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Neu-Ulm/Weiler

20.10.2019

Was tun bei einem Amoklauf? Polizei und Retter proben Ernstfall

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Beamte habe am Samstag die Ratiopharm-Arena in Neu-Ulm gestürmt – aber nur zur Probe. Ein Amokläufer soll dort, laut Übungsszenario, um sich geschossen haben.
Bild: Andreas Brücken

Plus Polizei, Feuerwehr und Sanitäter proben in einer Übung im Landkreis Neu-Ulm den Katastrophenfall. Die Szenen, die sich am Samstag abspielen, sind teils beklemmend.

Es ist ein Szenario, wie es keiner der Beteiligten jemals in der Realität erleben möchte: Aus dem Inneren der Ratiopharm-Arena in Neu-Ulm dringt das Geräusch von Schüssen nach draußen, Menschen schreien und rennen in Panik um ihr Leben. Auch wenn es sich beim Einsatz nur um eine Katastrophenschutzübung handelt, sorgen die rund 100 Darsteller mit dramatischem Verhalten für viel Stress bei den Rettungskräften.

Die Polizei, die nur wenige Minuten nach dem ersten Notruf vor Ort ist, geht von einem Terroranschlag aus. Deshalb hat der Einsatzleiter der Feuerwehr für die nachfolgenden Rettungskräfte vom Roten Kreuz zunächst den Rückzug vom vermuteten Tatort angeordnet. Dutzende Krankenwagen haben sich in ausreichender Entfernung von der Halle in Sicherheit gebracht. Auch die schwerbewaffneten und mit Schutzwesten gesicherten Polizisten halten sich zunächst zurück und sichern in Gruppen das äußere Umfeld der Halle ab. Polizeisprecher Holger Stabik erklärt, dass dieses Verhalten seiner Kollegen durchaus so in der Ausbildung geübt wird. „Die Eigenschutz geht vor Fremdrettung, auch wenn man als Polizist sein ,Helfergen‘ in diesem Moment unterdrücken muss.“

Rund 100 Darsteller mimten am Samstag Opfer.
Bild: Andreas Brücken

Niemand will sich in diesem Moment vorstellen, wie es tatsächlich wäre, wenn Helfer vor der Halle zusehen müssten, wie angeschossene Opfer verbluten. Bei Anschlägen in anderen Ländern fielen Menschen dem „Second Hit“ zum Opfer, als Attentäter beim Eintreffen der Hilfskräfte ein weiteres Mal zugeschlagen hatten. In der Halle ist die Lage derweil noch unübersichtlich

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Katastropheneinsatz: Polizei trainiert Amok-Alarm
Bild: Andreas Brücken

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Nach etwa 30 Minuten rücken die rund 20 Männer und Frauen des operativen Einsatzdienstes an. Mit klaren Ansagen der Einsatzleiter stürmt der Trupp im Schutz von Fahrzeugen, Hauswänden und Gebüschen in Richtung Halle. Noch einmal ist ein lauter, dumpfer Knall zu hören. Darüber, was im Inneren der Arena geschieht, lässt sich Polizei jedoch nicht in die Karten schauen. Nach rund 20 Minuten rücken die Spezialisten wieder ab – der Täter ist wohl gestellt.

Gleichzeitig irren die beiden Opferdarstellerinnen Xenia Baumann und Jenny George im Freien umher. Die beiden haben geschminkte Verletzungen und sind Profis in ihrer Rolle: Sie machen den Polizisten mächtig Stress, weil sie dringend Hilfe von den Rettungskräften fordern, diese jedoch nicht zum Tatort vordringen dürfen. Auch die Besatzung eines Krankenwagens, der an der Gruppe vorbeifährt, hält nicht an. Langsam beginnt die Stimmung der Darsteller zu kippen und aus Spiel wird Ernst. Schließlich stehen die beiden schon seit fast einer Stunde im T-Shirt frierend im Regen.

Zweite Übung fand im Süden des Landkreises statt

Endlich geben die Einsatzleiter Entwarnung und lassen die wartenden Hilfskräfte anrücken: Eine zweite Blaulichtwelle mit dutzenden Rettungswagen rollt lautstark auf die Halle zu. Im Inneren der Arena, die nun betreten werden darf, bieten rund 100 Darsteller ein bizarres Bild: Manche blicken traumatisiert im Schock vor sich hin. Andere liegen in rotem Theaterblut am Boden, eine junge Frau schreit nach Hilfe. Die vielen Rettungskräfte sind kaum in der Lage, allen gleichzeitig zu helfen, während die Vorsichtung der Beteiligten ein System ins Chaos bringen soll. Dabei werden die Betroffenen mit Schildern markiert: Ein grünes Schild kennzeichnet gehfähige Patienten, während Rot für eine „sofortige Behandlung“ steht. Sachlich und nüchtern ist im „Vorsichtungsalgorithmus“ zu lesen, dass Patienten, die „nicht mit dem Leben vereinbare Verletzungen“ haben, die Todesfeststellung durch einen Arzt erhalten sollen.

Nach etwas mehr als zwei Stunden sind die meisten Darsteller in der Halle versorgt. Opferdarstellerin Baumann hat nun auch endlich eine wärmende Decke bekommen. Manche Kollegen würden sich bei einer Übung so sehr in ihre Rolle steigern, dass es kritisch werden könne, sagt sie. Um den Ernstfall von der Übung zu unterscheiden sei ein Codewort vereinbart worden. Bei der aktuellen Katastrophenübung war es „Gänseblümchen“, verrät Baumann.

Auch Landrat Thorsten Freudenberger sieht sich die Szenen an, die unter der Regie der Führungsgruppe Katastrophenschutz am Landratsamt durchgeführt werden. Er erklärt, dass die Darstellung des Einsatzes für ihn beklemmend sei, wenn eine solche Großübung auch die Realität gut abbilden würde. Er fügt hinzu: „Es ist gut, wenn wir auf etwas vorbereitet sind, was hoffentlich niemals eintrifft.“ Deshalb wird eine solche Großübung alle sechs Jahre durchgeführt. Neben Neu-Ulm ist der zweite Schwerpunkt am Samstag der Bereich Kellmünz, Weiler und Osterberg.

Ein weiterer Schwerpunkt der Übung lag auf Weiler im südlichen Landkreis.
Bild: Regina Langhans

Das Szenario dort: Ein Auto kollidiert mit einem Strommast. Der fällt auf die Straße, zwei Personen sind verletzt, eine davon ist eingeklemmt. Zwei Polizisten und vier Feuerwehrleute erleiden Stromschläge, weshalb das Versorgungsnetz abgeschaltet wird. Unter anderem sind die Biogasanlage südlich von Osterberg und etliche landwirtschaftliche Betriebe ohne Strom. Da bricht in Weiler an den Ställen eines Anwesens ein Feuer aus: In Gefahr sind vier Viehställe mit insgesamt 400 Rindern. Die Wehren im südlichen Landkreis werden alarmiert. Sie sind mit 25 Fahrzeugen und mehr als 150 Feuerwehrleuten in kürzester Zeit vor Ort. Dazu stoßen Rettungskräfte und das technische Hilfswerk. Ein schlimmes Szenario – und es ließe sich noch ausweiten. Wie ohne Strom zusätzliches Löschwasser befördern?

Kreisbrandinspektor Benedikt Kramer lobt die erfolgreich verlaufene Übung. Und Markus Högerle, Kommandant der Weiler Feuerwehr, sagt, das kleine Dorf sei noch niemals im Mittelpunkt derartig vieler Hilfskräfte gestanden – zum Glück.

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