berg belagerte, forderte der Makalu seine Opfer. Ein Schweizer erfror sich die Finger, eine Britin musste mit einem Hirnödem nach unten transportiert werden und ein Grieche blieb verschollen. Verschollen, das heißt an einem der Weltberge: tot. "Man weiß natürlich, dass es gefährlich ist", sagt Greher: "Wenn man Pech hat, dann kann es einen erwischen." Die beiden Alpinisten aus Pfuhl sind bestens trainiert, sie achten am Berg aufeinander, unterstützen sich und registrieren jede Veränderung im Verhalten des Partners, die Indiz für eine Höhenkrankheit sein könnte. Trotzdem bleibt ein unkalkulierbares Restrisiko. "Eine Lawine ist beispielsweise wie ein Autounfall", vergleicht Helga Söll.

Ein Gipfelerfolg an einem Achttausender lässt sich nicht planen oder gar garantieren. Schon Anfang Mai waren Greher und Söll auf 7000 Metern Höhe, ehe Sturmböen von bis zu 140 Stundenkilometern und schließlich auch Schneefall sie wieder zurück ins Basislager trieben. Tagelanges Warten auf bessere Verhältnisse, der Kampf gegen die großen Probleme und kleinen Problemchen in einem Zeltlager, in das jedes einzelne Reiskorn auf tagelangen Märschen auf den Rücken der einheimischen Träger transportiert wurde. Der Proviant wurde knapp und das Toilettenpapier noch knapper. Mit in schmale Bahnen zersägten Rollen von Küchenpapier ließ sich wenigstens dieser Notstand beheben vor dem zweiten und definitiv letzten Gipfelversuch.

Erneuter Aufstieg am 13. Mai, natürlich wie immer ohne künstlichen Sauerstoff, und diesmal kommen Greher und Söll mit ihrer Gruppe bis auf 7400 Meter. "Und dann hat es uns einfach weggeweht", schildert der Pfuhler und seine Frau und Seilkameradin ergänzt: "Selbst wenn wir dort oben ein Zelt hätten aufstellen können, dann hätte es uns der Sturm in der Nacht zerrissen." Also wieder zurück. Die letzte Chance, sie war definitiv dahin. Vier Tage Rückmarsch lagen noch vor den Alpinisten und ein eintägiger Flug in die Hauptstadt von Nepal. Den Flieger von Kathmandu zurück nach Deutschland am 24. Mai mussten sie einfach erwischen. Greher wurde schon am nächsten Tag wieder in seiner Praxis in Blaubeuren erwartet, am 26. Mai hatte er Nachtdienst.

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Zeit, um sich zu verabschieden von der romantischen Legende, wonach der Weg letztlich das Ziel ist. "Der Gipfel ist das Ziel", stellt Helga Söll fest. Diesem Ziel hat sie schließlich monatelang alles untergeordnet. Die Ausrüstung ergänzt, die Träger engagiert und eisern trainiert, auch nach einem Kreuzband-riss im Januar. "Und dann geht dieser blöde Berg nicht."

Es war wahrscheinlich ein endgültiger Abschied vom Makalu. Zumindest im kommenden Jahr wollen Greher und Söll nicht zurück in den Himalaya. Der Gipfel bleibt deswegen für die Alpinisten aus der Sektion Neu-Ulm ein weißer Fleck, denn schon vor mehr als 20 Jahren war auch Sigi Hupfauer unterwegs an den Flanken des Makalu. Der hat zwar acht Achttausender bestiegen. Der fünfthöchste Berg der Welt aber hat auch ihn zurückgewiesen.

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