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15.06.2009

Vom Höhenflug in die Abgründe der Dunkelheit

Vöhringen Oft achtlos hingeworfene Sätze wie "Ach, der spinnt wieder mal" oder "Die hat sie nicht alle" sind verletzend. Schmerzlich empfinden das vor allem Menschen, die von "bipolaren Störungen" - früher auch manisch depressiv genannt - betroffen sind. Statistiken besagen, dass weltweit 0,3 bis 1,9 Prozent der Menschen unter dieser Krankheit leiden. Einer davon ist Jörg Höb, der in Vöhringen eine Selbsthilfegruppe gegründet hat und jetzt an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Er hatte die lästigen Fragen, warum er mit 51 Jahren bereits Rentner ist, satt. Aber krankheitsbedingt konnte er seinen Beruf als freischaffender Architekt, was ihm ein hohes Maß an Konzentration abfordert, nicht mehr ausüben. "Angefangen hat alles 1986, als ich plötzlich unter Wahrnehmungsstörungen litt, Gesten und Umgang mit anderen Menschen falsch interpretierte und mich ständig attackiert sah."

Arztbesuche brachten keine Linderung

Arztbesuche und Klinikaufenthalt brachten trotz massiver Medikation keine Besserung. "Bei mir entwickelte sich die Krankheit mehr unipolar, das heißt, ich war von einem unbändigen Optimismus getrieben, hob fast ab. Bis auf ein einziges Mal blieb ich von Depressionen bisher verschont." Höb konsultierte Ärzte, aber es dauerte lange, wie er sagt, bis die Krankheit richtig diagnostiziert war. "Es war ein Schock." Und nicht nur für ihn, denn die unmittelbare Umgebung litt und leidet mit. Aber Jörg Höb hat für sich selbst eine Therapie entwickelt, er malt. Das beschäftigt ihn, entwickelt Kreativität. Beides hilft ihm.

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Über ähnliche Erfahrungen spricht der 55-jährige Martin S. (Name von der Redaktion geändert) aus Senden. Nur ist er nicht selbst betroffen, sondern seine Frau. "Die ersten Symptome zeigten sich 2003. Meine Frau - sie ist 53 - weinte ohne Anlass und Grund oder lag apathisch auf dem Sofa, zeigte keinerlei Antriebskraft mehr. Dann kamen Zeiten, in denen sie einen übertriebenen Aktivismus entwickelte, Dinge kaufte, die man nicht brauchte, und war hyperaktiv."

"Natürlich", so sagt der 55-Jährige, "verlor ich manchmal die Geduld, vor allem, wenn sie zu nichts zu motivieren war." Auch entschlüpfte ihm dann auch mal ungeduldig: "Reiß dich doch mal zusammen!" Heute weiß er mehr. Ein Freund der Familie brachte ihn auf den Gedanken, dass seine Frau unter Depressionen leiden könnte.

Nach gründlicher Untersuchung durch einen Neurologen stand die Diagnose fest, seine Frau leidet unter bipolaren Störungen. Bipolar steht für die beiden Extreme wie Nord und Süd, Plus und Minus, also unbändiger Optimismus und grundlos traurige Stimmung.

Es wurden Medikamente verordnet. "Aber da gibt es Nebenwirkungen und die Medikamente schlagen auch nicht sofort an." Und so probierte sich die kranke Frau durch das Angebot der Pharmaindustrie hindurch. Die Nebenwirkungen kennt auch Jörg Höb. "Man neigt zu Schweißausbrüchen und man nimmt an Gewicht zu."

Manchmal reagiert das Umfeld mit Unverständnis

Das familiäre Umfeld wie der Freundeskreis reagieren manchmal mit Unverständnis, berichten Neurologen. Deshalb ist Verständnis für den Partner oberstes Gebot. "Aber das kostet Kraft, man muss lernen, mit der Krankheit des Partners umzugehen", weiß Martin S. Er selbst hat lernen wollen und müssen, "mit dem Psychostress fertig zu werden".

Er geniert sich nicht zuzugeben, dass er professionelle Hilfe in Anspruch genommen hat. Das machte das Leben für ihn und seine Frau leichter. Denn eines hatte man Höb und Martin S. klar gemacht, man kann die Krankheit lindern, aber nicht heilen.

So kam Jörg Höb auf die Idee, die Selbsthilfegruppe "BSDI - Bipolare Selbsthilfe Donau-Iller" ins Leben zu rufen, die dem deutschen Dachverband "Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V." unterstellt ist. Noch ist die Gruppe klein, weil viele den Schritt nach vorn scheuen, um offen über ihre Krankheit zu sprechen. Die Selbsthilfe soll ein Mutmacher und Anlaufstelle für Betroffene zu sein, sich austauschen zu können und sich unter Menschen mit der gleichen Krankheit gut aufgehoben zu fühlen.

Info: Wer mehr wissen will, erfährt dies im Internet unter www.dgbs.de oder per E-Mail jmh57@t-online.de oder auch telefonisch unter (0 73 06) 3 35 00. Die Gruppe trifft sich jeden zweiten und vierten Mittwoch eines Monats. Ort und Zeit kann man auf Anfrage erfahren.

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