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Ulm

10.08.2018

Warum bemerkte niemand den Horror hinter Gittern?

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Der Tatort: die Justizvollzugsanstalt am Frauengraben.

Der Ulmer Gefängnisleiter Schiefelbein spricht über die begrenzten Möglichkeiten des Wachpersonals in Vollzugsanstalten.

Auf exakt 18,03 Quadratmetern erlebte ein 61-Jähriger die Hölle auf Erden: Haftraum 127 der Ulmer Vollzugsanstalt am Frauengraben wurde, wie berichtet , im November vergangenen Jahres zum Tatort unvorstellbarer Gewalt. Ein 19-jähriger Mithäftling misshandelte den Mann vier Tage am Stück derart bestialisch mit einer Gabel, sodass er fast an den Folgen eines Darmrisses gestorben wäre.

Dies war nicht der erste Fall exzessiver Gewalt im Knast am Frauengraben: Im Februar dieses Jahres wurden bei einem Prozess vor dem Landgericht bereits grausame Rituale öffentlich: Neuankömmlingen des Jugend-Untersuchungsgefängnisses wurde in der Dusche aufgelauert, sie wurden geschlagen, beinahe vergewaltigt und gezwungen, einen Cocktail aus Urin, Kot und Zigarettenasche zu trinken. Initiator und Hauptakteur der Vorfälle, die sich bereits im Oktober und November 2013 zutrugen, war ein 19-jähriger Häftling. Der Anwalt des Hauptangeklagten sprach damals von einem Versagen in der Justizvollzugsanstalt. Vorwürfe, die Ulrich Schiefelbein, der Leiter der Justizvollzugsanstalt Ulm, damals wie heute nicht gelten lassen will.

In deutschen Gefängnissen ist Gewalt Alltag

Schiefelbein zeigt sich auf Nachfrage unserer Zeitung bestürzt von der Massivität der Gewalt. Doch diese lasse sich leider nicht komplett verhindern. Zumal auch in Ulm derartige Vorfälle selten seien: „Vier Jahre liegen dazwischen“, sagt Schiefelbein. Vier Jahre, in denen nichts passiert sei. In der Tat ist Gewalt in deutschen Gefängnissen Alltag: Jeder vierte Häftling wird hinter Gittern im Laufe eines Monats Opfer von körperlichen Übergriffen. Das geht aus einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen aus dem Jahr 2012 hervor. Die befragten Gefangenen berichteten von sexuellen Übergriffen, von Schlägen im Sportraum, von Vergewaltigungen in der Gemeinschaftsdusche. Als besonders gefährliche Orte entpuppten sich laut Studie die Gemeinschaftszellen sowie unübersichtliche Flure, Duschen und Freistundenhöfe mit dunklen Ecken. Fast die Hälfte der Opfer gab an, keine Anzeige erstattet zu haben.

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Die Brutalität des 19-jährigen mutmaßlichen Täters sei aber außergewöhnlich. Offensichtlich sei sein 61-jähriges Opfer extrem von seinem Peiniger eingeschüchtert worden. Schiefelbein spricht von einer „emotionalen Abhängigkeit“.

Aus dem Haftraum in Ulm wurden keine Schreie vernommen

In jedem Haftraum gebe es etwa eine Gegensprechanlage. Rund um die Uhr könnten die Häftlinge hier mit Angestellten der Justiz Kontakt aufnehmen. Auch nachts: Während tagsüber bis 18 Uhr die Leitung zum Büro auf dem gleichen Stock führe, werde danach direkt die Torwache alarmiert. Die Anlage werde regelmäßig auf Funktionstüchtigkeit überprüft. Auch beim täglichen Hofgang hätten die Untersuchungshäftlinge die Möglichkeit, mit dem JVA-Personal in Kontakt zu treten. Dies sei nicht erfolgt. Auch Schreie habe niemand aus Haftraum 127, der einen 1,49 Quadratmeter großen Toilettenraum hat, vernommen. Zudem sei das Wachpersonal angewiesen, auf etwaige Verletzungen der Insassen zu achten. Auch hier habe es keine Auffälligkeiten beim 61-Jährigen gegeben, weil der Gewalttäter das Gesicht offenbar verschonte. Nachdem gerade in Untersuchungshaft Insassen ein Recht auf Privatsphäre haben, erlauben die Gesetze beispielsweise keine Kameraüberwachung in den Zellen.

Der Peiniger sei allerdings bereits vor den brutalen Vorkommnissen durch einen „Vorfall“ mit einem Mithäftling aktenkundig geworden. Deswegen habe man den 19-Jährigen innerhalb der Ulmer JVA verlegt, damit er seinem Widersacher nicht erneut begegnet. Für eine Unterbringung in Einzelhaft sah die JVA-Leitung damals keinen Anlass. Eine „abgesonderte Unterbringung“ sei erst angeordnet worden, nachdem das Opfer stark blutend bei den Nasszellen übernachten musste und dann vom „Frühstücksdienst“ aufgegriffen wurde. Nun wurde der Gewalttäter wieder verlegt: nach Stuttgart-Stammheim. Sein 61-jähriges Opfer wurde längst aus der Haft entlassen und sucht offenbar Trost im Alkohol.

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