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Illertissen

14.01.2019

Verpackungs-Wahnsinn: Wie die Region gegen die Plastikflut kämpft

Viele Menschen in der Region holen sich mittags eine Mahlzeit ins Büro – zurück bleibt Verpackungsmüll. Nachhaltig ist das nicht, warnen Experten
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Viele Menschen in der Region holen sich mittags eine Mahlzeit ins Büro – zurück bleibt Verpackungsmüll. Nachhaltig ist das nicht, warnen Experten
Bild: Jens Carsten

Plus Viele Menschen in der Region kaufen Speisen zum Mitnehmen – zurück bleiben viele Tonnen Plastikmüll. Mit dem Verbot von Einweg-Geschirr könnte sich das ändern. Aber gibt es überhaupt Alternativen? Eine Spurensuche.

In der Mittagspause muss es schnell gehen, eine warme Mahlzeit zum Mitnehmen ist für viele die erste Wahl. Und das sieht vielerorts dann so aus: Das Schnitzel kommt in eine Plastikschale, das Ganze wird in Aluminiumfolie einschweißt, damit es warm bleibt – und dann in eine Plastiktüte gelegt, damit es der hungrige Kunde bequem ins Büro tragen kann. Viele Menschen in der Region machen davon täglich Gebrauch und erzeugen damit massenweise Müll aus Plastik, Pappe und Papier. Einer von ihnen ist der Illertisser Klimaschutzmanager Simon Ziegler, der sich, wie er zugibt, selbst „hin und wieder“ in der örtlichen Metzgerei mit Mitnahmespeisen eindeckt. Im Sinne der Müllvermeidung sei das kontraproduktiv.

Hygiene: Vorschriften müssen beachtet werden

Das Problem: „Man weiß, dass das schlecht ist, aber man weiß nicht genau, wie man es anders machen soll“, so Ziegler. Denn bei Speisen müssten Hygienevorschriften eingehalten werden. Und Alternativen zur Plastikverpackung seien bislang auf dem Markt nicht verbreitet. „Da könnte man sicher ansetzen“, sagt Ziegler. Immerhin werden bei der Produktion von Verpackungen wertvolle Rohstoffe verbraucht. Schon nach einer einzigen Verwendung landet das Geschirr im Mülleimer und die Abfälle müssen entsorgt werden. Das bedeutet: sammeln, transportieren, verbrennen. Dabei entsteht genauso wie bei der Herstellung das klimaschädliche Gas Kohlendioxid. Und zwar eine ganze Menge.

Gefahr: Mikroplastik kann in die Nahrungskette gelangen.
Bild: Wüstneck/dpa


Laut der Umweltschutzorganisation Nabu fielen im Jahr 2017 in Deutschland rund 350000 Tonnen Müll durch Einweggeschirr und To-Go-Verpackungen an. In Europa sollen es insgesamt 26 Millionen Tonnen sein. Mitunter landeten sie nicht im Müllkreislauf, durch achtloses Wegwerfen gleich in der Natur. Das ist nicht nur nicht schön, sondern wohl auch gefährlich: Experten warnten zuletzt verstärkt vor Mikroplastik. Denn Kunststoffe verrotten nicht, sondern sie zerfallen in Teilchen. Und die gelangen in die Nahrungskette und über Fische auf unsere Teller, heißt es. Was also tun? Ansätze gibt es. Zum Beispiel auf der großen Bühne der europäischen Politik. Per Verbot will die Europäische Union (EU) Einweg-Plastik eindämmen, auf der roten Liste stehen Trinkhalme, Wattestäbchen und Geschirr. Wie sich das konkret auf die Anbieter vor Ort auswirkt, ist noch unklar.

Bei einer Metzgerei in Illertissen setzt man auf Plastikverpackungen: Dutzende Speisen gehen jeden Tag zum Mitnehmen über die Theke, wie viele genau, dazu gibt es auf Nachfrage keine Auskunft. Auch nicht dazu, wie es mit Alternativen aussieht, ob das EU-Verbot ein Thema ist oder wie es danach mit den Verpackungen weitergeht. Offenbar ein unangenehmes Thema. „Es ist schwierig, eine Soße zu verpacken“, heißt es dazu noch kurz, dann wird das Gespräch beendet.

Es gibt Alternativen zum Plastik: Verpackungshändler Andreas Ritter aus Weißenhorn zeigt Geschirr aus Holz und Biokunststoffen. Noch ist das teurer als Plastik.
Bild: Alexander Kaya


Wie soll Einweg-Plastik vermindert werden: Geht es nach Klimaschutzmanager Ziegler , ist ein Umdenken gefragt. „Das muss von den Leuten kommen.“ Die EU könne allenfalls den Rahmen vorgeben. Auf Zieglers Schreibtisch landen regelmäßig Vorschläge dazu, wie sich der Umweltschutz in Illertissen verbessern lasse. Nicht immer sei die Stadt der richtige Ansprechpartner. Auch bei den Verpackungen. „Wir können die Verwendung von Plastik nicht verbieten“, sagt Ziegler. Was allerdings geht: Über Alternativen informieren, andere Lösungen ins Gespräch bringen. Die gibt es durchaus.

Aus PET-Flaschen wird R-PET

Das weiß Andreas Ritter, der in Weißenhorn einen Handel für Verpackungen betreibt. Ob Beutel, Tasche, Tüte, Schale, Folie, Karton, Sack oder Becher – hier ist vieles zu haben, und längst nicht nur aus Plastik. Die Suche nach Alternativen sei bei Herstellern und Händlern in vollem Gange, sagt Ritter. Es gebe einige Entwicklungen, etwa in Richtung R-PET. So heißt der recycelte Kunststoff, der aus PET-Plastikflaschen hergestellt wird – wie sie üblicherweise für Mineralwasser oder Säfte verwendet werden. Das Material ist allerdings für den Lebensmittelbereich noch nicht generell zugelassen. Will sagen: Deckel für Salatschüsseln gibt es beispielsweise schon aus R-PET, die Schüssel selbst noch nicht.

In Altenstadt sollen diese Stofftaschen das Plastik ersetzen.
Bild: Jochen Anders


Daneben gibt es Bio-Kunststoffe wie Polylactide (PLA). Hergestellt werden sie aus Maisstärke und Milchsäure. „Das ist im Kommen“, sagt Ritter. Das Material bestehe komplett aus pflanzlichen (also nachwachsenden) Stoffen und sei voll und ganz abbaubar. Und zudem geschmacksneutral. Auch aus Zuckerrohr und Palmblättern ließen sich Verpackungen machen, weiß Ritter. Beide Formen seien aber nicht so fest wie herkömmlicher Kunststoff. Messer, Gabeln und Löffel könnten zudem aus Holz gemacht werden, etwa Bambus.

Voll und ganz ersetzen ließen sich die klassischen Kunststoffe durch das alles noch nicht, sagt Ritter. Das neue Biomaterial sei nicht für alle Verwendungsarten robust genug. Aber es kostet mehr: Noch werde wenig produziert, was zu einem hohen Preis führe. „Ein Massenprodukte wäre günstiger“, sagt Ritter. Zudem müsse bei den Bio-Verpackungen nach der Ökobilanz gefragt werden: Zuckerrohr und Bambus stammten vorwiegend aus weit entfernten Ländern und hätten lange Transportwege zurückzulegen.

Experte sieht Plastiktüte zu Unrecht in Verruf

Zu unrecht in Verruf sieht Ritter die von mehreren Supermarktketten geächtete Plastiktragetasche. „Sie wird schlechter gemacht, als sie ist.“ Zum einen sei sie praktisch, weil sie „den Dreck draußen“ halte. Zum andere lasse sie sich daheim noch als Mülltüte verwenden, um danach verbrannt und somit thermisch verwertet zu werden, etwa in Form von Fernwärme. Diese Mehrfachnutzung gebe es bei Papiertüten häufig nicht, so Ritter. Zu deren Produktion sei auch mehr Energie nötig.

Trotz der neuen Verpackungsformen könnten Bäcker und Metzger mit ihren feuchten und fettigen Waren bisher wohl nicht auf Kunststoff verzichten, sagt Ritter. „Es wird dafür irgendwann gute Alternativen geben, aber noch steckt das in den Kinderschuhen.“

Mehrweg statt Einweg: Viele Bäckerein bieten Mehrweg-Becher an.
Bild: Christoph Kölle


Plastik im täglichen Gebrauch einsparen – das versucht man in Altenstadt: Marktrat und Unternehmer Jochen Anders hat mehrere Firmen zusammengetrommelt, die künftig auf Einweg-Plastiktüten verzichten wollen. Stattdessen sollen fortan Stofftaschen für einen geringen Betrag an Kunden ausgehändigt werden. „Uns geht es um den ökologischen Gedanken“, sagt Anders. Man bekomme ja im Alltag viel Plastik ausgehändigt. Da wolle die Initiative „Plastikfrei wir sind dabei“ ansetzen. (Lesen Sie dazu auch: Dieser plastikfreie Markt lockt Kunden aus der ganzen Region an )


Eine Idee mit ähnlichem Ziel sind wiederverwertbare To-Go-Kaffeebecher, die von verschiedenen Anbietern zu haben sind. Einer davon ist das Münchner Startup „Recup“, der verschiedene Designs für Regionen anbietet. Zum Beispiel für Ulm und Neu-Ulm. 23 Unternehmen in der Region geben die Becher inzwischen aus, auch das Allgäu hat ein eigenes Logo. Bis zu 1000 Mal können die Recup-Tassen in die Spülmaschine, sagt der Anbieter. Werde er 15 bis 20 Mal verwendet, sei er ökologischer als ein Einwegbecher (Mehr darüber erfahren Sie hier: Das Mehrweg-System Recup: Ein toller Becher, aber... ).

Ob die Menschen bereit sind, für Bio-Verpackungen mehr zu zahlen? Der Illertisser Klimaschutzmanager Ziegler könnte sich das vorstellen: 50 Cent mehr für ein Mittagessen seien tragbar – zumindest wenn dafür eine wirklich umweltfreundliche Alternative zum Einweg-Plastik zu haben sei. Oder besser noch: Etwas Zeit nehmen und im Lokal essen. Doch da ist noch die Sache mit der kurzen Mittagspause.

Was jeder Einzelne tun kann : Das sagt Redakteur Jens Carsten in seinem Kommentar: Plastikflut in Illertissen: Nachhaltiges Leben beginnt im Kleinen


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