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Matzenhofen

27.05.2020

Vom Grab des Eremiten am Kindlesbrunnen

Informationen über die Entstehung der Wallfahrtskirche Matzenhofen verschwimmen in den nebulösen Gefilden der Geschichte. Der Volksglauben besagte einst, dass aus einem Brunnen bei Matzenhofen die Babys kommen.
Bild: Ralph Manhalter

Plus Die Wallfahrt Matzenhofen ist jahrhundertealt – und sie birgt so manches Geheimnis. Eine weitere Geschichte aus der Geschichte im Landkreis Neu-Ulm.

Noch Ende des 19. Jahrhunderts hatten die Kinder im Roth- und Bibertal ganz eigene Vorstellungen, woher denn plötzlich ihre neuen Geschwisterchen kommen: Die seien demnach aus einem Brunnen geholt worden, der bei Matzenhofen liegt. Und es war nicht der Storch, der sie aus den Tiefen emporbeförderte – dessen Job wurde es erst später –, sondern der dortige Klausner spielte die Rolle der Hebamme.

Dass er seine Arbeit gut machte, bewies der zahlreiche Nachwuchs in den umliegenden Gemeinden. Nun, zwischenzeitlich erfährt das neugierige Mädchen oder der aufgeschlossene Bub bereits im Kindergarten die Geheimnisse der gar nicht jungfräulichen Geburt.

Der alte Volksglaube erstreckte sich allemal einst über das weite schwäbische Land und fand seinen hiesigen Tatort neben der Wallfahrtskirche in Matzenhofen. Deren Entstehung wiederum verschwimmt in den nebulösen Gefilden der Geschichte.

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Dank ausführlicher Ausgrabungen durch den Kreisarchäologen Richard Ambs konnte zumindest in bauhistorischer Hinsicht etwas Licht in die Angelegenheit gebracht werden: Ein erster Kirchen- oder vielmehr Kapellenbau dürfte im Spätmittelalter errichtet worden sein. Diese Vermutung basiert auf der Erschaffung des Gnadenbildes, welche der Kunsthistoriker Heinrich Habel auf etwa 1470/80 datiert hat.

Skelett wurde zu Tage befördert

Setzt man nun diesen Zeitrahmen mit der Einrichtung einer Wallfahrt gleich, so könnte diese entstanden sein unter den Herren von Rechberg, welche an der Wende zur Neuzeit große Gebiete in Mittelschwaben beherrschten. Eine Ursachenforschung, welches Ereignis denn überhaupt den Zulauf der Gläubigen ausgelöst hatte, blieb ebenso wie im benachbarten Waldreichenbach bislang ergebnislos.

Das Grab eines Eremiten befindet sich an der Südwand der Kirche.
Bild: Ralph Manhalter

Leibhaftig im reduzierten Sinn des Wortes war hingegen das Skelett, das bei den Ausgrabungen der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu Tage befördert wurde. Knapp 60 Zentimeter unter dem Kirchenboden in einem zum Teil noch erhaltenen Holzsarg ruhend, verriet die dort bestattete Person ihre einstige Funktion: Überreste eines Rosenkranzes, Kleidungsfragmente und ein Holzkreuz mit Messingkorpus wiesen auf einen Mann der Kirche hin.

Tatsächlich, so berichtet der gedruckte Kirchenführer, befand sich seit 1641 in Matzenhofen eine Einsiedelei, in der ein Eremit oder Klausner ein karges Leben fristete. Zunächst bewohnte der fromme Mann ein kleines Häuschen neben der Kirche, in welchem es damals bereits einen Ausschank für Durchreisende und Waldarbeiter gab.

Diebe waren auf der Suche nach Wachs

Doch 1768 erdreisteten sich Diebe, das damals errichtete Baugerüst zu erklimmen und in die Kirche einzudringen. Aber nicht etwa sakrale Gegenstände oder gar das hochverehrte Gnadenbild befeuerten die kriminelle Energie: Die ungebetenen Besucher waren auf der Suche nach Wachs! Wachs galt in jener Zeit als äußerst wertvoll und wo war es reichlicher vorhanden als in einer Kirche?

Der Eremit beschloss, fortan seine Wirkungsstätte nicht mehr aus den Augen zu lassen. Kurzerhand wurde die Sakristei aufgestockt und zur Wohnstatt des Klausners ausgebaut: Dass nun ja keiner mehr wage, in böser Absicht unbemerkt in das Haus Gottes einzudringen!

Als all dies geschah, war der Mensch, der heute mit dem Blick nach Osten unter den Fliesen des Mittelschiffs liegt, schon längst tot. Zieht der Archäologe die gefundenen Grabbeigaben zur Datierung herbei, antwortet ihm der Historiker, es könnte sich bei dem Skelett um den Bruder Jakob Hartmann handeln, der von 1671 bis 1711 bei der Wallfahrtskirche lebte. Dessen Konterfei kann auf der Empore bewundert werden. Ob er allerdings irgendetwas mit den Babys aus dem Brunnen zu schaffen hatte, ist daraus leider nicht ersichtlich.

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