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Vöhringen

25.12.2018

Vöhringer Kirchturm birgt eine Krippe mit rührender Geschichte

Diese kostbare Krippe, die in den Jahren 1790 bis 1793 entstanden ist, hat einen langen Weg hinter sich. Sie stammt aus Neapel und kam über Rom 1983 nach Vöhringen in die Pfarrkirche St. Michael. Dort ist sie auf der ersten Empore zu finden.
Bild: Ursula Katharina Balken

Eine Krippe aus Neapel steht in einem Schrein auf der ersten Empore der Vöhringer Michaelskirche. Wie sie dorthin kam und welche Geschichte hinter den Figuren steckt.

Krippen zu Weihnachten aufzustellen, hat besonders im alpenländischen Raum eine lange Tradition. Die figürliche Darstellung der Geburt Christi beflügelte schon immer die Fantasie geschickter Schnitzer. So entstanden wahre Kunstwerke, die immer wieder beim hierzulande üblichen Krippenschauen bewundert werden. Was nicht jeder weiß: Die Vöhringer Pfarrkirche St. Michael beherbergt ein wahres Juwel der Krippenkunst. Das wertvolle Werk stammt aus Neapel. Der ehemalige Pfarrer Josef Hochenauer hat es 1983 in die Stadt geholt. Entstanden ist die Krippe zwischen 1790 und 1793. Das historische Kleinod befindet sich heute gut aufgehoben in einem verglasten Schrein auf der ersten Empore des Gotteshauses.

Monsignore Hochenauer erinnert sich, wie es dazu kam: „Karl Miller war mein erster Kaplan in Vöhringen mit guten Verbindungen nach Rom. Er hatte dort studiert. Er kannte einen römischen Kunsthändler, den ich dann kennenlernte. Er besorgte mir die beiden großen Bilder für die Seitenschiffe der Michaelskirche.“ Aber der Vöhringer Pfarrer war noch auf der Suche nach etwas anderem: Ihm fehlte eine Krippe für die Kirche. So hielt Kaplan Miller in der ewigen Stadt Ausschau nach einer Darstellung von Christi Geburt – und wurde fündig.

Neapel ist bekannt für Krippen

Eine Familie besaß eine schöne alte Krippe aus Neapel, wollte sich aber nicht von ihr trennen. Ein Grund war laut Hochenauer, dass das Werk mehreren Familienmitgliedern gehörte. Aber auch mit dem gebotenen Preis waren die Besitzer offenbar nicht einverstanden. „Erst als das finanzielle Angebot ein wenig nach oben ging, war man bereit, diese alte Krippe zu verkaufen“, sagt Hochenauer, der knapp 30 Jahre lang in Vöhringen Pfarrer war und jetzt in Durach lebt.

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Geschaffen hatte diese Darstellung von Christi Geburt der Bildhauer Giuseppe Sanmartino aus Neapel. Es ist überliefert, dass er mit einem seiner Söhne an der großen Krippe gearbeitet hatte, als dieser plötzlich starb. Seinen Schmerz über den Verlust des Kindes versuchte der Mann zu stillen: Er gab einer Figur die Gestalt und das Antlitz des Verstorbenen. Dann meinte er, man könne seinen geliebten „filio Angelo“ nicht so alleine lassen. So gab er allen Figuren Gesicht und Gestalt seiner Familienangehörigen. Nur die heilige Familie selbst mit Maria, Josef und dem Christkind ließ er vor Ehrfurcht unberührt und ließ sie so, wie er sie sich erdacht hatte.

Hochenauer weiß auch, dass diese große Krippe ein Auftragswerk für einen Fürsten war. Es sollte pünktlich zum Heiligen Abend fertig sein. Aber der Schöpfer des Kunstwerks vermochte sich von „seiner“ Krippe nicht zu trennen und zögerte die Lieferung immer wieder hinaus – was dem fürstlichen Herrn gar nicht gefiel. So soll er am Ersten Weihnachtsfeiertag zum Haus des Künstlers gefahren sein und die Krippe in sein Gefährt geladen haben. Darüber habe Sanmartino bittere Tränen vergossen.

Seine Heimat Neapel ist ein Dorado der Krippenbauer. Wer in die süditalienische Stadt kommt, sollte den Weg in die Via San Gregorio Armeno suchen. In dieser Gasse reihen sich ganzjährig Krippenstände aneinander. Eine weitere Besonderheit: In Neapel und Umgebung wird die Krippe bereits am 8. Dezember aufgestellt. Das Jesuskind aber wird erst in der Heiligen Nacht hineingelegt. Die neapolitanischen Krippen gelten zudem als besonders sehenswert, weil sie den Alltag in Süditalien darstellen: Eine Hausfrau kocht Spaghetti, eine Nachbarin backt Brot, Landleute schauen neugierig, was in der kärglichen Hütte geschehen ist. Auch die Vöhringer Krippe im Treppenhaus wirkt so lebendig, dass es lange dauert, alle Facetten der Darstellung zu erfassen. Beim Anblick der liebevoll gestalteten Details kommt Freude auf. Aber der Betrachter lernt auch das Leben in Neapel im 18. Jahrhundert kennen. Es ist bunt, lebhaft und voller Geschäftigkeit. Und über allem schweben große Engel, die die Weihnachtsbotschaft verkünden.

Als Vater der Krippen – wenn es auch nicht nachzuweisen ist – gilt übrigens der heilige Franziskus von Assisi. Er soll 1223 um Weihnachten herum in einem Wald eine Darstellung von Christi Geburt nachgebaut haben und dazu eine Futterkrippe für Ochs und Esel. Es ist überliefert, dass Franziskus an dieser Krippe eine Predigt hielt, um so den des Lesens unkundigen Menschen die frohe Botschaft zu verkünden.

Während der Weihnachtsbaum erst in den 1950er-Jahren Einzug in die Wohnzimmer hielt, stand die Krippe schon lange vorher dort. Zunächst war es jedoch ein Privileg der Klöster gewesen, eine Krippe zu besitzen. Es heißt, dass die Gestaltung der Geburt Christi nur den geistlichen Herren oblag.

Lesen Sie außerdem: Die erste Sonderschau gilt den Krippen

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