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Vöhringen

20.11.2018

Vöhringer Theater zeigt ein Spiel mit kaputten Typen

Ulrike Wölfli und Gerhard Mahler sind Teil der neuesten Produktion der Bühne „Szenenwechsel“.
Bild: Ursula Katharina Balken

In einem Stück von Henning Mankell überzeugen die Darsteller der Laienbühne „Szenenwechsel“ in schwierigen Rollen.

Wenn ein Theater wie „Szenenwechsel“ Henning Mankells „Ein Herbstabend vor der Stille“ auf die Bühne bringt, dann braucht der Spielleiter Mut und ein Ensemble, das den schwierigen Rollen gerecht wird. Peter Wölfli hat beides. In den Räumen von Spielplatz Bühne entwickelt er aus dem Stoff ein Kammerspiel, das zu einem spannenden Psychodrama wird.

Darum geht es: Ein Haus hoch über dem Meer auf einer einsamen Insel in Schweden soll verkauft werden. Die Eigentümerin will es so, aber „die Geschwister können sich nicht einigen“. So findet sich an einem stürmischen Nachmittag eine Gruppe von Menschen ein, die alle dasselbe wollen: Das Anwesen besichtigen, um es zu erwerben, falls der Preis stimmt. So gibt es zunächst ein bisschen höflichen Smalltalk. Bis die Nachricht eintrifft, dass wegen Unwetters und hohem Wellengang am Abend keine Rückkehr aufs Festland möglich ist. Man muss wohl oder übel in fremder Umgebung übernachten. Damit beginnt die Stunde der Wahrheit: Das Individuum Mensch, mit bisher verborgenen Schwächen und seiner ganzen Verletzlichkeit, offenbart sich.

Psychogramm einer Ehe entwickelt sich

Da ist zunächst Tom (gespielt von Gerhard Mahler), ein Nachtclubbesitzer mit aufgeheiztem Testosteronspiegel, den er mit Pillen auch noch nach oben puscht. Sein Ego ist vom Sex besessen. Kaum ist seine spitzzüngige und attraktive Frau Lisa (Sarah Schwerdel) eingetroffen, verschwinden die beiden auch schon im Labyrinth des Hauses. Was sie da treiben, ist unschwer auszumachen. Beide sind ein Paar, das sich liebt und hasst. Lisa sitzt später mit aufreizend kurzem Rock auf dem Tisch und seziert die Welt mit ihrer hausgemachten Philosophie.

Rolf und Hanna (Johannes Koerner und Sonja Sonntag) sind ein Ehepaar, das für seine psychisch kranke Tochter (Diana Kurz) ein Haus sucht. Dort soll die kranke Seele des Mädchens zur Ruhe kommen. Es entwickelt sich das Psychogramm einer Ehe: Eine nicht verstandene Frau, ein geltungssüchtiger Mann und dazu eine sensible Tochter, die mit Ruhe und aufreizend leiser Stimme gnadenlos die Ehe ihrer Eltern analysiert. Sie flüchtet sich in die Arme von Lena (Ulrike Wölfli), ein abserviertes Model, dessen Welt der Laufsteg war. Das ist eine erfreuliche Neuentdeckung für das Ensemble.

Darsteller bekommen langanhaltenden Beifall

Lena, eigentlich eine warmherzige Frau, hat einen Hang zum Alkohol, vielleicht ein Ersatz für verblichene Catwalk-Erinnerungen, als sie der Star mit ihrem „Arsch“ war. Ein Ausdruck, den Mankell in seinem Werk nahezu inflationär verwendet. Und dann ist da noch Tone (Nora Lange), eine kühle Geschäftsfrau aus dem Anlagebusiness, die das Haus ihrer Kindheit verkaufen will. Aber auch hinter ihrer anfangs glatten Fassade verbergen sich Emotionen. Die erzwungene Einsamkeit der sieben Menschen auf der Insel führt zur Eskalation, die schließlich auch ein Todesopfer fordert.

Irgendwie sind es alle kaputte Typen, von den Darstellern trefflich gezeichnet. Wölfli verzichtet dabei auf jede Effekthascherei. Die braucht er auch nicht. Mankell liefert eine verbal deftige Vorlage. Es ist ein Abend, der seelische Risse und Verletzungen schonungslos offenbart – und eine Aufführung mit Darstellern, denen langanhaltender Beifall gilt.

Weitere Aufführungen: Freitag, 23., Samstag, 24. und Freitag, 30. November sowie Sonntag, 2. Dezember, jeweils 20 Uhr, in den Räumen von Spielplatz Bühne, Wielandstraße 5.

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